Mers in Südkorea Das Angst-Virus

Atemmasken beherrschen Seouls Straßenbild, Menschen fürchten sich vor dem Mers-Virus, das tödlich sein kann. Fast hundert Koreaner haben sich infiziert. Jetzt soll über Mobiltelefone überwacht werden, ob ihre Angehörigen die Quarantäne brechen.

Von , Seoul

AP

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Abends im Ausgehviertel Gangnam: Die Frauen tragen in der Schwüle kurze Shorts und weiße Shirts, die Männer Jeans und Hemden. Ein Accessoire aber eint die Geschlechter, es ist die Schutzmaske. Die Angst vor Mers geht um in Südkorea, angefacht durch verworrene Kommunikation der Behörden und Medien, fehlendes Vertrauen und Unsicherheiten über die Funktionsweise des neuen Erregers. Auch wenn sich das Land mit voller Kraft gegen die Krankheit stemmt: Das Virus bleibt rätselhaft, für die Bevölkerung gibt es noch keine Entwarnung.

Am Dienstag sind acht neue Infektionen bekannt geworden, mittlerweile wurden insgesamt 95 Fälle bestätigt, sieben Menschen sind gestorben. Infolge der Infektion kann es zu Atemstillstand und Organversagen kommen. Es ist der größte Ausbruch der Krankheit außerhalb des Nahen Ostens. Wahrscheinlich wurde der Erreger vor vielen Jahren unerkannt von Kamelen auf Menschen übertragen, jetzt hat ein Reisender das Virus nach Südkorea gebracht.

"Wir haben die Chance verpasst, den Ausbruch am Anfang zu stoppen", sagt Sung-Han Kim, Infektionsforscher am Asan Medical Center in Seoul. "Wir haben es versäumt, Menschen, die auf derselben Station mit Patienten lagen, nachzuverfolgen". Man habe anfangs nur die im Blick gehabt, die im engen Kontakt zu den Patienten standen, sagt Kim. Doch überraschenderweise haben sich auch Menschen angesteckt, die nicht in unmittelbarer Nähe waren - wie, ist noch unbekannt.

Infrage kämen etwa Mücken. Es könne auch sein, dass sich Menschen über verschmutzte Gegenstände infiziert haben, sagt Kim. Das verwandte Virus Sars hatte etwa in einem Teppich überdauert.

Infektionen trotz hoher Standards

Rätselhaft bleibt auch noch, warum sich so viele Menschen in den Krankenhäusern anstecken konnten. Südkorea gilt als ein Land mit einem hohen medizinischen Standard. "Wir haben zwar gute Standards und Protokolle, müssen aber auch darauf achten, dass wir sie einhalten", sagt Kee-Jong Hong, Direktor des Instituts Pasteur Korea. Das sei in diesem Fall nicht genügend getan worden. Die Anweisung an Krankenhausmitarbeiter, ihre Hände zu waschen, würde nur etwa von zwei Dritteln befolgt.

Jetzt bemühen sich die südkoreanischen Behörden, den Ausbruch mit aller Kraft zu ersticken. Penibel werden Menschen ermittelt, die mit Infizierten Kontakt hatten, und unter Quarantäne gesetzt. Mittlerweile trifft das fast 3000 Personen. Geplant ist auch, ihre Bewegungen durch die Analyse ihrer Mobiltelefone zu überwachen, um sicherzustellen, dass sie die Quarantäne nicht brechen.

Mit ihren Aktionen, die zum Teil deutlich über das Ziel hinausschießen, verunsichern die Behörden jedoch auch die Bevölkerung. So wurde etwa ein ganzes Dorf mit etwa hundert Menschen in Quarantäne gesetzt, nachdem eine infizierte Frau gegen ärztlichen Rat dorthin zurückgekehrt war. In Zoos wurden Kamele isoliert. Eine wenig sinnvolle Maßnahme. Zwar geht man davon aus, dass die Tiere Menschen anstecken können. Andersrum ist allerdings nicht nachgewiesen worden, dass auch der Mensch Kamele anstecken kann.

Krankenhäuser als Brutstätte des Virus

Zudem haben die Behörden mittlerweile 2200 Schulen geschlossen, um Kinder vor einer Infektion zu schützen. Dabei sind nach dem heutigen Stand keine Ansteckungen außerhalb von Krankenhäusern bekannt. Warum das so ist, bleibt für die Forscher rätselhaft; was ist das Besondere an den Kliniken? Auch im Nahen Osten, wo sich im vergangenen Jahr das Virus verbreitete, wurde die Mehrheit der Infektionen auf Krankenhäuser zurückgeführt.

Am wahrscheinlichsten sei, dass die Schwerkranken - sie sind am ansteckendsten - sich nun mal dort befinden, sagt Kim. Doch auch andere Möglichkeiten kommen infrage, etwa, dass Maßnahmen zur Beatmung die Übertragung des Virus über den Luftweg erleichtern könnten. Was auch immer der Grund sein mag: Tatsache ist, dass Menschen auf den Straßen und in der U-Bahn kaum einer Gefahr ausgesetzt sind und höchstwahrscheinlich keine Masken brauchen.

Gerade diese wichtigen Nachrichten kommen nur zum Teil bei den Menschen an. Lange wurden die Krankenhäuser nicht benannt, in denen sich die Patienten infiziert hatten. Die koreanische Behörde für Kontrolle von Infektionskrankheiten stellte gar überfordert ihr Twitter-Konto ein. Dagegen verbreiteten die Medien beunruhigende Spekulationen und Halbwahrheiten. "Bei der Kommunikation gab es Versäumnisse", sagt Instituts-Direktor Hong.

Der Arzt schätzt, dass es noch ein halbes Jahr dauern wird, die Epidemie ganz in den Griff zu bekommen. In dieser Zeit werden die Koreaner noch viele Unsicherheiten ertragen müssen. Auch dass die Menschen ihre Masken nicht tragen brauchen, will Mediziner Kim noch nicht kommunizieren. "Noch ist vieles über Mers unbekannt", sagt der Arzt. Es sei eben sehr unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich, sich in der U-Bahn anzustecken. Wenn man Symptome einer Grippe habe, solle man ohnehin besser eine Maske tragen, um andere nicht anzustecken. Man könne am Anfang nicht wissen, ob es nicht doch Mers ist, sagt Kim.

Trotzdem versucht der Arzt zu beruhigen: "Man sollte sich nicht zu viele Sorgen machen", sagt er. Nur wo die Sorgen anfangen und wo aufhören sollten, mit dieser Frage werden die Menschen in Südkorea sich selbst überlassen.

Zusammengefasst: In Südkorea haben sich nahezu hundert Menschen mit dem Mers-Virus infiziert, sieben sind gestorben. Obwohl fast alle Ansteckungen in Krankenhäusern stattfanden, greift die Regierung zu drastischen Maßnahmen: 2200 Schulen wurden geschlossen; fast 3000 Menschen unter Quarantäne gestellt - ihre Bewegungen sollen per Handys überwacht werden. Bis der Ausbruch unter Kontrolle ist, werden wahrscheinlich Wochen oder Monate vergehen.

Erreger aus Saudi-Arabien
ZUM AUTOR
  • Hristio Boytchev
    Hristio Boytchev ist freier Wissenschaftsjournalist und lebt in Berlin.

    www.hrist.io



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insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
fatherted98 09.06.2015
1. Das...
...steht uns auch noch ins Haus. Ebola war nur schwer übertragbar...aber wenn ein Virus erst mal über die Luft übertragbar bei uns einfällt...dann werden Quarantäne Maßnahmen wohl kaum greifen...da unsere Starrsinnigen Bürger ja ihre Freiheit eingeschränkt sehen würden und trotz aller Verbote und Beschränkungen machen würden was sie wollten. In Süd Korea ist das die Disziplin wohl noch eine andere...tja....wir können froh sein dass das Virus noch nicht bei uns ist...noch nicht...
quark@mailinator.com 09.06.2015
2.
Sowas wie Vertrauen in den mündigen Bürger gibts einfach nirgends :-(. Überwachung provoziert Widerstand ...
thetruetoday 09.06.2015
3.
@ fatherted98 Besser könnte die Bild nicht auch wieder eine German Angst schüren, wie es halt immer bei solchen Situationen ist.
so_nicht 09.06.2015
4. Masken
Atemschutzmasken gehören in Ostasien zum Straßenbild, MERS hin oder her. Wie wir jammern die Koreaner gern über ihre Regierung. Wer die enorme Entwicklung dieses Landes in den letzten Jahrzehnten mitverfolgen konnte, weiß, dass die Koreaner dazu viel weniger Ursache haben, als wir.
mr.white84 09.06.2015
5. paranoia
Ich befinde mich im Moment auf Geschaeftsreise in Seoul. Da ich mir letzte Woche eine leichte Erkaeltung eingefangen habe bin ich gelegentlich am Husten oder Schnaeuzen. Ich werde hier wie ein Zombie behandelt/angeguckt. Bei allem Respekt fuer die Koreaner, mit 100 Erkrankten (bei einer Population von 50.mio) die z.Z. auch in Behandlung/Quarantaene sind, man kann sich auch echt anstellen... Immer diese uebertriebene Berichterstattung. Gutes Zeichen dass sonst nix schlimmes in der Welt los ist...
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