Statistik Drogenkrieg senkt Lebenserwartung mexikanischer Männer

Sie werden gefoltert, erschossen und zum Teil in Massengräbern verscharrt: Der Drogenkrieg in Mexiko hat die Zahl der Morde seit 2005 massiv erhöht. Das verändert sogar die Statistik zur Lebenserwartung.

Ein Kreuz mit dem Namen eines Opfers am Wegesrand: In Mexiko hat sich die Mordrate zwischen 2005 und 2010 mehr als verdoppelt
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Ein Kreuz mit dem Namen eines Opfers am Wegesrand: In Mexiko hat sich die Mordrate zwischen 2005 und 2010 mehr als verdoppelt

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Was ihre Gesundheit angeht, waren die Mexikaner seit den Fünfzigerjahren auf der Gewinnerseite. Bessere Wohnverhältnisse und bessere medizinische Versorgung = steigende Lebenserwartung, lautete die einfache Gleichung. Jetzt aber ist ein negativer Faktor hinzugekommen.

Trotz weiterer Fortschritte in der medizinischen Versorgung ist die durchschnittliche Lebenszeit der mexikanischen Männer zwischen 2000 und 2010 erstmals seit 60 Jahren gesunken. Während sich in Mexiko 2005 noch 9,5 Morde pro 100.000 Einwohner ereigneten, hat sich diese Zahl bis 2010 mehr als verdoppelt, auf 22,5 Morde pro 100.000 Menschen. Zum Vergleich: In Deutschland zählen Statistiker rund 0,8 Morde pro 100.000 Einwohner, in den USA sind es 4,7 Morde pro 100.000 Menschen.

Die Folgen der zunehmenden Gewalt lassen sich unmittelbar in der Lebenserwartung der Mexikaner ablesen, berichten Forscher um José Manuel Aburto vom Max Planck Institute in Rom in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Health Affairs".

Hunderte Vermisste: Mordrate noch unterschätzt

Für ihre Analyse werteten sie Sterbestatistiken der 32 mexikanischen Bundesstaaten aus und ermittelten aus zusätzlichen Informationen über die Bevölkerung, etwa die Altersverteilung, die Lebenserwartung. Dabei zeigte sich eine deutliche Wende im Jahr 2005: Während für die Männer Mexikos die Lebenserwartung zwischen 2000 und 2005 noch anstieg, sank sie in allen Staaten zwischen 2005 und 2010.

Der Effekt war so groß, dass unter dem Strich die gesamte Lebenserwartung der Männer in dem Jahrzehnt mit 0,6 Jahren leicht schrumpfte, auf knapp 72 Jahre. Besonders brisant sind die Zahlen vor dem Hintergrund, dass Mexiko 2004 eine umfassende Gesundheitsreform in Kraft setzte - mit dem Ziel, nicht Versicherte medizinisch besser zu erreichen.

Dass das wahrscheinlich auch geglückt ist, zeigt das Beispiel Diabetes: Mexiko zählt weltweit zu den Spitzenreitern, was Übergewicht, Fettleibigkeit und Diabetes angeht. Dennoch gelang es dem Land 2005, die Zahl der Todesfälle durch Diabeteserkrankung bei den Männern zu stabilisieren und bei den Frauen sogar zu verringern. Als Ursache sehen die Forscher unter anderem die Versorgung nicht Versicherter mit Medikamenten.

Anstieg durch den Krieg gegen Drogen

Der Anstieg der Mordrate fällt mit dem Amtsantritt des ehemaligen Staatspräsident Felipe Calderón im Jahr 2006 zusammen. Der Politiker startete einen erbitterten Kampf gegen die Drogenkartelle, durch den die Gewalt in Mexiko weiter eskalierte. Laut konservativen Schätzungen aus dem Jahr 2010 starben im Krieg gegen Drogen jeden Tag 18 Menschen. In der Regel sind die Mordopfer zwischen 15 und 50 Jahren alt.

Auch heute noch regiert in Mexiko oft die Gewalt. Anfang Januar etwa drangen Bewaffnete in das Haus von Gisela Mota ein und erschossen die Bürgermeisterin von Temixco, als sie nicht einmal 24 Stunden im Amt war. Sie hatte zuvor angekündigt, mit aller Härte gegen den Drogenhandel vorzugehen. Insgesamt nahm die Mordrate von 2010 bis 2013 zwar wieder etwas ab, blieb aber noch doppelt so hoch wie 2005.

Wahrscheinlich seien die Folgen der Gewalt sogar noch deutlich unterschätzt, schreiben die Forscher. In Mexiko gelten Hunderte Menschen als vermisst. Die bekanntesten sind 43 Studenten, die am 26. September 2014 in der Stadt Iguala verschwunden waren, nachdem sie einen Bus gekapert hatten und zu einer Demonstration fahren wollten. Bis heute ist nicht abschließend geklärt, was an diesem Tag passiert ist.

Hunderte Vermisste - Mordrate noch zu niedrig

Am stärksten veränderte sich das Gewaltaufkommen Ende des vergangenen Jahrhunderts im Norden des Landes. In Chihuahua etwa, das an New Mexico und Texas in den USA grenzt, sank die Lebenserwartung der Männer zwischen 2005 und 2010 um drei Jahre auf rund 69. Die Mortalitätsrate für die Männer zwischen 20 und 39 Jahren sei in der Zeit dreimal höher gewesen als die der US-Truppen im Irakkrieg zwischen März 2003 und November 2006, schreiben die Forscher.

Auch bei Frauen wirkte sich die Zunahme der Morde auf die Lebenserwartung aus, allerdings deutlich geringer als bei den Männern. Sie haben in Mexiko ein zehnfach niedrigeres Risiko, ermordet zu werden. Aus diesem Grund verlangsamte die Gewalt bei ihnen zwar den Anstieg der Lebenserwartung, kehrte diesen aber nicht um.

Als einen Ausweg aus der Gewalt schlagen die Forscher vor, das Umfeld zu verändern. Erfahrungen aus Kolumbien wiesen darauf hin, dass sich Verbrechen durch kommunale Programme, die etwa Alkoholmissbrauch und den Waffenhandel einschränkten, senken ließe, heißt es im Fazit der Studie. Sie schreiben aber auch: "Es gibt keinen einfachen Weg, den Anstieg der Morde einzudämmen. Aber es ist auch klar, dass die Taktik des vergangenen Jahrzehnts dem hohen Gewaltlevel nichts entgegensetzen konnte."

Interaktive Grafik
Sie kämpfen um die Macht und das Geld - mit brutalsten Mitteln: In Mexiko haben Drogenkartelle dem Staat und ihren Rivalen den Krieg erklärt. SPIEGEL ONLINE zeigt, welche Syndikate welche Regionen kontrollieren, und erklärt, wer die Hintermänner sind.
Zur Autorin
  • Jeannette Corbeau
    Irene Berres, studierte Wissenschaftsjournalistin, hat sich auf Themen rund um den Körper spezialisiert. Sie ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft und Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.



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