Mythen und Fakten zur Menstruation Ist das die Regel?

Über die Vagina quatschen, warum nicht! Doch kaum fließt ein bisschen Blut, flüchten die Menschen, als würde ein DJ die Tanzfläche leerspielen. Fünf Fakten zur Menstruation - für alle, die nicht weghören wollen.

Vagina-Cupcakes
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Vagina-Cupcakes


Brauchen Frauen dringend einen Tampon, verhalten sie sich wie Drogendealer, damit bloß niemand die Übergabe von drei Gramm gepresster Watte bemerkt. Das Thema Menstruation ist bis heute ein großes Tabu. Dabei gibt es viel Überraschendes zu berichten über diesen Vorgang, den jede Frau kennt und doch viele verschweigen. Fünf Fakten:

1. Es fließt zu viel Filmblut

Die Fantasie ist oft schlimmer als die Realität, und so ist es auch bei der Menstruation. Kaum jemand weiß, wie viel Blut dabei vergossen wird, schließlich spricht keiner darüber. In der Werbung fließt nur blaue Testflüssigkeit und in der Filmwelt muss die Menstruation entweder für Horrorvisionen ("Carrie") oder schlechte Witze ("Dirty Love") herhalten, beides ist nicht gerade imagefördernd.

Fast immer geht es auf der Leinwand um die erste Periode eines ahnungslosen Mädchens, das sich von einer Sekunde auf die andere von oben bis unten mit Blut besudelt. Die Niagarafälle erblassen vor Neid angesichts der Ströme, die innerhalb von Sekunden aus Schulmädchenunterleiben strömen. Eine kurze Lektion für Filmemacher und alle, die es werden wollen: 60 Milliliter Blut verliert eine Frau durchschnittlich während ihrer gesamten Menstruation. Am ersten Tag der ersten Menstruation wären zehn Milliliter Blut schon viel.

2. Der Tampon gilt in Deutschland als It-Piece

Das Mehrwertsteuergesetz treibt in Deutschland skurrile Blüten. Ursprünglich wurde der ermäßigte Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent eingeführt, um Güter des täglichen Lebens für alle erschwinglich zu machen. Aber warum fallen Blumen, Hundekekse und bis vor Kurzem sogar Rennpferde unter diesen günstigen Satz, während die Verbraucherin für Tampons und Binden 19 Prozent Mehrwertsteuer bezahlt?

Hygieneprodukte sind folglich hierzulande entbehrliche Luxusartikel - her mit dem Tampon, diesem exklusiven It-Piece! Zurück zum blutigen Ernst: Dass Frauenhygieneartikel keine Luxusgüter sind, hat man in anderen Ländern längst begriffen. In Kenia, Kanada, England, Irland, Frankreich sowie in einigen US-Staaten wurde die Tamponsteuer abgeschafft oder zumindest stark gesenkt. In Deutschland blieb der Aufschrei bisher aus, aber eine entsprechende Petition läuft.

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3. PMS wirkt strafmildernd

Das Prämenstruelle Syndrom (PMS) beschreibt die Phase kurz vor dem Beginn der Menstruation, in der Frauen oft unter Stimmungsschwankungen leiden. Wie und warum der sinkende Östrogenspiegel und der gleichzeitige Anstieg des Progesteronspiegels sich auf die Psyche auswirken, sollte dringend besser erforscht werden. Immerhin hatte PMS in Großbritannien sogar schon eine strafmildernde Wirkung.

1981 stand die bereits vorbestrafte Sandie Craddock wegen Mordes vor Gericht, doch ein Gutachten und die Auswertung ihrer Tagebücher machten deutlich, dass sie ihre Verbrechen und Selbstmordversuche exakt alle 29 Tagen beging, synchron zu ihrem Menstruationszyklus. So kam das Gericht zur Überzeugung, dass Sandie ein Opfer ihrer Hormone war, sie bekam eine Bewährungsstrafe unter der Auflage, sich einer Hormontherapie zu unterziehen.

4. Die Menstruation vereint die Religionen

Wenn es um menstruierende Frauen geht, rücken die großen Religionen stillschweigend zusammen: Ob Judentum, Islam oder Hinduismus, für sie alle ist die Frau an diesen Tagen unrein, sie darf das Gotteshaus nicht betreten, und Sex mit ihr ist tabu, so steht es in den Heiligen Schriften. Auch in der katholischen Kirche galt das Weib dank der Menstruation als minderwertig und konnte ausgeschlossen werden - schließlich war die Blutung die Strafe für die Verfehlung Evas.

Bereits in der Antike geisterten wilde Theorien durch Männerköpfe, Plinius der Ältere machte menstruierende Frauen in seiner "Naturalis historia" für verdorbene Speisen, matte Spiegel und das Bienensterben verantwortlich. Die fixe Idee von der unreinen oder gar giftigen Frau hielt sich über Jahrtausende, so sollte sie bis in die Siebzigerjahre kein Blut spenden, sich aus Foto- und Röntgenlabors fernhalten und nicht beim Einkochen von Lebensmitteln mithelfen, wenn sie ihre Tage hatte.

Was für uns heute lächerlich klingen mag, ist in vielen asiatischen und afrikanischen Ländern noch immer bittere Realität: Hier werden Frauen einmal im Monat wie Aussätzige behandelt.

5. Ein Orgasmus ist das bessere Schmerzmittel

Es gibt ein natürliches und kostenloses Mittel, das bei klassischen Menstruationsbeschwerden wie Rückenschmerzen und Unterleibskrämpfen helfen kann: der Orgasmus. Gynäkologen bestätigen, dass er krampflösend wirkt und dank der ausgeschütteten Glückshormone Schmerzen lindert. Die dadurch ausgelösten Muskelkontraktionen der Gebärmutter bringen die Menstruation zusätzlich in Schwung, so fließt mehr Blut und sie geht schneller vorbei.

Leider melden sich bei dieser Vorstellung oft unaufgefordert das Schamgefühl und die Sorge, dass der Partner sich ekelt. Da hilft nur: locker machen, selbst Hand anlegen oder beim Sex einen Soft-Tampon benutzen, der das Blut abfängt - so machen es viele Prostituierte, wenn sie ihre Tage haben.



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