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Quacksalber-Tagung an TU München: Wenn Scharlatane die Uni räuchern

Von Silvio Duwe

Quacksalber-Tagung: Zahlenreihen gegen Malaria Fotos
DPA

Die TU München setzt ihren guten Ruf aufs Spiel: Drei Tage fand dort eine Tagung mit Wunderheilern, Schamanen und Esoterikern statt. Sie behaupten, Malaria mit Zahlen heilen zu können, empfehlen Chlorbleiche als Medizin. Warum lässt die Uni das zu?

Universitäten sind ein Hort der Wissenschaft - so sollte es zumindest sein. Denn immer wieder versuchen Schamanen und Wunderheiler, die Hörsäle zu erobern, manchmal sind sie sogar erfolgreich.

An Münchner Universitäten jedoch hat sich der pseudowissenschaftliche "Weltkongress der Ganzheitsmedizin" einen festen Platz erarbeitet. Die Veranstalterin, die Eventmanagerin Christine Herrera Krebber, verspricht den zahlenden Gästen ein buntes Programm mit Heilern, Schamanen und Wissenschaftlern aus aller Welt.

Doch was hat das Programm mit Wissenschaft zu tun? Im Angebot sind so obskure Workshops wie der zum schamanischen Röntgenblick, mit dem Heiler angeblich ohne technische Hilfsmittel den Zustand der Organe sehen sollen. Ein Heilpraktiker referiert über die geomantische Bedeutung der Mistel bei Krebs. Geomantie ist eine Form des Hellsehens.

Pseudowissenschaftlicher Kongress

Und selbstverständlich wird die Universität rituell geräuchert und gereinigt, bevor das Spektakel beginnt. Der Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl zieht dabei im Kreise seiner Anhänger um die Uni, um bei einem Feuerritual die Schamanen anzurufen. Zwischendurch erklingen Hörner und Trommeln. Der wissenschaftliche Geist muss schließlich erfolgreich ausgetrieben werden. Die Teilnehmer des dreitägigen pseudowissenschaftlichen Kongresses, die bis zu 340 Euro Eintritt zahlen müssen, wollen schließlich unterhalten werden.

Passt ein derartiges Unterhaltungsprogramm mit Wunderheilern und Schamanen in bunten Fantasiekostümen an eine seriöse Forschungsstätte?

Die Ludwig-Maximilians-Universität hat den "Weltkongress der Ganzheitsmedizin" nach Protesten von hochrangigen Universitätsmitarbeitern mittlerweile vor die Tür gesetzt. 2015 mussten sich die Scharlatane neue Räume suchen - und fanden sie an der TU München.

Parallel zum kostenpflichtigen Kongress hat Christine Herrera Krebber eine "Gesundheitsmesse" samt Vortragsprogramm organisiert, um hilfesuchende Patienten und Abzocker vom Esoterikmarkt in Kontakt zu bringen. Eintritt: frei.

An den bunten, mit indianischem Schmuck und Engelskristallen überladenen Ständen geht es wenig wissenschaftlich zu. An den Büchertischen finden sich Machwerke wie "MMS: Der Durchbruch" des US-amerikanischen Quacksalbers Jim Humble. MMS ist giftige Chlorbleiche - Anhänger trinken sie, setzen sie aber auch rektal und vaginal als Einlauf ein. Das Bundesinstitut für Arzneimittel (BfArM) hat die Substanz mittlerweile verboten.

Heilung mithilfe von Zahlenreihen

Ein paar Stände weiter preist Paul Daniel Baehren, der sich selbst als hellwissend bezeichnet und auf Gran Canaria die Firma "Moderne Gesundheit" betreibt, russische Heilmethoden nach Grabovoi an. Der Firmensitz ist gut gewählt, Baehren umgeht damit das ohnehin lasche deutsche Heilpraktikergesetz.

Er behauptet, beliebige Krankheiten mithilfe von Zahlenreihen heilen zu können. Diese müsse man nur auswendig lernen oder auf die betroffenen Körperteile schreiben. Auf Baehrens Internetseite finden sich Berichte, wonach Augenkrankheiten, Entzündungen und sogar Malaria bereits erfolgreich mit Zahlenkombinationen behandelt worden seien.

Das angebliche Heilwissen, das er in einem Hörsaal präsentiert, ist jedoch gemeingefährlich. Seine Zahlenreihen würden nach spätestens zwei Tagen wirken, verspricht er. Wenn nicht, so sei es entweder die falsche Zahlenreihe oder der Patient habe an seine Krankheit gedacht. Dies stünde der Heilung entgegen.

Auf ein Heilungsfenster warten

Krankheiten entstünden, weil die Seele einen Plan verfolge und durch die Krankheit etwas lernen wolle. Es sei daher besser, eine Krankheit nicht zu bekämpfen, sondern abzuwarten, bis ein Heilungsfenster komme. Dieses könne man mithilfe des Röntgenblicks erkennen.

Nebenbei referiert Baehren darüber, wie man Zähne und selbst die Gebärmutter einfach wieder nachwachsen lassen könne. Seine unterschwellige Botschaft: Kranke sollten lieber nicht zum Arzt gehen, sondern das, was die Seele für sie vorgesehen habe, durchstehen. Das kann tödlich enden.

Tatsächlich leben die Wunderheiler davon, Angst vor der wissenschaftlichen Medizin zu schüren, um den verunsicherten Patienten leichter für wirkungslose Quacksalberei das Geld aus der Tasche ziehen zu können. Mit welchen Mitteln die esoterischen Geschäftemacher dabei arbeiten, zeigt das neueste Buch von Wolf-Dieter Storl, der auch für die ordnungsgemäße Räucherung der Universität verantwortlich ist. Darin behauptet der selbst ernannte Kräuterexperte, in den USA sei das Risiko, von einem Arzt getötet zu werden, dreimal so hoch, wie durch eine Schusswaffe zu sterben.

Geschäft mit der Angst

Wirksame, wissenschaftlich getestete Methoden sind der Feind dieses Geschäfts mit der Angst, welches die Anhänger nicht nur mit Geld, sondern schlimmstenfalls mit gesundheitlichen Schäden oder dem Tod bezahlen müssen.

Gern hätten wir von der Technischen Universität München erfahren, wie sie die Werbung für MMS, schwarze Salbe und andere gesundheitsschädliche Quacksalberei in ihren Räumen bewertet. Doch unserer Frage danach weicht die Pressestelle der TU aus.

Stattdessen beruft sie sich auf das staatliche Neutralitätsgebot. Welche Materialien dort verteilt werden, sei ausschließlich Sache des Kongressveranstalters. Es könne "in keinem Fall von einer Mitverantwortung der TUM für getroffene Aussagen oder verteilte Schriften ausgegangen oder diese konstruiert werden. Dies wäre eine Verdrehung der Tatsachen."

Hort für Scharlatane

Immerhin scheint zumindest die Veranstalterin Christina Herrera Krebber auf unsere Anfrage bereit, in Zukunft zumindest bezüglich des gefährlichsten Unsinns zu reagieren. Sie distanziere sich klar von unrechtmäßigen Aktivitäten oder Produkten der Aussteller.

Doch auch ohne die Werbung für Chlorbleiche und Co. ist der Kongress mitsamt der Gesundheitsmesse vor allem eines: ein Hort für Scharlatane mitten an der Universität.

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