Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Studie zu Todesursachen: Resistente Keime bald gefährlicher als Krebs

MRSA-Keim im Labor: "Rückfall in das Vor-Penicillin-Zeitalter" Zur Großansicht
REUTERS

MRSA-Keim im Labor: "Rückfall in das Vor-Penicillin-Zeitalter"

Laut einer neuen Studie könnten bald mehr Menschen an multiresistenten Keimen sterben als an Krebs. Die wachsende Bedrohung beschäftigt auch den G7-Gipfel.

Kanzlerin Angela Merkel hat es selbst auf die Tagesordnung gesetzt, es soll im Kreise der Regierungschefs beim G7-Gipfel in Bayern diskutiert werden: der Kampf gegen die Ausbreitung von resistenten Keimen. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe hat vor dem Treffen von einem "Rückfall in das Vor-Penicillin-Zeitalter" gewarnt - nun bestätigt eine neue Untersuchung diese Befürchtung.

Wenn sich beim Einsatz von Antibiotika und in der Hygiene nichts ändert, wird sich die Zahl der Toten durch multiresistente Keime wohl drastisch erhöhen. Das geht aus einer Analyse einer Berliner Forscherin im Auftrag der Grünen-Bundestagsfraktion hervor.

In der Untersuchung warnt Elisabeth Meyer vom Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Charité, dass sich die Zahl der weltweiten Todesopfer von derzeit etwa 700.000 jährlich im Jahr 2050 auf zehn Millionen erhöhen könnte. Für ihre Hochrechnung legt sie Schätzungen der britischen Regierung von 2014 zugrunde und setzt voraus, dass keinerlei Gegenmaßnahmen getroffen werden. Für Europa würde dies einen Anstieg von jetzt etwa 23.000 auf 400.000 Tote bedeuten. Damit würden dann mehr Menschen an multiresistenten Keimen sterben als an Krebs, schreibt die Autorin.

In Deutschland geht das Bundesgesundheitsministerium von insgesamt 400.000 bis 600.000 Patienten aus, die jedes Jahr durch medizinische Behandlungen Infektionen bekommen - und von bis zu 15.000 Toten. Allerdings gibt es unterschiedlich hohe Schätzungen zu Krankenhauskeimen, von denen auch nicht alle resistent sind: Das Nationale Referenzzentrum (NRZ) an der Berliner Charité geht von maximal 6000 Todesfällen pro Jahr aus. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) setzt die Zahl der jährlichen Todesfälle bei bis zu 30.000 an; die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) dagegen rechnet mit 2000 bis 4500 Patienten, die durch Krankenhauskeime sterben.

Gut ein Zehntel der Keime gilt heute als multiresistent. Das heißt, sie reagieren nicht mehr auf gängige Antibiotika und werden nicht abgetötet. Diese Resistenzen können etwa durch den Einsatz von Antibiotika in der Tiermast entstehen und auf den Menschen übertragen werden. Jährlich bekommen laut Studie rund ein Drittel aller Krankenversicherten ein Antibiotikum verschrieben. Meyer geht davon aus, dass etwa 30 Prozent aller Antibiotika in der Humanmedizin nicht notwendig sind.

Die WHO will ein globales Aktionsprogramm gegen Resistenzen starten. Mitte Mai brachte die Bundesregierung eine Strategie gegen resistente Keime auf den Weg, die neue Meldepflichten, eine stärkere Überwachung und schärfere Hygieneregeln für Kliniken enthält.

Bei Schnupfen auf Antibiotika verzichten

Den Grünen im Bundestag gehen die Vorschläge der Bundesregierung jedoch nicht weit genug. Sie tue zu wenig gegen Antibiotika-Missbrauch in der Massentierhaltung. "Für Menschen überlebenswichtige Reserve-Antibiotika müssen im Stall sofort verboten werden", forderte Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter.

Gröhe sprach sich dafür aus, durch mehr Kooperationen staatlich geförderter Forschungseinrichtungen mit Pharmafirmen Anreize für eine verstärkte Forschung in diesem Bereich zu setzen. Er will erreichen, dass Institutionen bei der Entwicklung neuer Wirkstoffe zusammenarbeiten. Denn die Forschung und Herstellung neuer Antibiotika ist sehr aufwendig und teuer. Die Ausweitung von Kooperationen sei viel wirksamer als neue Subventionen.

Das bestätigt auch Bayer-Vorstandschef Marijn Dekkers. In einem Gespräch mit dem SPIEGEL sagt er kürzlich, dass die Pharmaindustrie zu wenig Anreize habe, neue Antibiotika für die Patienten zu entwickeln. "Ich rechne mit einem multinationalen Fonds für die Antibiotika-Forschung. Das kann ein Land allein nicht stemmen", so Dekkers im Hinblick auf den G7-Gipfel.

Gröhe betonte weiter, jeder Einzelne könne helfen, Resistenzen vorzubeugen. So dürfe nicht bei jedem Schnupfen nach einem Antibiotikum verlangt werden. "Der weltweite Anstieg von Antibiotika-Resistenzen hat ein ähnlich verheerendes Potenzial wie der Klimawandel: Wenn nicht schnell und klug gegengesteuert wird, bedeutet das eine Katastrophe weltweiten Ausmaßes", sagte er.

joe/dpa/Reuters

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 145 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Jeder ist selbst gefragt,
buktu1975 02.06.2015
nicht sofort beim Arzt nach einem Antibiotikum zu verlangen, wenn es nicht wirklich erforderlich ist (und das sollte der Arzt entscheiden). Und falls es verordnet wurde, es auch tatsächlich ZU ENDE zu nehmen, selbst wenn die Beschwerden abgeklungen sind. Ich verstehe jedoch nicht, wieso die Arzneimittelgabe in der Tierzucht nicht restriktiver gehandhabt wird. Oder muss ich die Volksvertretung da in etwas mit der FIFA vergleichen, um die Gründe zu erkennen? ;-)
2. Bayer fordert mehr Anreize zum Entwickeln von Antibiotika....
lupenreinerdemokrat 02.06.2015
Satire, oder? Habe gerade den Artikel überflogen, dass Bayer mehr Anreize für die Pharmaindustrie fordert, neue Antibiotika für die Patienten zu entwickeln. Bock zum Gärtner? Die Fakten sind ja die, dass GERADE durch die Antibiotika der Pharmaindustrie - für die Massentierzucht - das Problem der multiresistenten Keime entstanden ist (entsteht)! Klar kann man keine Massentierhaltung ohne Antibiotika betreiben, das ist nun mal ein notwendiges Übel bei diesen fast schon kriminellen Umtrieben der Nahrungsmittelidustrie. Höchst hinterfragenswürdig ist, wer eigentlich die Massentierzucht braucht? Wäre den Menschen nicht mehr geholfen, etwas höhere Fleischpreise bezahlen zu müssen und im Gegenzug zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen? - weniger Fleischkonsum, da dieses kein Ramschprodukt mehr ist, also gesündere Lebensweise - keine Antibiotika im Fleisch, kein Gen-Dreck im Tierfutter - also gensüdere Lebensweise Weitere Konsequenzen: keine Massentierhaltung mehr, auch kein Bedarf an Gen-Mist mehr auf den Agrarwüsten. Ebenso eine Reduktion der Regenwaldrodungen in den Tropen. Deutliches Senken des CH4- und CO2- AUsstoßes, welches durchaus positive Wirkungen auf das Klima haben könnte (jedenfalls mehr, als das ewige Herumgeeiere auf den fossilen Brennstoffen(. Wie man sieht, könnte man beim Packen des Übels an der Wurzel (= Abschaffung der Massentierhaltung) eine ganze Kettenreaktion an positiven Veränderungen herbeiführen.
3. Haben das nicht die Ärzte zu verantworten?
alafesh 02.06.2015
Dieser Verschreibungswahn bei viralen Infekten oder "auf gut Glück" ist schon uralt. Auch sehr alt ist das Wissen um die Gefahren, denen wir jetzt gegenüberstehen. Dieses Wissen war bereits in der 10. Klasse in allgemeinbildenden Schulen erhältlich. Wurde an der Uni dann was anderes gelehrt oder machen die Ärzte immer, was der Patient wünscht? Die Ärzte,Kassen und Gesundheitsämter haben ihre Pflicht zur Aufklärung vergessen.
4. Schon Florence Nightingale hatte dreckige Hände.
von_scheifer 02.06.2015
Ich halte nichts davon die Leute zu verhetzen und in Panik zu versetzen. Es hilft kein anderer.
5. Sowas aber auch
hubie 02.06.2015
da krieg ich ja glatt nen Schnupfen vor Schreck. Aber kein Problem, ich geh mal zum Arzt, und wenn der sagt "Antibiotika!", dann freue ich mich, weil ich das Zeug schneller los werde und hinterfrage seinen schnellen Griff zum Medikament gar nicht erst. Ab zur Apotheke!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel:



Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel: