Ein rätselhafter Patient: Darf's ein bisschen Ketchup sein?

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Sechs Jahre lang plagen Bauchschmerzen eine britische Patientin. Ihre Ärzte vermuten eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung, die sie immer wieder behandeln. Bis überraschend der wahre Übeltäter überführt wird.

Darmbeschwerden: Heinz Ketchup statt Morbus Crohn Fotos
BMJ Case Report

Bauchschmerzen, Blähungen und Durchfall, immer wieder. Sechs Jahre lang geht das so, die Beschwerden machen der 41-jährigen Britin zu schaffen. Zu Beginn war nach drei Tagen alles vorbei, damals war auch bei Blut- und Stuhluntersuchungen nichts Auffälliges gefunden wurden.

Weil ihre Mutter an einer aggressiven Form von Darmkrebs erkrankt war, muss auch die britische Patientin regelmäßig zur Darmspiegelung. 2007 hatten ihre Ärzte bei einer solchen Kontrolle Veränderungen der Darmschleimhaut festgestellt, die unter anderem bei der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung Morbus Crohn auftreten können. Sie behandelten die Frau mit Mesalazin, einem Wirkstoff, der chronische Entzündungen der Darmschleimhaut lindern kann.

Vier Jahre später schmerzt vor allem ihr Unterbauch, berichten ihre Ärzte im Fachmagazin "BMJ Case Reports". Die Mediziner gehen davon aus, dass der Morbus Crohn Auslöser der unterschiedlich starken Beschwerden ist. Hinweise auf einen Tumor oder eine Hernie - außerhalb des Bauchfells liegende Darmschlingen - finden sie nicht. Bei einer erneuten Darmspiegelung fällt den Ärzten zudem eine Entzündung in der Darmschleimhaut auf, die zwar nicht dem typischen Morbus Crohn entspricht, aber trotzdem mit der Krankheit erklärt werden kann.

Gänge und Höhlen im Bauch

Morbus Crohn und die verwandte Colitis ulcerosa sind chronisch-entzündliche Darmerkrankungen. Beim Morbus Crohn ist die Darmschleimhaut des Dünn- und Dickdarms an unterschiedlichen Stellen entzündet, es bilden sich Gänge und infizierte Höhlen. Bei der Colitis, die sich am Stück vor allem im Dickdarm ausbreitet, haben die Patienten häufig Blut im Stuhl. Bei beiden Krankheiten kämpfen die Betroffenen mit Durchfall und Bauchschmerzen, die in Schüben kommen und gehen.

Im darauffolgenden Jahr, es ist 2012, muss die britische Patientin viermal in die Klinik, jedes Mal quält sie ein Darmverschluss. Jedes Mal therapieren die Ärzte die Patientin so, wie es bei Morbus Crohn üblich ist - jedes Mal normalisieren sich schließlich auch die Entzündungsparameter im Blut.

In einer Kernspin-Aufnahme entdecken die Ärzte erweiterte Darmschlingen, die zum Morbus Crohn passen würden. Mittlerweile zwingt ihr Darm die Patientin fünf bis sechs Mal täglich auf die Toilette. Weil die Darmentzündung voranzuschreiten scheint, entscheiden sich die Ärzte schließlich zu einer OP.

In einer endoskopischen Operation, bei der die Chirurgen durch kleine Schnitte in der Bauchdecke Instrumente in den Bauchraum einführen, entfernen sie den rechten Teil des Dickdarms der Patientin. Kurz vor dem Ende des Dünndarms, am Übergang zum Dickdarm, fällt den Chirurgen eine entzündete Masse auf.

Es gelingt ihnen, einen Fremdkörper zu entfernen - die Ärzte staunen nicht schlecht: Zwei Stückchen Kunststofffolie bergen sie aus dem Bauch ihrer Patientin. Auf einem können sie den Schriftzug "Heinz" des bekannten Ketchup-Herstellers entziffern. In der Nähe des Fundorts ist die Darmwand verletzt.

Nach der Operation kann sich die Patientin nicht entsinnen, wann sie die Ketchup-Verpackung verspeist haben könnte. Bei der genauen Untersuchung der entfernten Darmstücke finden die Pathologen keine Veränderungen, die typischerweise beim Morbus Crohn zu erwarten wären.

Das bittere Fazit der Ärzte: Ihre Patientin hatte vermutlich nie an der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung gelitten - sondern sechs Jahre lang an den Folgen des Ketchup-Etiketts. Bei allen Nachuntersuchungen hatte die Frau keine Beschwerden mehr.

Normalerweise, so schreiben die Mediziner in ihrem Fallbericht, würden Fremdkörper den Darm problemlos passieren. Nur ein Fünftel bleibt auf dem Weg durch den Körper hängen, nur in einem Prozent aller Fälle kommt es zur Operation. Gefährlich können eine Darmverstopfung und eine Verletzung der Darmwand werden. Die Beschwerden können schwierig zu interpretieren sein: Bauchschmerzen, Fieber, Übelkeit und Erbrechen treten bei vielen Krankheiten auf. Und im Fall der britischen Patientin waren alle Beschwerden mit dem Morbus Crohn zu erklären, der bei verschiedenen Patienten unterschiedliche Formen annehmen kann.

Die britischen Ärzte haben die medizinische Literatur durchsucht und sind auf insgesamt vier Fallberichte gestoßen, in denen Fremdkörper mit einem Morbus Crohn verwechselt wurden: In allen vier Fällen hatten die Patienten - vom Kind bis zum Erwachsenen - unbemerkt einen Zahnstocher verschluckt. Die Diagnose ist beim Zahnstocher nicht unbedingt einfacher zu stellen, genauso wie die Ketchup-Verpackung sieht man ihn zum Beispiel auf Röntgenbildern nicht.

Allerdings ist auch eine umgekehrte Geschichte bekannt: Das Verschwinden von Fremdkörpern kann ein Hinweis auf eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung sein. Bei einem 29-jährigen Briten wurde sein Morbus Crohn zufällig entdeckt - als die Ärzte eine versehentlich verschluckte 20-Pence-Münze entfernen wollten.

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insgesamt 5 Beiträge
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1. Aufschlussreich
crigs 08.06.2013
Dieser Artikel ist sehr gut. Das Fachwissen, die Einzelereignisse und die Logik sind stimmig. Danke Frau Dennis Ballwieser.
2. verdammt
Dr.Schwantz 09.06.2013
wo ist der Deckel von der Senftube?!?
3.
ahmo1989 09.06.2013
Super Artikel, wie immer Herr Ballwieser. Sehr interessanter und wissenswerter Artikel.
4.
zorga 09.06.2013
Wie verschluckt man unbemerkt einen Zahnstocher?
5. Bildgebung?
Meggy 12.06.2013
Wird aber nicht vor der OP mindestens noch ein Ultraschall gemacht, bei dem man doch einen Fremdkörper/freie Flüssigkeit gesehen hätte?
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Zum Autor
  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.
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