Multiple-Sklerose-Therapie Vorsichtige Fortschritte

Innerhalb eines Jahres sind zwei neue Multiple-Sklerose-Medikamente auf den Markt gekommen, ein weiteres folgt. Die Mittel können die Therapie nicht revolutionieren, die Krankheit bleibt unheilbar. Doch für manche Patienten wird sich die Behandlung vereinfachen.

Multiple Sklerose: Durch die Schädigungen der Nerven können Beschwerden im ganzen Körper auftreten
Corbis

Multiple Sklerose: Durch die Schädigungen der Nerven können Beschwerden im ganzen Körper auftreten


Die Multiple Sklerose, kurz MS, schleicht sich in das Leben der Betroffenen ein: Ameisen scheinen an Armen und Beinen entlang zu laufen, die Augen schmerzen, wenn sich die Augäpfel bewegen. Doppelbilder, Schleier und Nebel trüben das Sehen, die Muskeln ermüden schnell. Nicht jeder entwickelt dieselben Symptome, auch der Verlauf der Krankheit kann von Person zu Person stark schwanken. Multiple Sklerose ist eine Krankheit mit 1000 Gesichtern.

Geschätzte 130.000 Menschen leiden in Deutschland an der entzündlichen Erkrankung, bei der das eigene Immunsystem Nerven in Gehirn und Rückenmark beschädigt. Bis heute gibt es keine Möglichkeit, sie zu heilen, Medikamente können jedoch den Krankheitsverlauf verzögern. Auch wenn die Behandlung in den letzten zehn Jahren große Fortschritte gemacht hat, müssen sich die meisten Betroffenen bis heute wöchentlich oder täglich Spritzen setzen. Neue Medikamente sollen die Behandlung vereinfachen und die Wirkung verstärken. Halten sie, was sie versprechen?

Bislang müssen die meisten Patienten spritzen

Bei etwa 90 Prozent der Patienten treten die für die MS typischen Entzündungen in Gehirn oder Rückenmark anfangs in Schüben auf, dazwischen haben die Betroffenen keine Beschwerden. Ärzte sprechen von der schubförmig remittierenden MS. Die Symptome können sich in diesem Stadium der Krankheit nach den Schüben vollständig zurückbilden, zum Teil bleiben aber auch Schäden zurück.

Die bislang verfügbaren MS-Medikamente wie Interferonpräparate und Copaxone (Wirkstoff Glatirameracetat) beeinflussen die Entzündungsaktivität der Multiplen Sklerose. Täglich oder wöchentlich gespritzt reduzieren sie die Phasen, in denen Entzündungsherde auftreten und es zu körperlichen Störungen und Ausfällen kommt, um 30 beziehungsweise 40 Prozent.

"Wichtiger als die Schubrate ist jedoch im Hinblick auf die Wirksamkeit von Medikamenten die Frage, ob die Behinderung zum Beispiel beim Gehen oder Sehen im Lauf der Zeit zunimmt", sagt der Neurologe Friedemann Paul vom NeuroCure Clinical Research Center der Charité Universitätsmedizin Berlin. Keines der beiden bisherigen Präparate für die Basistherapie der schubförmig remittierenden MS hat nach seiner Aussage einen gesicherten Effekt auf das Fortschreiten der Behinderung über einen Zeitraum von wenigen Jahren hinaus gezeigt.

"Heilen können auch sie nicht"

Um die Therapie zu verbessern, sind innerhalb eines Jahres zwei neue Mittel für die Langzeittherapie auf den Markt gekommen (Handelsnamen Aubagio und Lemtrada), die ebenfalls für die schubförmig remittierende MS zugelassen sind. Bis Ende Januar 2014 soll ein weiteres Medikament (Handelsname Tecfidera) folgen. Wie sehr die Patienten von den Neuentwicklungen profitieren, ist unter Experten allerdings umstritten.

"Diese Medikamente bedeuten keinen Durchbruch, denn heilen können auch sie nicht", sagt Paul zurückhaltend. Abgesehen davon müsse sich noch zeigen, wie sich die Anwendung der Medikamente auf lange Sicht auf den Verlauf einer MS auswirke, gibt er zu Bedenken. Sein Münsteraner Kollege Heinz Wiendl, Direktor der Klinik für Allgemeine Neurologie, sieht die neuen Medikamente positiver: "Diese Substanzen bedeuten echte Therapiefortschritte. Das Management der Erkrankung wird für die Patienten viel leichter."

Lemtrada etwa, das den Antikörper Alemtuzumab enthält, macht die täglichen oder wöchentlichen Spritzen überflüssig. Stattdessen erhalten die Betroffenen es in zwei Behandlungsphasen als Infusion: Im ersten Jahr an fünf, im zweiten Jahr an drei aufeinander folgenden Tagen. Falls notwendig, kann im dritten Jahr erneut an drei Tagen behandelt werden. Danach ist die Behandlung abgeschlossen. Was die Schubrate anbelangt, ist Lemtrada deutlich wirksamer als die Standardtherapie mit Interferon-Beta, außerdem verlangsamt es das Voranschreiten der Behinderung.

Wirkung und Nebenwirkungen abwägen

"Diese Substanz ist vermutlich das Wirksamste was momentan auf dem Markt zur Behandlung von MS verfügbar ist", sagt Wiendl. Neurologe Paul hingegen hat Zweifel, ob die Wirksamkeit beim Voranschreiten der Behinderung wirklich schon über einen ausreichend langen Zeitraum untersucht wurde. Außerdem sollte Lemtrada aufgrund der Nebenwirkungen nur begrenzt eingesetzt werden, wenn zum Beispiel die Basistherapie versagt. In den ersten Monaten nach der Infusion neigen die Betroffenen eher zu Infektionen und schwerwiegenden Autoimmunerkrankungen.

Die Basistherapeutika - Interferonpräparate und Glatirameracetat - hingegen gelten als relativ sicher, die Beta-Interferone haben sich mittlerweile in Langzeitbeobachtungen von bis zu 21 Jahren bewährt. In den ersten Monaten können auch bei ihnen Nebenwirkungen auftreten, mitunter kommt es zu grippeähnlichen Symptomen, selten auch zu einer Autoimmunerkrankung der Schilddrüse. Glatirameracetat kann am Anfang der Anwendung zu lokalen Reaktionen an der Injektionsstelle und selten zum Beispiel zu Infektionen führen.

Das neue Medikament Lemtrada hat zudem einen Beigeschmack: Das früher bei einem speziellen Leukämie-Typ eingesetzte, effektive Krebsmedikament wurde von der Herstellerfirma trotz Wirksamkeit vom Markt genommen - nur um anschließend die Zulassung zur Behandlung von MS zu beantragen. Die Marktrücknahme soll nach Ansicht von Experten verhindern, dass Ärzte künftig den Wirkstoff aus der Krebstherapie abzweigen, schreibt das Ärzteblatt .

Als Krebsmedikament ist es vergleichsweise günstig, für die MS-Therapie wird es, wenn sich der Hersteller an den Preisen der anderen MS-Medikamente orientieren sollte, teurer sein. Ein Jahr Therapie mit Beta-Interferon kostet pro Patient zwischen 16.000 und 19.000 Euro, eine Einjahrestherapie mit Natalizumab etwa 27.000 Euro pro Patient.

Tabletten statt Spritze

Die beiden weiteren Neuentwicklungen, Aubagio und Tecfidera, haben den Vorteil, dass sie als Tablette beziehungsweise Kapsel eingenommen werden können. "Das Aubagio hat in etwa dieselbe Wirkstärke wie Interferon-Beta und Capoxone", erklärt Wiendl. Als ein Medikament, das einmal täglich oral eingenommen werden könne und bei dem Sicherheit sowie Verträglichkeit bestätigt seien, könnte es eine attraktive Option für Patienten sein, bei denen die herkömmliche Injektions-Therapie unwirksam ist, sagt der Neurologe Ludwig Kappos vom Universitätsklinikum Basel laut einer Mitteilung der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG).

Tecfidera hingegen ist eine Weiterentwicklung der Fumarsäure, mit der in Deutschland die Schuppenflechte behandelt wird. Es reduziert die Schubrate laut den Ergebnissen zweier Studien innerhalb von zwei Jahren um etwa 50 Prozent und scheint nach derzeitigem Kenntnisstand wirksamer als die Standardtherapie. "Der Charme ist das als günstig angesehene Sicherheitsprofil im Vergleich zu den in den Studien recht ansprechenden Wirksamkeitsdaten", so Wiendl. Das Medikament muss aber zweimal täglich eingenommen werden.

Nach Wiendls Aussage verfolgt Tecfidera einen völlig neuartigen Ansatz. Der Wirkstoff bekämpft die Immunzellen, die maßgeblich an der Zerstörung der Myelinscheide beteiligt sind. Die häufigsten Nebenwirkungen sind Magen-Darm-Beschwerden, Gesichtsrötung sowie eine verminderte Zahl von Immunzellen und eine Erkrankung des Zentralen Nervensystems.

Erfolgreiche Therapie muss nicht umgestellt werden

Was bedeuten die neuen Medikamente nun für die Behandlung? "Wenn ein Patient bereits therapiert wird, sollte eine Umstellung auf die neuen Medikamente am besten nur dann erfolgen, wenn die Basistherapie nicht mehr zufriedenstellend wirkt beziehungsweise die Nebenwirkungen nicht toleriert werden", rät Wiendl. Es müsse in jedem Fall vorab gemeinsam mit dem behandelnden Arzt eine gründliche individuelle Risiko-Nutzen-Abwägung erfolgen.

Bei aller Euphorie über neue MS-Medikamente bleibt zudem der große Bedarf nach einer vollständig neuen Klasse an Wirkstoffen bei der progressiven Verlaufsform der MS, die etwa zehn Prozent der MS-Patienten betrifft und in die viele vormals schubförmige Verlaufsformen der MS nach Jahren übergehen können, weiter ungedeckt. Da können auch die Neuentwicklungen nicht helfen. Außerdem sind sich Paul und Wiendl einig darin, dass es wichtig ist, die Diagnostik weiter zu verbessern, so dass die Erkrankung möglichst frühzeitig erkannt und behandelt wird. Nur dann können neue Medikamente auch ihre ganze Wirkung entfalten.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Meineserachtens 20.12.2013
1. Trotzdem ...
Es ist verdammt schwer Menschen, die an bisher unheilbaren oder nicht zu mildernde Krankheiten leiden, Hoffnung zu machen. Und doch möchte ich dies machen, weil ich seit einigen Jahren den Weg von Dr. Robert Lanza und seinem Team verfolge. Hier wird auf Basis von embryonalen Stammzellen gearbeitet. Das hat dazu geführt, das es seit 2 Jahren, die einzigen zwei von der US-FDA genehmigten Patientenversuche gibt. Hier werden Patienten mit Stargard distrophy und der trockenen Makulardegeneration (Augenkrankheiten) mit RPE-Zellen behandelt, d.h. ihnen werden 50 - 150.0000 RPE-Zellen in ein Auge injiziert. RPE heißt Retinal pigment epithelium Zellen. Diese Zellen werden aus embryonalen Stammzellen gewonnen. Mittlerweile sind über 30 Patienten in 5 der renommiertesten Augenkliniken der USA und einer in Großbritannien behandelt worden. Im Januar werden die ersten TLD-Timeline data ergebnisse vorgestellt. Es ist sicher, das fast alle Patienten signifikante Sehverbesserungen zeitigen. Das hat die FDA dazu bewogen, auch jüngere Patienten in einer 2a-Versuchsreihe zu genehmigen. D.h. solche Versuche beginnen sinnvollerweise mit älteren Patienten die schon eine fortgeschrittenere Erkrankung ihrer Sehleistung haben. Zuallererst sollen die Versuche sicher für die Patienten sein. Es hat schon Bestätigungen von zwei, drei Patienten gegeben, die eine Sehverbesserung von zuerst 20/400 auf jetzt 20/40 haben. D.h. sie waren vorher fast blind und können jetzt wieder Auto fahren oder Pferde reiten. Ist das nicht phantastisch? Zurücke zur MS. Das selbe Team um Dr. Lanza und dem Unternehmen ACTC-Advanced Cell Technologies hat auch auf dem Feld der Behandlung von Alzheimer oder Ms schon revolutionäres vorzuweisen. Hier aber auf Basis von Mesenchymal-Stammzellen. Es wird in Kürze ein Peer Review-Paper dazu veröffentlicht werden, quasi eine Verifizierung durch ein wissenschaftliches Organ wie Science oder Nature. ACTC ist ein kleines Unternehmen mit ca. 40 Mitarbeitern in Massachusetts/USA, hat aber unter anderem mit Dr. Robert Samuel Langer als wissenschaftlichen Beiratsvorsitzenden einen der profilitiersten Unternehmer und Denker Amerikas gewinnen können. So, das muß jetzt erstmal reichen. Jeder der gerne möchte kann sich hier selbst schlau machen. Ich sag abschließend nur eins, hier kommt leise und ohne Aufhebens eine medizinische Revolution auf uns zu, die regenerative Medizin. Übrigens konnten sich einige bereits bei der letzten Weltkonferenz der regenaritiven Medizin in Leipzig ein Bild von Robert Lanza machen. Es klingt alles unglaublich, aber glauben sie mir, es kommt und Dr. Robert Lanza wird 2014 oder 2015 den Nobelpreis der Medizin bekommen und ich, ich weiß das jetzt schon.
mariakäfer 20.12.2013
2. @meineserachtens
Wie heißt der Typ denn jetzt? Robert Langer oder Robert Lancer?
andreas.spohr 20.12.2013
3. Im Januar werden die ersten TLD Ergenisse vorgestellt
und da ist schon jetzt "sicher, das "(!)" fast alle Patienten signifikante Sehverbesserungen zeitigen". Was soll dann die Studie noch - so ein Quatsch! Wer das jetzt schon weiß, ist entweder selbst an den Studien beteiligt oder verdient da mit dran, wenn er so wortreich für solche unreifen Therapien wirbt? Einfältig, wer heute noch solchen vollmundigen wissenschaftlichen Versprechen glaubt!
andreas.spohr 21.12.2013
4.
und das schon vor Veröffentlichung der TLD-Studie! Was soll das ganze dann noch? Meineserachtens kann doch eh keiner glauben, was da alles vollmundig versprochen und prophezeit wird. Wer den Mund so voll nimmt und so viel zu wissen angibt, ist entweder an der Sache beteligt und hofft auf eine Karrieresprung oder auf viel Geld. Einfältig wer heute noch den sog. wissenschaftlichen Studien arglos glaubt....
Steuerzahler0815 21.12.2013
5.
Was haben ihnen Ärzte eigentlich getan und sollten sie als Banker nicht still sein?
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