Ein rätselhafter Patient Baby im Säureschock

Ein neun Monate altes Mädchen muss wegen einer Übersäuerung des Blutes auf die Intensivstation. Was hat seinen Körper in diesen gefährlichen Zustand gebracht?

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Es ist wenig verwunderlich, dass die Ärzte ihre neun Monate alte Patientin als reizbar beschreiben: Das Mädchen hat Schwierigkeiten beim Atmen, es hustet, jeder Atemzug ist deutlich hörbar. In den vergangenen 24 Stunden musste es sich mehrmals übergeben. Seine Temperatur war mit 37,5 Grad Celsius leicht erhöht, sank aber, nachdem die Mutter Ibuprofen verabreicht hatte.

In der Notaufnahme einer portugiesischen Klinik geben die Ärzte dem Baby zwei Wirkstoffe - Dexamethason und Adrenalin -, um die Atmung zu stabilisieren. Doch die Behandlung schlägt nicht an.

Als die Mediziner die Ergebnisse einer Blutgasuntersuchung vorliegen haben, verlegen sie das Mädchen sofort auf die pädiatrische Intensivstation des Hospital Santa Maria in Lissabon. Denn das Baby hat eine sogenannte metabolische Azidose: Sein Blut ist übersäuert - eine gefährliche Situation, die zu einem Koma führen kann.

Der pH-Wert des Blutes, der das Verhältnis von Säuren und Basen ausdrückt, ist in einem sehr engen Bereich um 7,4 reguliert. Ein ausgeklügeltes Puffersystem verhindert größere Schwankungen: Die Atmung, die Nieren sowie im Blut gelöste Stoffe, die sogenannten Bikarbonate, sind daran beteiligt.

Ein Team um die Kinderärztin Sara Vaz nimmt sich des Falles an und führt dem Mädchen zunächst Flüssigkeit und Bikarbonate zu.

Auffälliges Symptom: Kussmaul-Atmung

Die Mediziner stellen fest, dass das Herz der jungen Patientin zu schnell schlägt. Die Temperatur liegt jetzt bei 38,5 Grad. Das Mädchen hat außerdem eine sogenannte Kussmaul-Atmung - es atmet tief, aber sehr schnell. Das Symptom hat seinen Namen nicht etwa von einer speziellen Mundhaltung, sondern von dem Arzt, der es im 19. Jahrhundert erstmals beschrieb, Adolf Kussmaul.

Das Atemmuster ist Ausdruck der metabolischen Azidose: Der Körper versucht, möglichst viel Kohlendioxid durch das Ausatmen aus dem Blut zu entfernen, damit dessen pH-Wert in den Normalbereich zurückkehrt. Kohlendioxid bildet zusammen mit Wasser - also auch im Blut - Kohlensäure. Weniger Kohlendioxid heißt deshalb auch weniger Säure. Liegt der Azidose eine grundlegende Störung zugrunde, reicht tiefes, schnelles Atmen nicht.

Eine erneute Blutgasuntersuchung liefert mehrere auffällige Werte, die mit einer Übersäuerung einhergehen. Der Kohlendioxidpartialdruck, der angibt, wie viel CO2 im Blut gelöst ist, ist zu niedrig. Das gilt auch für den Wert der Bikarbonate. Erhöht sind dagegen zwei andere Messwerte, was den Medizinern hilft, die Ursache der Übersäuerung einzugrenzen: der Laktatwert und die sogenannte Anionenlücke.

Ist es eine Vergiftung, eine Sepsis, Diabetes?

Die Ärzte fragen die Eltern, ob sich das Kind möglicherweise vergiftet haben könnte. Das ist zum Beispiel durch eine unbeabsichtigte Gabe des Schmerzmittels ASS (Acetylsalicylsäure) - in Deutschland unter dem Markennamen Aspirin bekannt -möglich. Die Eltern verneinen dies.

Die Mediziner fürchten, dass das Kind eine Sepsis haben könnte, eine Blutvergiftung. Seine Temperatur ist weiter gestiegen, trotz fiebersenkender Mittel. Bei einer Sepsis breiten sich Bakterien durch die Blutbahn im ganzen Körper aus, die Krankheit führt zu einem fortschreitenden Versagen aller Organe. Die Ärzte geben dem Mädchen sofort Antibiotika. Auf eine Bestätigung durch einen Labortest zu warten, ist bei einem Verdacht auf Sepsis nicht möglich - es muss sofort gehandelt werden. Später stellt sich aber heraus, dass das Baby keine Infektion hat.

Ein weiterer Messwert ist auffällig: Das Mädchen hat zu viele sogenannte Ketonkörper im Blut. Diese können unter anderem auf einen Diabetes mellitus deuten - und eine unentdeckte Zuckerkrankheit zählt zu den möglichen Auslösern einer metabolischen Azidose. Der Blutzuckerwert des Kindes ist zunächst normal, steigt aber im Laufe weniger Stunden deutlich an. Die Ärzte verabreichen dem Baby nun zusätzlich das Stoffwechselhormon Insulin, auf das Patienten mit Diabetes Typ-1 angewiesen sind.

Die Übersäuerung bleibt trotz der bisherigen Maßnahmen bestehen.

Erneute Frage an die Eltern

Aus diesem Grund greifen die Ärzte einen Anfangsverdacht wieder auf - hat das Mädchen doch eine Substanz zu sich genommen, die für all dies verantwortlich ist? Ein Bluttest bestätigt, dass das Mädchen ASS (Acetylsalicylsäure) erhalten hat, berichten die Ärzte im Fachblatt "Drug Safety - Case Reports".

Als die Ärzte die Eltern mit dem Testergebnis konfrontieren, geben diese zu, dass sie eine Portion Babynahrung versehentlich mit Wasser zubereitet haben, in dem eine hochdosierte ASS-Tablette mit 1000 Milligramm Wirkstoff gelöst war. ASS kann insbesondere bei Babys und Kindern eine Azidose auslösen. Dies kann auch bei Erwachsenen passieren, kommt aber nur selten vor, weil dafür eine sehr große Menge geschluckt werden müsste. Kinder und Jugendliche sollen ASS nur nach Rücksprache mit einem Mediziner einnehmen, weil der Wirkstoff bei ihnen in seltenen Fällen das lebensbedrohliche Reye-Syndrom auslösen kann.

Dem Mädchen geht es zunehmend schlechter: 23 Stunden nach der Einlieferung auf der Intensivstation beginnen seine Nieren zu versagen und es hat einen Krampfanfall. Die Mediziner starten daraufhin ein Blutwäsche-Verfahren, um das restliche Schmerzmittel schneller zu entfernen. Weiterhin geben sie dem Kind Bikarbonate und Insulin. Drei Tage lang führen sie die Therapien durch.

Dann bessert sich der Zustand des Kindes. Zuerst kann es die Intensivstation verlassen, zwei weitere Tage später dann auch die Klinik. Von bleibenden Schäden an der Niere berichten die Ärzte nicht.

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
rhywden 23.12.2017
1. Der Klassiker...
... zumindest gemäß Dr. Gregory House: "Everybody lies."
victoria101 23.12.2017
2. Wieder mal ein Beispiel...
... wie sinnlos diese Schuldgefühle sind. Die hätten das kleine Mädchen das Leben kosten können! Wenn mir so ein Scheiß passiert (mir ist sowas auch mal passiert) dann darf ich nicht noch mehr Scheiß draufpacken und darüber lügen! Wie sollen die Ärzte denn dem Kind sonst helfen?!
tombadil1 23.12.2017
3.
Das ist natürlich das Intelligenteste was man machen kann: den Arzt belügen, der versucht das eigene Kind zu retten..
112211 24.12.2017
4. Schweigen
Wie kann man "versehentlich" 1000 mg ASS in Wasser aufgelöst zur Zubereitung von Babynahrung verwenden? Das sieht eher wie boshafte, mutwillige Körperverletzung an einer hilflosen Person aus.
der_weisse_wal 24.12.2017
5.
Führerschein für Eltern inkl. IQ-Test sollte weltweit zur Pflicht werden. Würde vieles verbessern.
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