Schumacher aus Koma erwacht "Prognosen sind zu diesem Zeitpunkt fahrlässig"

Michael Schumacher ist aus dem Koma erwacht. Wie geht es weiter, wird er wieder ganz gesund? Ein Neurologe erklärt, warum man sich für Antworten auf diese Fragen gedulden muss.

Ein Interview von

Michael Schumacher (Archivbild von 2012): Nach fünfeinhalb Monaten ist er aus dem Koma erwacht
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Michael Schumacher (Archivbild von 2012): Nach fünfeinhalb Monaten ist er aus dem Koma erwacht


Zur Person
  • DGN /Dietmar Gust
    Martin Grond ist Chefarzt der Neurologischen Klinik am Kreisklinikum Siegen und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.
SPIEGEL ONLINE: Herr Grond, in der Mitteilung von Michael Schumachers Management heißt es, er liege nicht mehr im Koma und habe das Krankenhaus in Grenoble verlassen. Nun gibt es viele Spekulationen über seinen Gesundheitszustand. Was sagen Sie dazu?

Grond: Dass Schumacher "nicht mehr im Koma" liegt, ist lediglich eine Beschreibung des sogenannten quantitativen Bewusstseins - also der Wechsel vom Koma in einen nicht-komatösen Zustand. Über das qualitative Bewusstsein, also etwa die Fähigkeit, die Umgebung wahrzunehmen, zu kommunizieren, sich zu bewegen, sagt die kurze Mitteilung nichts aus. Es fällt kein Wort zu seinen Hirnfunktionen. Als Arzt möchte ich deshalb nicht über den Zustand von Michael Schumacher spekulieren. Denn vom Wachkoma bis hin zu weitgehender Erholung ist gerade im Prinzip alles möglich und denkbar.

SPIEGEL ONLINE: Michael Schumacher hat die Klinik in Grenoble verlassen und wird nun die Reha beginnen. Allgemein gefragt: Wie gehen Ärzte vor, wenn ein Mensch gerade aus dem Koma erwacht ist?

Grond: Das erste Ziel ist, herauszufinden, wozu der Patient in der Lage ist - und darauf aufzubauen. Kann er sich spontan bewegen? Reagiert er auf die Umwelt? Kehrt die Sprache zurück? Ein Team von Ärzten und Therapeuten unterschiedlicher Fachrichtungen kümmert sich um den Patienten, in der Hoffnung, dass es jeden Tag etwas besser wird. Zeit ist dabei der wichtigste Kotherapeut. Selbst die behandelnden Ärzte wissen zu Beginn nicht, wie gut sich ein Mensch nach dem Koma erholt. Auch ich habe in meiner Laufbahn schon stark unterschätzt, wie gut sich Patienten regenerieren können. Schon aus diesem Grund wären Prognosen zu Michael Schumacher zu diesem Zeitpunkt fahrlässig.

SPIEGEL ONLINE: Ist ein Mensch "über den Berg", wenn er aus dem Koma erwacht ist?

Grond: Körperlich kann man das so sehen. Aber die Gesundheit des Gehirns - das ist noch ein ganz anderer Berg.

SPIEGEL ONLINE: Nach mehreren Monaten im Koma schwinden die Muskeln. Wie werden sie wieder aufgebaut?

Grond: Physiotherapeuten aktivieren die Muskulatur zunächst passiv, also etwa durchs Bewegen von Armen und Beinen des Betroffenen, und sobald wie möglich dann aktiv gemeinsam mit dem Patienten.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange kann eine Rehabilitation nach einem Koma dauern?

Grond: Selbst bei leichten Schädigungen setzt man mindesten drei Wochen an, meist sind es jedoch Monate. Und für diese möglicherweise lange Phase der Reha sollten wir keine Neuigkeiten über Michael Schumacher erwarten.



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