Neue Therapie: Stromstöße ins Hirn sollen Migräneschmerzen lindern

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Für schmerzgeplagte Migränepatienten könnte es eine neue Hoffnung sein: Stromstöße, die über Elektroden unter der Haut ins Hirn geleitet werden, sollen das Leiden lindern. Erste Ergebnisse sind vielversprechend - doch das Verfahren wirft auch Fragen auf.

Migräne: Mit Strom im Gehirn den Schmerz ausschalten Fotos
Schmerzklinik Kiel

Wenn die Schmerzen beginnen, leitet Markus Steinbach* rasch eine Extraportion Strom durch sein Gehirn. Dann geben acht Elektroden in seinem Hinterkopf die Impulse über seine Nervenbahnen in den Hirnstamm weiter. "Mal kribbelt es nur, oft pulsiert es aber richtig in meinem Schädel", sagt der 48-jährige Journalist aus der Nähe von Münster. Seit fünf Monaten lebt er mit einem speziellen Nervenstimulator - einem Gerät, das ihn nach 32 Jahren von seinen Migräneattacken befreien soll.

Steinbach hofft, dass die neue Therapie seine Schmerzen dauerhaft lindern wird. Die Methode soll Migränepatienten helfen, die unter einer besonders schweren Form der Kopfschmerzen leiden.

Mindestens jeder zehnte Mensch in Deutschland erkrankt im Laufe seines Lebens an Migräne. Meist vergeht die Pein nach spätestens drei Tagen; mindestens ein Prozent der Bevölkerung entwickelt jedoch eine chronische Migräne, bei der oft kein Medikament den Schmerz mehr bändigen kann. Die Attacken katapultieren die Betroffenen für mehr als 15 Tage im Monat aus ihrem Alltag, lassen sie in abgedunkelten Räumen vor sich hin dämmern. "Diesen Patienten können wir mit der Nervenstimulation eine Chance eröffnen, den schweren Leidensdruck zu reduzieren", sagt der Neurologe Hartmut Göbel, Leiter der Schmerzklinik Kiel.

Dauerreiz soll Schmerzempfindlichkeit senken

Indem die Mediziner bestimmte Nerven gelegentlich oder dauerhaft reizen, wollen sie Häufigkeit, Dauer und Intensität der Migräneattacken ihrer Patienten senken. Dazu stimulieren die Mediziner mal einen Nerv seitlich des Unterkiefers, mal zwischen den Augenbrauen. Oder sie implantieren die Elektroden direkt unter die Nackenhaut, an den Occipitalis-Nerv, wie bei Markus Steinbach. Das Steuerungsgerät wurde ihm - ähnlich einem Herzschrittmacher - unter der Haut eingepflanzt, in Gürtelhöhe am Rücken. Stromstärke und Reizmuster der Impulse wurden individuell an Steinbach angepasst. Seither leitet der Impulsgeber ununterbrochen Strom an die Nerven des Migränepatienten.

Noch wissen die Neurologen nicht genau, wie die Therapie überhaupt funktioniert. Der Verdacht: Die Stimulation setzt durch die regelmäßige Reizung der Nerven die Schmerzempfindlichkeit im Gehirn herunter. Doch bislang wurden nur wenige wissenschaftliche Studien zum Thema publiziert - mit zum Teil widersprüchlichen Ergebnissen.

"Ich bin von dem Verfahren noch nicht überzeugt", sagt Hans-Christoph Diener, Chef-Neurologe am Uni-Klinikum Essen. Immerhin wurde die occipitale Nervenstimulation im vergangenen Monat vom renommierten und kritischen National Institut for Health and Clinical Excellence (Nice) in Großbritannien als Therapiemöglichkeit für schwer betroffene Migränepatienten vorgestellt.

Handeln, bevor es chronisch wird

Alternativ können sich Betroffene seit September 2011 mit dem Nervengift Botulinumtoxin behandeln lassen. An 31 Stellen der Kopf- und Halsmuskeln injiziert, blockiert es die Signalübertragung an den Nervenzellen und kann so den Kopfschmerz lindern. Schließlich kann auch das Antiepileptikum Topiramat helfen.

Vor allem ist Neurologen jedoch wichtig, dass die Patienten frühzeitig die richtig Diagnose und Therapie bekommen. In den neunziger Jahren hatte eine Studie gezeigt, dass Kopfschmerzpatienten im Durchschnitt achtmal pro Jahr den Arzt wechseln. "Daran hat sich nicht viel geändert", sagt der Kieler Neurologe Göbel. Frustriert von den Therapieversuchen der Ärzte, probierten Patienten oft jahrelang obskure Heilmethoden, um sich von den Schmerzen zu befreien. "Wenn sie nach Jahren dann zu uns kommen, leiden sie oft bereits an chronischer Migräne", sagt Göbel.

Frühzeitig behandelt können Migränepatienten ihre Erkrankung dagegen gut in den Griff bekommen. Für akute Migräneattacken gibt es seit langem sogenannte Triptane, die Rezeptoren im Gehirn angreifen, sieben verschiedene Varianten sind inzwischen auf dem Markt. Auch gängige Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure oder Ibuprofen und sogenannten Mutterkornalkaloide kommen in Frage. "Allerdings dürfen die Patienten nicht zu häufig Schmerzmedikamente einnehmen, maximal an zehn Tagen pro Monat", warnt Göbel. Sonst können die Schmerzmittel selbst Schmerzen auslösen.

Spezialisierte Schmerztherapeuten für chronische Patienten

Neurologe Göbel hat in den vergangenen Jahren ein bundesweites Kopfschmerz-Behandlungsnetz aufgebaut, mit regionalen Schmerzzentren und fast 500 niedergelassenen Schmerztherapeuten in Deutschland.

Von den Spezialisten lernen die Betroffenen, dass bei der Migräne nicht allein die Medikamente wichtig sind. Die Patienten erfahren auch, dass sie ihr Leben verändern müssen, um die Erkrankung zu bändigen: regelmäßig essen, regelmäßig schlafen, regelmäßig Sport treiben.

Markus Steinbach zum Beispiel bewegt sich heute täglich. Er geht laufen, fährt Fahrrad, macht eine Walking-Runde mit Freunden. Jeden Tag ist er auf den Beinen. Mehr Regelmäßigkeit in seinen Alltag zu bringen, fällt ihm dagegen schwer. "Als Journalist habe ich einen sehr unsteten Beruf gewählt", sagt er. Vor Beginn der Nervenstimulation hatte er ständig an Kopfschmerzen gelitten. "Seither hat sich mein Leben verändert", sagt er. Heute leidet er an 15 Tagen im Monat nur unter leichten Beschwerden, an zehn Tagen ist er völlig von seinen Schmerzen befreit.

*Name geändert

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insgesamt 11 Beiträge
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1. die beste Therapie ist Lidocain -
marny 10.07.2013
ein Oberflächenanästhetikum, das man sich bei ersten Anzeichen der Migräne in die Nase sprüht. Das Lidokain betäubt einen Nervenknoten im Rachenraum, die Migräne bricht gar nicht erst aus. Habe 30 Jahre Leidensweg hinter mir - den Tipp mit dem Lidokain in einer Klinik als Erstmassnahme bekommen, Das Zeug ist in D nicht zugelassen gegen Migräne - aber überall im Ausland. Ist halt zu billig - da wollen die Pharmafirmen doch lieber ihre teuren, nicht wirksamen Medikamente regelmässig an Betroffene verscherbeln. Liodkain hat übrigens keine Nebenwirkungen, wenn mann es nicht gerade trinkt !
2. Sobald den Medizinern ...
thorkhan 10.07.2013
... nichts mehr einfällt, helfen plötzlich wieder Stromstöße.
3. sog. Cluster headaches
spmc-135322777912941 10.07.2013
bis zu 20 Attacken im Monat. Ich habe alles versucht, einschliesslich Lidokain welches auch nicht immer geholfen hat. Auch das TENS (transcutane electric nerve stimulator), nicht eingepflanzt sondern nur aufgeklebt, hat oft geholfen. Ebenso Eismassagen der Stirn, auch Sauerstofftherapie. Aufgehoert hat die ganze Geschichte als ich aufgehoert habe mich dem beruflichen Dauerstress auszusetzen und in den Ruhestand zu gehen. Das war vor 15 Jahren, seither keine derartigen Kopfschmerzen mehr gehabt.
4. Seh ich erstmal kritisch
R4mbo 10.07.2013
Die Nervenbahnen werden ja nicht primär dazu genutzt um Kopfschmerzen auszulösen. Wenn man die blockiert, muss das auch andere Auswirkungen haben. Fähigkeiten könnten verloren gehen, die Motorik sich verschlechtern, die Sinne abstumpfen...
5. Es erschreckt mich immer wieder
ganta 10.07.2013
Zitat von sysopSchmerzklinik KielFür schmerzgeplagte Migränepatienten könnte es eine neue Hoffnung sein: Stromstöße, die über Elektroden unter der Haut ins Hirn geleitet werden, sollen das Leiden lindern. Erste Ergebnisse sind vielversprechend - doch das Verfahren wirft auch Fragen auf. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/migraene-schmerztherapie-mit-dem-nervenstimulator-a-909479.html
wie sehr die Medizin doch in eine ganz falsche Richtung abdriftet.
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Zur Autorin
  • Tinka Dietz
    Astrid Viciano hat in Deutschland, Frankreich und Spanien Medizin studiert, war nach ihrer Promotion Redakteurin bei "Focus", "Die Zeit" und beim "Stern", zuletzt für zwei Jahre in Los Angeles. Seit Juli 2012 lebt sie als freie Autorin in Paris.

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