Ein rätselhafter Patient Der verhängnisvolle Klo-Stein

Eine Frau leidet unter Multipler Sklerose und hat einen Krankheitsschub, sie ist schlapp und kann sich schlecht bewegen. Aber da ist auch noch ein seltsamer Hautausschlag. Steckt eine absonderliche Zwangshandlung der Frau dahinter?

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MRT-Bilder vom Kopf der Patientin: Die weißen Punkte sind vermutlich Entmarkungsherde, die durch die Multiple Sklerose entstanden sind
American Medical Association

MRT-Bilder vom Kopf der Patientin: Die weißen Punkte sind vermutlich Entmarkungsherde, die durch die Multiple Sklerose entstanden sind


Die Symptome der Frau passen zu ihrer chronischen Krankheit: Ihre Beine werden seit drei Wochen immer schwächer, und sie fühlt sich schlapp. Die Patientin hat Multiple Sklerose (MS). Doch jetzt ist auch noch ein Hautausschlag dazugekommen, der nicht zu MS passt - jener neurologischen Erkrankung, bei der Entzündungsherde im Gehirn und Rückenmark zu Lähmungen, Sensibilitätsstörungen oder Koordinationsproblemen führen.

Fünf Jahre ist es her, dass die Ärzte bei der Ende 30-Jährigen MS entdeckt haben: Nach einem Autounfall, bei dem die Frau schwere Verletzungen davonträgt, machen die Mediziner auch Schichtaufnahmen vom Gehirn. Dabei fallen ihnen in der Kernspintomografie (MRT) einige weiße Flecken auf, die typisch für MS sind. Nachdem Neurologen die Diagnose durch eine Untersuchung des Nervenwassers bestätigten, erfahren sie von der Frau, dass sie mitunter schlecht sieht, Gedächtnislücken hat und ihr rechtes Bein sich anders anfühlt als das linke. Zudem berichtet sie von einer depressiven Episode.

Eine gängige MS-Therapie mit sogenannten Interferonen, von der Ärzte sich auch eine vorbeugende Wirkung gegen neue Schübe erhoffen, bringt kaum Besserung. In den folgenden Jahren kommen immer wieder neue Symptome hinzu: Die Frau kann ihre Augenbewegungen nicht mehr richtig kontrollieren, sie beginnt zu schielen, die Sehschärfe lässt nach. Ihre Beine setzt sie beim Gehen immer breiter auf, ohne Rollator kann sie sich auf der Straße bald nicht mehr bewegen. Vier Jahre nach dem ersten MRT-Bild zeigen sich zwei zusätzliche MS-Herde im Gehirn.

Abbeißen, kauen, ausspucken

Der Nacken der dunkelhäutigen Patientin: Seltsamer Ausschlag am Rumpf, der Hals und Kopf ausspart
American Medical Association

Der Nacken der dunkelhäutigen Patientin: Seltsamer Ausschlag am Rumpf, der Hals und Kopf ausspart

Jetzt sorgt sich die Frau aber vor allem, weil sie so erschöpft ist. Ihre Beine sind so schwach, dass sie aus einer Sitzposition nicht mehr allein aufstehen kann. Und dann ist da noch der seltsame Ausschlag, der weder jucke noch schmerze, sagt die Frau. Auf beiden Seiten sind die Füße und Beine betroffen, die Arme und der Rumpf. Nur Kopf und Hals sind ausgespart.

Die Neurologen von der University of Texas in Dallas, die über ihre ungewöhnliche Patientin im Fachjournal "Jama Neurology" berichten, befragen die Frau so detailliert wie nie zuvor.

Schließlich gesteht die Patientin, dass sie unter einem ungewöhnlichen Zwang leidet: Jeden Tag nimmt sie den WC-Stein (in den USA häufig geformt wie ein Törtchen) aus der Toilette und beißt davon ein Stück ab. Nachdem sie eine Weile darauf gekaut hat, spuckt sie den Brei wieder aus. Seit 15 Jahren geht das so. Früher kaute sie den WC-Stein nur unregelmäßig, seit fünf Jahren aber mehrmals in der Woche. Ruhe würde sich dadurch in ihr ausbreiten, sagt die Patientin, das Ritual nähme ihr Ängste.

Der Hauptbestandteil der Toilettendeos ist die chemische Substanz PDCB (Paradichlorbenzol). Sie hat einen beißenden Geruch und wird in Lösungsmitteln, Pestiziden, Farbstoffen und Mottenkugeln verwendet. Im Tierversuch hat sie sich als krebserregend erwiesen.

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Im Blut der Frau finden die Ärzte 18 Mikrogramm PDCB pro Milliliter. Bei der näheren Untersuchung fällt auf, dass die Patientin ihre Bewegungen deutlich schlechter koordinieren und ihre Rumpfhaltung nicht mehr richtig kontrollieren kann. Sie weiß nicht, welcher Tag ist, ihre Gedächtnislücken haben zugenommen, und sie reagiert deutlich verlangsamt auf Fragen und Aufforderungen.

Keine WC-Steine mehr in Reichweite

Die Neurologen gehen davon aus, dass die Patientin sowohl einen neuen MS-Schub hat als auch eine durch PDCB ausgelöste Enzephalopathie. Unter diesen Begriff fallen verschiedene Veränderungen des Gehirns. Den akuten Krankheitsschub behandeln sie mit einem Immunsuppressivum. Zudem beginnen sie eine Therapie mit einem Antidepressivum. Als sie die Frau in etwas verbessertem Zustand nach Hause entlassen, sorgt die Mutter dafür, dass keine WC-Steine mehr in Reichweite sind.

Zwei Tage später ruft die Mutter wieder in der Klinik an: Ihre Tochter sei desorientiert. Weder Urin noch Stuhlgang könne sie kontrollieren, sie könne nicht mehr allein gehen und esse nichts mehr.

Bei der Aufnahme im Krankenhaus reagiert die Patientin nur langsam. MRT-Bilder des Gehirns zeigen Veränderungen in der weißen Substanz, wie sie bei Enzephalopathien auftreten können. Fast täglich verschlechtert sich ihr Zustand. Sie nimmt ihre Umgebung kaum noch wahr, reagiert immer weniger auf Ansprache. Nach zwei Wochen muss sie beatmet werden. Sechs weitere Wochen später wird sie in eine Einrichtung für Langzeitpflege verlegt.

Das medizinische Wissen über PDCB-Vergiftungen ist begrenzt. Nur elf weitere Fallberichte seien bekannt, schreiben die Mediziner. Eine Therapie oder ein Gegengift gibt es nicht. Wann genau das PDCB angefangen hat, die Frau krankzumachen, bleibt ungewiss. Die Ärzte spekulieren, ob die Chemikalie die MS sogar ausgelöst haben könnte. Sicher ist das aber nicht. "Der klinische Verlauf verschlechterte sich, obwohl die Patientin das Gift nicht mehr zu sich nahm", heißt es im Bericht. Das Phänomen sei als "Coasting" bekannt. Der Begriff kommt aus der Schifffahrt und heißt so viel wie "Fahren im Leerlauf". Der Mechanismus dahinter ist aber unbekannt. Die Frau wird voraussichtlich pflegebedürftig bleiben.

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insgesamt 24 Beiträge
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Martin XO 12.04.2014
1. Umweltgifte
Es ist erstaunlich, welche Formen selbstschädigendes Verhalten annehmen kann. Erschreckend ist, wie viele (hoch-)giftige Stoffe in riesigen Mengen aber täglich in die Umwelt gelangen - da wird es noch viele "mysteriösen" Erkrankungen geben.
cobaea 12.04.2014
2. Wer isst denn auch Klosteine?
Zitat von Martin XOEs ist erstaunlich, welche Formen selbstschädigendes Verhalten annehmen kann. Erschreckend ist, wie viele (hoch-)giftige Stoffe in riesigen Mengen aber täglich in die Umwelt gelangen - da wird es noch viele "mysteriösen" Erkrankungen geben.
Naja - wer isst denn auch Klosteine? Kommt irgendjemand auf die Idee, dass die Dinger gut für die Gesundheit sein könnten? Auf die Idee komme ich doch auch nicht beim Entkalker für die Kaffeemaschine oder das Anti-Schimmelmittel für die Wand. Natürlich sind in solchen Putzmitteln Stoffe, die dem Köroper nicht gut tun. Wenn das jemand trinkt bzw. isst, kann er sich doch nicht darüber beschweren, dass ihm das schlecht bekommt. Ausserdem ist die in dem Bericht erwähnt Vergiftung noch nicht einmal bewiesen - sie ist ein Verdacht. Ein naheliegender Verdacht - aber bis zum Beweis, dass die Erkrankung dadurch ausgelöst wurde, fehlt ja noch ein Stück (wie die Ärzte selbst einräumen).
TICKundTOOF 12.04.2014
3. MS & Umweltgifte
Habe gerade ein Buch über Plastik gelesen und was da in den Supermarktbilligflaschen ausdünstet ist alles andere aber nicht gesund. Sicher nicht so schlimm wie ein Klostein aber dafür konsumieren manche es regelmäßiger. Es gibt auch schon Fälle von Haustieren, die sich durch Bodenputzmittel vergiftet haben. Und auch wenn man es nicht sieht, schmeckt und riecht: Strahlung. Nicht wenige, auch staatliche, Organisationen raten v.a. wenn Kleinkinder im Haus sind kein WLAN & Co zu benutzen... Und zu MS hab ich eine ganz kritische Einstellung. Denn durch irgendwas muss diese ausgelöst werden und so wirklich kommt man dem vermutlichen Erreger nicht auf die Spur. Für mich wäre hier eine Form der Borreliose wiederum denkbar, Hinweise gibt es dafür! Und Borreliosepatienten sind zu 99% vergiftete Menschen, d.h. der Körper ist stark belastet mit Dreck. In den USA enthält in manchen Gegenden statistisch jede 5. Mücke Borrelioseerreger. Ob diese Story, die übrigens schon seit 2 Monaten im Netz herumgeistert, so stimmt, könnte nach meiner unwissenschaftlichen Amateurtheorie im Prinzip schon sein. Klostein führt zu MS im Sinne von Vergiftung leistet Bakterien Vorschub. Wer weiß das schon? Davon abgesehen bleibt hier die Frage offen woher die Frau ihre Essstörung hat. Ist diese durch frühe Anzeichen der MS ausgelöst worden oder löste dieser Klostein die MS erst aus? Nicht selten sind psychische Veränderungen bei MS oder auch chronischen Infektionen an der Tagesordnung; warum also nicht auch diese Essstörung. Und im Originalartikel ist auch von Mottenkugeln die Rede an denen sich die Hersteller schon in den 50ern ernsthaft vergifteten. Spannend wie wir uns mit Duftzerstäubern auf Toilette und im Schrank irgendwann selbst vergiften - die Spätfolgen werden kommen beim ein oder anderen da die Summe aller Gifte drastisch zunimmt. Im Artikel ist auch nicht erwähnt welche Interferone gegeben wurden. Denn gibt man die falschen wenn bestimmte Gifte im Blut sind - was hier der Fall ist - dann wirken die nicht. Fatal ist, dass nicht versucht wird die Frau zu entgiften. Denn nicht selten heißt der erste, zweite und dritte Schritt einer erfolgreichen Therapie: Detox, Detox und Detox.
noalk 12.04.2014
4. aberwitzige
Warum die Verwendung von PDCB noch nicht verboten ist, ist mir ein Rätsel. Das Zeug ist für nichts von Nutzen, es wirkt im WC nicht mal antibakteriell. Es stinkt nur und übertüncht den Urinalgeruch. Lüften wäre allemal besser. Aber so ist der Mensch: Hauptsache, es riecht "gut". Einfach nur abartig!
n01 12.04.2014
5. Was da so alles drin ist!
Zitat von Martin XOEs ist erstaunlich, welche Formen selbstschädigendes Verhalten annehmen kann. Erschreckend ist, wie viele (hoch-)giftige Stoffe in riesigen Mengen aber täglich in die Umwelt gelangen - da wird es noch viele "mysteriösen" Erkrankungen geben.
Wenn diese Toilettensteine so giftig sind, frage ich mich, ob dies von unseren Klärwerken wieder herausgefiltert wird? Wenn nicht, landet dieses ganze Gift ja in einem riesigen Kreislauf, und irgendwann auch wieder bei uns. Oder eher in uns. Wenn ich ehrlich bin, habe ich mir über Toilettensteine noch nie großartig gedanken gemacht, aber wenn man das so liest, ist das wohl doch nicht so unschädlich, wie man denkt.
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