Tödliche Bakterien: "Wir stehen vor einer Katastrophe"

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Antibiotikaresistente Bakterien: Sorgloser Einsatz in der Tierzucht

23.000 Tote jährlich, zwei Millionen Infizierte: Die US-Seuchenschutzbehörde schlägt Alarm. Gegen Antibiotika resistente Bakterien werden zur Gefahr für die Weltbevölkerung.

Atlanta - Zum ersten Mal hat die US-Regierung schätzen lassen, wie viele Menschen in den Vereinigten Staaten jedes Jahr an Infektionen mit Bakterien sterben, die gegen mehrere Antibiotika resistent sind. Die US-Seuchenschutzbehörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) spricht von 23.000 Todesfällen pro Jahr, das wären in etwa so viele wie bei der Grippe.

Die CDC will mit dem Bericht "Antibiotic Resistance Threats" (Gefährdung durch Antibiotikaresistenzen) auf die wachsende Gefahr durch Bakterien aufmerksam machen, gegen die in vielen Fällen nur noch einige wenige sogenannte Reserveantibiotika helfen. "Wir stehen vor einer Katastrophe", bewertet die Infektiologin Helen Boucher von der Tufts University im US-Bundesstaat Massachusetts die Situation. Es gehe deshalb darum, jetzt Alarm zu schlagen.

Antibiotika wie Penicillin sind erst seit den vierziger Jahren verfügbar, heute gibt es Dutzende Wirkstoffe, die auf unterschiedliche Weisen Bakterien bekämpfen. Ohne Antibiotika wären viele Fortschritte der Medizin unmöglich gewesen, weil die Patienten an heute als banal wahrgenommenen Infektionen gestorben wären.

"Diese Medikamente sind eine wertvolle, begrenzte Ressource"

Doch der unbedachte und breit gestreute Einsatz von Antibiotika, nicht nur beim Menschen, hat auch dazu geführt, dass viele Bakterienstämme gegen eine wachsende Zahl der Mittel resistent sind. Die CDC schätzt, dass in den USA bis zur Hälfte der verschriebenen Antibiotika unnötig oder falsch eingesetzt werden. In der Tierzucht etwa werden die Mittel auch vorbeugend genutzt oder mit dem Ziel, das Wachstum der Tiere zu fördern. Infektionsexperten warnen seit Jahrzehnten, dass die Wirkstoffe auch bei Tieren nur zur Behandlung von Krankheiten verwendet werden sollten, um resistenten Erregern die Verbreitung zu erschweren.

"Jedes Mal, wenn Antibiotika eingesetzt werden, verändern sich Bakterien und entwickeln Resistenzen. Das kann in erschreckendem Tempo geschehen", sagt Steve Solomon, bei der CDC zuständig für Antibiotikaresistenzen. "Diese Medikamente sind eine wertvolle, begrenzte Ressource. Je mehr Antibiotika wir heute nutzen, desto weniger wahrscheinlich wird es, dass wir morgen noch wirkende Antibiotika haben."

In ihrem Bericht betrachtet die CDC die 17 aus ihrer Sicht bedenklichsten antibiotikaresistenten Bakterien. Nach den Zahlen der US-Wissenschaftler infizieren sich in den Vereinigten Staaten jährlich mehr als zwei Millionen Menschen mit diesen Erregern, mindestens 23.000 sterben daran. Alleine 11.000 Todesfälle verursacht der auch in Deutschland weit verbreitete Erreger MRSA, das Kürzel steht für methicillin-resistenter Staphylococcus aureus.

Im Saarland mit wenig Aufwand viel Geld einsparen?

In Deutschland führt MRSA zu weit mehr als 100.000 Infektionen, das in den USA thematisierte Problem ist auch hierzulande bekannt. Das Robert Koch-Institut (RKI) will trotz eines rückläufigen Trends bei MRSA in einigen Überwachungssystemem keine Entwarnung geben (PDF hier).

Zuletzt hatten Wissenschaftler um den Hygieniker Matthias Herrmann von der Universität des Saarlandes für Deutschlands kleinstes Flächenbundesland die Rate der mit MRSA besiedelten Patienten ermittelt, die innerhalb von vier Wochen in eines der 24 Akutkrankenhäuser des Saarlands aufgenommen wurden. Von mehr als 20.000 gescreenten Patienten trugen gut 400 den Keim an sich, berichteten die Wissenschaftler im Fachmagazin "Plos One".

Die deutschen Forscher schätzen, dass im Saarland durch Investitionen von 500.000 Euro jährlich in die Erkennung betroffener Patienten ein "substantieller Anteil" der über 10 Millionen Euro Zusatzkosten durch MRSA-Infektionen eingespart werden könnte.

Viele Menschen tragen die Staphylokokken auf der Haut, ohne dass die Bakterien eine Krankheit verursachen. Die Bakterien sind jedoch auch in der Lage, schwere Haut- oder Gewebeinfektionen auszulösen. Gelangen sie in die Blutbahn, droht eine lebensbedrohliche Sepsis. Solche schweren MRSA-Infektionen gab es 2011 in den USA rund 80.000-mal, so der CDC-Bericht. Die meisten der Patienten waren zuvor im Krankenhaus behandelt worden.

Die CDC betrachtet die gegen Antibiotika unempfindlichen Keime unter verschiedenen Gesichtspunkten: Neben der offensichtlichen Gefahr für die Gesundheit geht es der Behörde auch um wirtschaftliche Folgen. Die CDC zitiert Studien, nach denen die Antibiotikaresistenzen in den USA Mehrkosten in Höhe von 20 Milliarden US-Dollar für die Behandlung verursachen, zusätzlich entstünden durch Produktivitätsverluste gesellschaftliche Kosten in Höhe von bis zu 35 Milliarden US-Dollar jährlich.

Dringlich ist allerdings vor allem die Frage, wie die weitere Ausbreitung der Erreger verhindert werden kann. In den USA weisen Ergebnisse zumindest darauf hin, dass die MRSA-Infektionsraten nicht mehr weiter ansteigen könnten. Auch ein von der Untersuchung unabhängiger CDC-Bericht, der am Montag im Fachmagazin "Jama Internal Medicine" erschienen ist, hat eine Abnahme schwerwiegender MRSA-Infektionen um 30 Prozent von 2005 bis 2011 ergeben.

Besondere Sorgen bereiten den Wissenschaftlern jedoch auch die sogenannten Carbapenem-resistenten Enterobakterien und zum Beispiel Gonorrhoe-Erreger oder Clostridium difficile. Dieses Bakterium ist für schwere Durchfälle verantwortlich, die eine Nebenwirkung ausgerechnet der Behandlung mit Antibiotika sein können. Clostridien-Infektionen führen jährlich zu rund 250.000 Krankenhausaufnahmen in den USA, mindestens 14.000 Menschen sterben nach Angaben der CDC an den Folgen.

Ziel der CDC ist es, die Verbreitung der Infektionen zu verhindern, die Ausbreitung der Erreger so genau wie möglich zu verfolgen, den Einsatz der Antibiotika grundlegend zu verändern und neue Wirkstoffe zu entwickeln.

Die Experten der CDC befürchten, dass Ärzte sich künftig weigern könnten, bestimmte Patienten zu operieren, weil sie fürchten müssen, mögliche Infektionen nicht mehr behandeln zu können. "Wenn wir nicht aufpassen, dann ist der Medikamentenschrank leer", wenn Ärzte Mittel benötigen, um Infektionen zu behandeln, so CDC-Direktor Tom Frieden. "Uns werden die Antibiotika fehlen, die wir brauchen, um Leben zu retten."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels wurden Gonorrhoe-Erreger und Clostridium difficile versehentlich als Enterobakterien bezeichnet. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

dba/Reuters

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insgesamt 188 Beiträge
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1.
-haselnuss- 17.09.2013
Wäre Zeit für die Wiederentdeckung der Phagen.
2. xxx
styxx66 17.09.2013
Zitat von sysop23.000 Tote jährlich, zwei Millionen Infizierte: Die US-Seuchenschutzbehörde schlägt Alarm. Gegen Antibiotika resistente Bakterien werden zur Gefahr für die Weltbevölkerung. Multiresistente Keime: US-Behörde CDC warnt vor tödlichen Bakterien - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/multiresistente-keime-us-behoerde-cdc-warnt-vor-toedlichen-bakterien-a-922624.html)
Die Tatsache, dass gegen Antibiotika resistente Bakterien eine große Gefahr für die Weltbevölkerung darstellen ist nichts neues und seit vielen Jahren bekannt.
3. Kommt davon ...
hd117 17.09.2013
wenn man wegen jeder Kleinigkeit geich zum Antibiotikum greift, statt sich mal auf andere Methoden zur Bekämpfung von Bagatell-Wehwehchen zu besinnen. Darwinismus ... gut so!
4. Tja
lessisanoption 17.09.2013
Das war unausweichlich. Der flächendeckende Einsatz in der Viehmast und die Tatsache, dass viele Ärzte das Zeug verteilen wie Bonbons... Ob angebracht oder nicht wird meist nicht getestet. Medis verschreiben, der nächste Bitte. Bitter.
5. Tja, Massentierhaltung
hermes69 17.09.2013
und der Schrei nach "Billig, Billig" haben eben Folgen. Wird nur der Anfang sein. Irgendwann fliegt uns das um die Ohren. Aber so is er halt der Mensch, wegschauen und Augen zu.
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