Migräne Wenn bei Kindern nichts mehr geht

Migräne trifft nicht nur Erwachsene, schon im Grundschulalter klagen manche über den wiederkehrenden Kopfschmerz. Was das Risiko für Kinder erhöht - und was dagegen hilft.

Migräne: Die Trigger finden und vermeiden
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Migräne: Die Trigger finden und vermeiden


Hämmernder Kopfschmerz, Lichtempfindlichkeit und Erbrechen - bei einer Migräneattacke geht nichts mehr. Betroffen sind nicht nur Erwachsene. Der Vergleich verschiedener Studien zeigt, dass die Häufigkeit der Migräne im Kindes- und Schulalter seit den Sechzigerjahren kontinuierlich steigt. "Rund drei Prozent aller Erstklässler und 14 Prozent aller Jugendlichen haben bereits Migräneerfahrung", sagt Hartmut Göbel, Chefarzt der Schmerzklinik Kiel.

"Kinder sind heute ganz anderen Reizen ausgesetzt als früher, ihr Nervensystem wird viel intensiver gefordert und dabei leider auch häufiger überlastet", sagt Göbel.

Spannungskopfschmerzen nach einem langen Tag kennt wohl jeder. Der Nacken ist verspannt, wie ein Helm zieht sich der Druckschmerz über den Kopf. Bei einer Migräne ist das anders: Der Schmerz ist einseitig und pochend, er kommt schnell und rasend. Jede Bewegung verstärkt den Schmerz. Übelkeit und Erbrechen, Licht- und Lärmempfindlichkeit sind häufige Begleitsymptome. Bei Erwachsenen kann sich eine Attacke über viele Stunden ziehen, bei Kindern ebbt der Spuk meistens nach zwei bis drei Stunden wieder ab. Wie oft der Schmerz auftritt, ist von Kind zu Kind verschieden. Manche leiden unregelmäßig, vielleicht alle paar Monate mal. Andere liegen regelmäßig flach. "Es gibt schwere Verläufe, bei denen sich die Migräne sogar mehrmals wöchentlich zeigt", sagt Göbel.

So äußert sich Migräne
Migräne ohne Aura: Einseitiger, pochender Schmerz im Kopf, der sich bei körperlicher Tätigkeit verschlimmert. Kinder wollen nicht mehr spielen oder toben, ziehen sich zurück, sind blass und bleich. Zusätzliche Begleitsymptome: Übelkeit und Erbrechen, Licht- und Lärmempfindlichkeit, Herzrasen, Befindensveränderungen, Durst, Appetit, Harndrang, Müdigkeit und sogar leichtes Fieber. Besonders jüngere Kinder klagen auch häufig über Bauchschmerzen.

Migräne mit Aura: Die Kinder sehen Zickzacklinien vor ihrem inneren Auge, beschreiben ein Glitzern oder gleißendes Licht. Nach 30 Minuten lässt die Aura nach und der Schmerz setzt ein. Manche Kinder haben auch nur Aura-Wahrnehmungen und keinen Schmerz, andere ziehen sich ganz in sich selbst zurück und haben phantastische Wahrnehmungsveränderungen ("Alice im Wunderland"-Syndrom).
Migräne kann - bei Belastung im Übermaß - im Prinzip jeden treffen. Manche Menschen sind aufgrund einer genetischen Veranlagung aber eher betroffen: Sie tragen eine oder mehrere Genvarianten, die das Gehirn empfindlicher in der Reizverarbeitung machen.

Erkennbar ist das laut Göbel häufig auch an der Persönlichkeit: Migräne-Betroffene sind generell eher reizoffen, denken und fühlen schnell, viel und intensiv. Göbel: "Sie können drei Sachen gleichzeitig machen und hören trotzdem noch den Wasserhahn nebenan tropfen." Im Übermaß droht dann der Schmerz.

Auslöser, sogenannte Trigger, gibt es eine ganze Menge - auch bei Kindern: Schulstress, laute Klassenräume, Handynutzung, stundenlanges Computerspielen und Fernsehschauen gehören dazu. Auch familiäre Probleme erhöhen das Risiko für Migräne.

Hilfe im akuten Fall

Bei einer akuten Migräneattacke ist vor allem eines wichtig: Ruhe. "Das Kind sollte sich ins Bett legen", rät Göbel. Smartphone, Radio oder MP3-Player bleiben aus, das Zimmer wird abgedunkelt. Bei schlimmen Verläufen ist es zudem wichtig, so früh wie möglich Medikamente zu geben, sagt der Experte: "Sonst wirken sie nicht mehr."

Begonnen wird nach Empfehlung des Experten mit einem Mittel gegen Übelkeit (10mg Domperidon als Tablette oder Suspension), 15 Minuten später kann ein Schmerzmittel verabreicht werden. Bei Kindern unter zwölf Jahren ist der Wirkstoff Ibuprofen das Mittel der Wahl (10 mg/kg Körpergewicht). Manche Kinder empfinden einen kalten Waschlappen auf der Stirn als entlastend. Eltern sollten zudem regelmäßig etwas zu trinken anbieten.

Bei Kindern mit sehr heftigen Migräneattacken, bei denen Ibuprofen nicht ausreicht, können Triptane, Arzneistoffe, die die Serotoninausschüttung im Gehirn fördern, eingesetzt werden. In ganz seltenen Fällen ist auch die tägliche Einnahme von Kalziumantagonisten, Betablockern oder eines niedrig dosierten Antidepressivums sinnvoll, um die Reizabwehr im Gehirn zu verbessern.

Die Migräne langfristig bekämpfen

Für die akuten Symptome ist die medikamentöse Therapie sinnvoll, nicht aber zur langfristigen Bekämpfung der Ursachen. Hier gilt es, den Blick auf das Ganze zu werfen: Welche Lebensumstände führen immer wieder dazu, dass das Gehirn durchdreht?

Göbel rät betroffenen Eltern ein Kopfschmerztagebuch zu führen und den Tagesablauf des Kindes zu dokumentieren: Was hat es gemacht? Hat es gut geschlafen und gegessen? Gab es belastende Situationen?

Daneben sei es wichtig, die Anforderungen des Alltags runterzuschrauben: nicht von einem Termin zum nächsten hetzen, den Medienkonsum begrenzen und in wohldosierten Portionen für die Schule lernen. Ganz wichtig seien zudem feste Rituale. Gleichbleibende Zubettgehzeiten, jeden Morgen ein kohlenhydratreiches Frühstück und regelmäßige (Trink-)Pausen stärken Körper und Geist und sind damit die beste Migränetherapie für Kinder.

Migräne: Hilfe und weiterführende Informationen
Kopfschmerz-Sprechstunden: Deutschlandweit bieten Universitätskliniken spezielle Kopfschmerzambulanzen an.
Zur Autorin
  • Bettina Levecke
    Bettina Levecke ist freie Journalistin und schreibt über Familien- und Gesundheits­themen.

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
Erwan 09.04.2015
1. Die Migräne hat vor allem auch physiologische Ursachen und das
wir leider kaum oder gar nicht wahrgenommen. Ich habe bereits vor über 40 Jahren Migräne behandelt und grosse Besserungen erzielt. Stichwort Immunmodulation. Leider hat die Patientin die Therapie als sich die Anfälle besserten nicht weitergeführt, denn sie ist weggezogen und der neue Arzt hat die Behandlung angeblich wegen dem Thema Kasse zahlt sie nicht mehr eingestellt. Wenn die Medizin nicht mehr weiter weiß, dann werden pyschische Ursachen in den Vordergrund gestellt. Man findet mit den üblichen Untersuchungen nichts und beobachtet und befragt in der heutigen 5-Minutenpraxis auch nicht genau und dann muss es eben die Psyche sein. Übrigens gibt es auch ein Mittel bei Anfällen, das natürlich und verträglich ist, aber man darf ja keine Werbung dafür machen. Billig ist es nicht gerade, aber eine oder zwei Ampullen können in Minuten den Anfall stoppen. Selber schon des öfteren probiert. Die Kasse bezahlt das sicher nicht, die bezahlen nur die chemischen Arzneien.
Jor_El 09.04.2015
2.
Wer hat denn mal diesen Blödsinn in die Welt gesetzt, daß Kinder keine Kopfschmerzen oder Migräne bekämen? Meinen ersten Migräneanfall, an den ich mich erinnere, hatte ich mit 4 Jahren.
hubert 1893 09.04.2015
3. völlig kostenlose Therapie
Wer seit Jahren unter Migräne leidet, bei dem dürfte die Bereitschaft mit persönlichem Einsatz was zu ändern, hoch sein. Versuchen Sie es mal mit veganer Ernährung! Tipp: Googeln Sie und lassen Sie sich überraschen: Dr. John McDougall migraine
Nania 09.04.2015
4.
Zitat von Jor_ElWer hat denn mal diesen Blödsinn in die Welt gesetzt, daß Kinder keine Kopfschmerzen oder Migräne bekämen? Meinen ersten Migräneanfall, an den ich mich erinnere, hatte ich mit 4 Jahren.
Ganz so früh war es bei mir nicht, aber regelmäßige Migräneanfälle habe ich, seit ich acht Jahre alt bin. Waren halt in den Augen von vielen Erwachsenen damals "halt nur Kopfschmerzen". Ich hatte "Glück", da meine Großmutter ebenfalls an Migräne leidet. So hat sich zumindest bei meinen Eltern schnell die Einsicht eingestellt, dass es eben "nicht nur Kopfschmerzen" sind, denn ich zeigte fast die gleichen Symtome wie sie. Ich finde es fürchterlich, dass es Leute gibt, die nicht glauben, dass Kinder Migräne bekommen können.
zickenzahn 09.04.2015
5. Professor G.
Wirklich schlimm, dass bei diesem Thema immer nur Professor G. zu Worte kommt. Was hat die Schulmedizin zum Thema "Migräne" in den letzten Jahrzehnten wirklich geleistet, ausser dass sie am Gängelband der Pharmaindustrie hängt? Ich habe seit über 15 Jahren viele Migräneanfälle im Monat, die aufgrund der Triptane schnell "niedergemacht" werden. Durch die Triptane sind die Anfälle mit den Jahren jedoch auch häufiger geworden – ein Teufelskreis! Ich kann jedem Betroffenen nur empfehlen, andere Wege jenseits der Schulmedizin zu gehen – Stichwort Peter Mersch und sein Buch "Migräne ist heilbar". Die Pharmaindustrie bzw. die Schulmedizin hat kein Interesse daran, Euch zu heilen... wo der Rubel doch so schön rollt aufgrund Eures Schmerzes!
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