Migräne Wenn aus Schmerz Großes entsteht

Gequälte Genies: Salvador Dalí litt unter Migräne, ebenso Richard Wagner und Marie Curie. Eine besondere Funktionsweise des Hirns verursacht die Erkrankung - scheint aber auch außergewöhnliche Leistungen möglich zu machen.

Library of Congress

Wie ein heraufziehendes Gewitter kündigt sich Richard Wagners Oper "Siegfried" im ersten Akt an: Ein düsteres Brummen, dann schleicht sich ein dumpfer, sich steigernder Rhythmus ein, schließlich ertönen laute und schrille Streicher. Die erste Zeile des Sängers ein Aufschrei: "Zwangvolle Plage! Müh ohne Zweck!" Für den Migräne-Experten Hartmut Göbel von der Schmerzklinik Kiel ist klar: Hier hat Wagner sein Leiden an der Migräne vertont, die viele auch als Gewitter im Kopf bezeichnen.

Die Musik gleicht dem typischen Verlauf eines Anfalls, vom beginnenden Schädelpochen bis zum Ausbruch starker, pulsierender Schmerzen. Aufzeichnungen Richard Wagners und seiner Frau Cosima beweisen: Der Komponist litt tatsächlich unter den quälenden Kopfschmerzattacken - auch während der Arbeit am "Siegfried". Wie genau sich das aus Wagners Musik heraushören lässt, stellt Göbel in einer Analyse dar, die 2013 im "British Medical Journal" veröffentlicht wurde.

"Bei Wagners Musik kann man sich schon fragen, wie ein Gehirn beschaffen sein muss, um so etwas Phänomenales und Neuartiges erschaffen zu können", sagt Hartmut Göbel. Er glaubt, dass Migränepatienten spezielle Voraussetzungen mitbringen: "Sie haben ein besonderes Betriebssystem, das Reize anders wahrnimmt und verarbeitet. Die Übertragung von Informationen verläuft in ihrem Gehirn ungebremst, ihnen geht einfach viel mehr durch den Kopf", sagt Göbel.

Ein solches Gehirn ist anfällig für Überlastungen, was Teil des Krankheitsgeschehens ist. Doch es leistet gleichzeitig das, was bei kreativen Denkprozessen gefragt ist.

Besonderes Betriebssystem

Dass Migränepatienten tatsächlich anders ticken, zeigte eine 2012 im Fachblatt "Journal of Neural Transmission" veröffentlichte Studie. "Wir fanden heraus, dass Betroffene ein besonderes Problemlöseverhalten zeigen", sagt Studienautor Peter Kropp, der das Institut für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Rostock leitet.

Jeweils 24 Patienten mit und ohne Migräne hatten die Aufgabe bekommen, auf ein bestimmtes Tonsignal hin einen Knopf zu drücken, um es zu stoppen. Gelang ihnen das schnell genug, bekamen sie dafür Geld, falls nicht, verloren sie das Geld wieder. Im zweiten Teil des Versuchs hatten die Probanden dann plötzlich keine Chance mehr, zu gewinnen. Selbst wenn sie so schnell wie möglich den richtigen Knopf drückten, ließ sich das Tonsignal nicht mehr stoppen, und ihnen wurde Geld abgezogen.

Wie die Messung der Hirnströme zeigte, reagierte das Gehirn der Migränepatienten deutlich stärker auf die neue Versuchsanordnung als das der anderen Teilnehmer. "Es suchte aktiver nach einer Lösung", sagt Kropp. Als die Belohnung ausblieb, drückten die ohnehin von Anfang an geschwinderen Migränepatienten immer schneller den Knopf und gaben nicht auf. Bei den Probanden ohne Migräne hingegen sank die Motivation, sie reagierten langsamer als zuvor.

Vor schwierigen Problemen nicht zu kapitulieren, sondern erst recht aufzudrehen und dranzubleiben - im Alltag könnte das auch zu kreativeren Lösungen führen. Daher ist es vielleicht kein Zufall, wenn Migränepatienten eine ganz neue Richtung von Musik oder Malerei begründen.

Hartnäckigkeit für Migränepatienten typisch

Genau wie Wagner litten wohl auch die Komponisten Gustav Mahler, Frédéric Chopin und Claude Debussy unter Migräne, sowie etliche weitere Künstler. Und auch deren Werke soll die Erkrankung beeinflusst haben. So malte Salvador Dalí seine zerfließenden Uhren während einer Kopfschmerzattacke. Vincent van Gogh hat angeblich sogar auf die Leinwand gebracht, wie sich das Sehen während der Aura verändert - einem Zustand, der bei einigen Patienten den Migräneanfällen vorausgeht. Das Ergebnis soll der verschwommene, scheinbar wabernde Himmel auf seinem Bild "Sternennacht" sein.

Ob die Migräne Maler und Komponisten in besonderer Weise inspirierte oder einfach nur einige ihr Leiden daran in der Kunst verarbeitet haben, lässt sich trotz der Besonderheiten ihres Gehirns nicht abschließend klären. Hinzu kommt, dass nicht alle Migränepatienten mit musikalischem oder zeichnerischem Talent gesegnet. Tatsächlich gehören zu den berühmten Betroffenen neben Künstlerpersönlichkeiten auch große Strategen wie Julius Cäsar und Napoleon Bonaparte.

Kropp glaubt, dass Migränepatienten von ihrer Veranlagung her sogar eher die geborenen Wissenschaftler sind als Maler, Musiker oder Feldherren. "Weil sie ausdauernd und gewissenhaft nach Lösungen suchen, aber auch offen und aufnahmefähig sind." Auch hier gibt es Beispiele: Charles Darwin soll genauso unter Migräne gelitten haben wie Alfred Nobel und Sigmund Freud.

Hartmut Göbel nennt am liebsten die Ausnahmewissenschaftlerin Marie Curie, die als bisher einziger Mensch in zwei verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen den Nobelpreis bekam. Ihre Hartnäckigkeit sei für eine Migränepatientin typisch gewesen: "Bevor sie mit ihren Forschungen nicht am Ziel war, gab sie ganz einfach nicht auf."

Zur Autorin
  • Irene Habich
    Irene Habich studierte Tiermedizin und Journalistik. Sie arbeitet als freie Wissenschaftjournalistin in Berlin und Hamburg.

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insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
altebanane 10.08.2015
1.
Migräne ist schlimm, aber sicher keine Entschuldigung für alles ! Zu dem Foto von Dali würde ich den Text empfehlen "Nicht zuletzt wegen depperter Promifotos wie diesem wurden südamerikanische Kleinkatzen an den Rand der Ausrottung gebracht und erlitten mehrere Jahrzehnte in Europa die grauenvollsten Qualen, als sie als "Heimtiere" in Mode waren. "
werner-xyz 10.08.2015
2. Statistik?
Kenne einige Leute die Migräne haben. da sind auch welche dabei die zu 0 Prozent die hier beschriebenen Eigenschaften haben. Kann es sein, dass bei der Anzahl der Leute die Migräne haben, statistisch gesehen, halt auch kluge Köpfe dabei sein müssen? Kommt mir alles etwas an den Haaren herbei gezogen vor. Vielleicht sollte man mal eine Studie machen, wie viele "Genies" unter Zahnschmerzen litten?
Mogamboguru 10.08.2015
3. Na toll!
Ich bin schwerer Migräniker UND Linkshänder. Wie kann ich da sicher sein, dass ich kein Space-Alien oder das Ergebnis wissenschaftlicher Klonversuche bin?
Fackus 10.08.2015
4. naja ....
diese 'Hartnäckigkeit' beim Knopfdrücken könnte man auch ganz anders interpretieren ...... Wenn überhaupt repärsentativ, müsste man ein paar tausend 'Genies' (was immer das ist) aus allen Sparten untersuchen und dann den Anteil der Migranten (oder wie nennt man die jetzt :-) vergleichen - ich vermute mal, da wird sich nix zeigen, aber ein Forscher hat mal wieder was abgesondert.
Moonshine42 10.08.2015
5. Ich hätte lieber keine Migräne...
... und würde dann auch in Kauf nehmen, weniger kreativ zu sein. ;)
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