Schätzung für Europa Multiresistente Keime verursachen 33.000 Todesfälle pro Jahr

Wenn Antibiotika nicht mehr anschlagen: Multiresistente Bakterien erschweren die Behandlung von Patienten. Wie viele Menschen daran sterben, ist umstritten. Nun legt eine Studie neue Zahlen vor.

Künstlerische Darstellung von Enterobakterien (Symbolbild)
imago/ Science Photo Library

Künstlerische Darstellung von Enterobakterien (Symbolbild)


Lungenentzündung, Sepsis, Wundinfektionen: Was vor Jahrzehnten tödlich enden konnte, ist heute meist kein Problem mehr - dank Antibiotika. Sie zählen zu den wichtigsten Medikamenten und bekämpfen krankmachende Bakterien. Doch Erreger werden zunehmend unempfindlich gegen die Mittel. Im schlimmsten Fall werden dadurch einfache Infektionen lebensbedrohlich.

Laut einer aktuellen Berechnung sterben europaweit etwa 33.000 Menschen pro Jahr infolge von Antibiotika-Resistenzen, wie ein internationales Forscherteam im Fachblatt "The Lancet Infectious Diseases" berichtet. Demnach ist die Zahl der Todesfälle seit 2007 deutlich gestiegen.

Umstrittene Hochrechnungen

Dass Antibiotikaresistenzen eine Bedrohung darstellen, steht fest. Doch wie viele Menschen tatsächlich betroffen sind, ist umstritten. Im Jahr 2015 hatte eine Studie für Aufsehen gesorgt, nach der pro Jahr weltweit zehn Millionen Menschen den multiresistenten Keimen zum Opfer fallen könnten. Inzwischen ist klar: Die Forscher haben in ihrer Hochrechnung heftig übertrieben. Mehr dazu lesen Sie hier.

Eines der Hauptprobleme: In dem Bericht ging es nicht bloß um Bakterien, die unempfindlich gegenüber Antibiotika sind, sondern generell um Krankheitserreger, die nicht auf verfügbare Medikamente ansprechen. Darunter fallen zum Beispiel auch HIV, Grippeviren oder Malaria-Erreger.

670.000 Infizierte

Diesen Fehler machen die Forscher in der aktuellen Studie nicht. In ihrer Auswertung haben sie nur Infektionen mit 16 häufig vorkommenden multiresistenten Keimen berücksichtigt, die im Jahr 2015 über das europäische Netzwerk zur Beobachtung antimikrobieller Resistenzen (EARS-Net) registriert wurden. Anschließend rechneten sie die Zahlen für fünf der Erreger hoch. An dem EARS-Netzwerk sind jedoch vor allem große Krankenhäuser beteiligt, die überdurchschnittlich viele schwere Infektionen behandeln.

Laut der Hochrechnung haben sich 2015 in der EU mehr als 670.000 Patienten mit multiresistenten Keimen infiziert. Für 33.000 Patienten endete die Infektion demnach tödlich. Besonders gefährdet seien Kleinkinder und ältere Menschen.

Infektionen entstehen vor allem in Krankenhäusern

Etwa drei Viertel der Erkrankungen mit antibiotikaresistenten Keimen entstünden in Krankenhäusern und anderen Einrichtungen des Gesundheitssystems, berichten die Forscher weiter. In 39 Prozent der betrachteten Fälle seien die Patienten mit einem Keim infiziert, gegen den auch Reserve-Antibiotika nichts mehr ausrichten können. Die Behandlung einer Infektion ist dann nur noch schwer, teils gar nicht mehr möglich.

Die Forscher haben große Unterschiede zwischen den einzelnen EU-Ländern festgestellt. Am stärksten betroffen seien Italien und Griechenland. In Nordeuropa sei die Situation dagegen deutlich besser. Für Deutschland rechnen die Forscher mit fast 55.000 Infektionen mit multiresistenten Keimen und mehr als 2300 Todesfällen. Gemessen an der Bevölkerungszahl landet Deutschland damit im unteren Mittelfeld.

Eine Übersicht der einzelnen Länder sehen Sie hier:

The Lancet

Dargestellt ist die sogenannte Krankheitslast pro 100.000 Einwohnern. Sie bemisst sich aus der geschätzten Zahl der Infektionen, der Todesfälle sowie der durchschnittlichen Dauer der Erkrankung.

Um die Situation zu verbessern, fordern die Wissenschaftler:

  • Strenge Hygienevorschriften in den Krankenhäusern, um bereits resistente Erreger nicht von einem Patienten zum nächsten zu tragen.
  • Gezielter Einsatz von Antibiotika. Viel zu häufig verordnen Ärzte die Medikamente, obwohl die Patienten sie gar nicht brauchen. Viele Erkältungskrankheiten etwa werden von Viren ausgelöst, gegen die Antibiotika unwirksam sind.
  • Richtige Einnahme von Antibiotika. Hier sind die Patienten in der Verantwortung: Wer das verordnete Antibiotikum zu kurz oder falsch einnimmt, verbessert für Bakterien die Chance, sich an die Wirkstoffe anzupassen, sodass diese die Erreger nicht mehr abtöten können.
  • Mehr Forschung, um neue Antibiotika zu entwickeln.

Dass Bakterien Resistenzen entwickeln, ist ein natürlicher Prozess und Teil der Evolution: Treffen die Erreger auf Antibiotika, sollten eigentlich alle absterben. Durch zufällige Mutationen im Erbgut kann es jedoch sein, dass ein paar wenige überleben und Schutzmechanismen gegen die Antibiotika aufgebaut haben. Der viel zu hohe Gebrauch der Medikamente bei Patienten und in der Tiermast beschleunigt diesen Prozess.

Im Körper agieren multiresistente Keime genauso wie ihre Verwandten, die noch auf alle Antibiotika reagieren. Aus diesem Grund sind viele der Keime für Menschen mit einem intakten Immunsystem harmlos. Bei geschwächten Patienten jedoch können die Bakterien Infektionen auslösen, die sich nur schwer behandeln lassen.

Im Video: Die tödlichen Feinde - Superkeime

NZZ Format

koe/dpa/Reuters



insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
werner-xyz 06.11.2018
1. Und wenn man das jetzt
in Relation zu den Toten durch Terroranschläge pro Jahr setzt, dann sollte auch der letzte Trottel kapieren, dass es deutlich wichtigere Baustellen gibt, wie massiv Feste durch Sicherheitsauflagen einzuschränken nur um eine Sicherheit vor zu gaukeln die es gar nicht geben kann. das Geld wäre besser in Krankenhaushygiene investiert. Vielleicht sollte man mal statt Zombies Realfilme von Leuten zeigen, die offene Wunden durch multiresistente Keime haben, damit die Gefahr auch optisch erkannt wird.
permissiveactionlink 06.11.2018
2. Das Hauptproblem
der Antibiotika-Resistenzen besteht nicht darin, dass diese unablässig durch Zufallsmutationen entstehen und erst dann ein Selektionsdruck zur Vermehrung dieser Mutanten durch Antibiotika-Einsatz entsteht, bei der die Blaupause für die Resistenz vertikal an Nachkommen der mutierten Zelle weitergegeben wird, sondern in der Möglichkeit der Bakterien, auch anderen, bisher womöglich harmlosen Arten eine Kopie des Resistenzgenes (im Erdboden, in Gülle, im menschlichen Verdauungstrakt etc) in das Cytoplasma zu schleusen. Auf diese Art entstehen aus einfach resistenten Arten schnell auch multiresistente, andere Arten (horizontaler Gentransfer). Diese multiresisten Keime sind das echte Problem. Weil dann irgendwann kein nutzbares Antibiotikum mehr hilft. Und dann ist schnell alles aus.
Bananenschale 06.11.2018
3. dt. Krankenhaus
Ein wesentliches Problem ist die mangelnde Hygiene ( höflich ausgedrückt ) in dt. Krankenhäusern ( Ich weiß nicht, ob es in andern Ländern anders ist. ). Da werden die resistenten Keime geradezu konzentriert gezüchtet. Die bevorzugte Art ein Krankenhaus kranker zu verlassen, als man hineinkam, ist neben Nierenversagen, die Infektion mit irgendeiner Bazille. Die Suche nach Heilung ist endet immer in einer Wette gegen den Tod.
genesys 06.11.2018
4. Mögliche Lösung
Eine mögliche Lösung ist der Einsatz von Bakteriophagen (Phagentherapie) als Alternative zum Antibiotika. Links zu mehr Infos: https://de.wikipedia.org/wiki/Phagentherapie https://de.wikipedia.org/wiki/Georgi-Eliava-Institut_für_Bakteriophagen,_Mikrobiologie_und_Virologie
krautrockfreak 06.11.2018
5. Auch deshalb esse ich kein Fleisch mehr, denn dieses Problem kommt
auch von der Tatsache, dass in der Massenfleischproduktion oftmals unnötig Antibiotika angewendet wird, und zwar gleich die Superantibiotikas, die dann der Mensch zu sich nimmt. Ein bekanntes Problem, das - wie so viele andere - dank Lobbyarbeit der Wirtschaft (hier der Fleischlobby) - von der Politik verdrängt wird. Ist ja alles nicht so schlimm.... uns geht's doch gut!
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