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Multiresistente Keime: Die einen gehen, die nächsten kommen

Test auf Resistenzen: Je größer der bakterienfreie Bereich um die Tablette, desto besser wirkt das Antibiotikum Zur Großansicht
DPA

Test auf Resistenzen: Je größer der bakterienfreie Bereich um die Tablette, desto besser wirkt das Antibiotikum

MRSA gilt als einer der häufigsten multiresistenten Keime. Doch die Erreger werden seltener in Deutschland, berichtet das Robert Koch-Institut. Dafür entwickelt ein anderes Bakterium immer häufiger gefährliche Antibiotika-Resistenzen.

Bis zu 6000 Menschen sterben nach vorsichtigen Schätzungen jedes Jahr in Deutschland an Infektionen mit multiresistenten Bakterien. Das Robert Koch-Institut (RKI) dokumentiert seit 2008, wie sich die mutierten Erreger entwickeln, und erfasst, wenn neue Resistenzen entstehen. Ausgewertet werden dazu Daten aus fast 500 Krankenhäusern und 7000 Arztpraxen.

Die Ergebnisse der Auswertung für 2014 im Überblick:

  • Die Resistenzrate bei einem der häufigsten multiresistenten Erreger, dem MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus), geht laut RKI in Deutschland stetig zurück.
  • Die Resistenzrate bei VRE (Vancomycin-resistente Enterokokken) bleibt seit einigen Jahren mit Schwankungen auf konstantem Niveau, das jedoch über dem europäischen Durchschnitt liegt.
  • Bei anderen Erregern wie den ESBL (Beta-Lactamase produzierende Enterobakterien) gibt es einen leichten, aber stetigen Anstieg.

Die multiresistenten Keime haben sich mit der Zeit an die Anwesenheit von Antibiotika angepasst. Die Zellen entwickeln Strategien, deren Wirkmechanismen auszuhebeln, und reagieren dann nur noch schlecht oder gar nicht mehr auf die Arzneien. ESBL beispielsweise leben im Magen-Darm-Trakt und produzieren Enzyme, die sie gegen die meisten Antibiotika-Klassen resistent machen. Neben MRSA lösen ESBL die schwersten Fälle von bakteriellen Infektionen in Krankenhäusern aus.

Warum diese resistenten Keime immer häufiger auftreten, ist noch weitgehend unklar: "Eventuell gelangen diese Keime über die Nahrung in den menschlichen Körper", sagt Tim Eckmanns vom RKI. ESBL finden sich beispielsweise häufig auf Hühnchen in Supermärkten. Daher ist es wichtig, in der Küche Fleisch von Rohkost zu trennen. "Das Thema muss aber auch von der Veterinärmedizin angegangen werden, damit so was gar nicht erst in die Kühltheke gelangt", sagt Eckmanns.

Wissenschaftler warnen seit Jahren vor der Gefahr durch multiresistente Keime. Im Juni 2015 errechneten Forscher, an den Erregern könnten bald mehr Menschen sterben als an Krebs, falls keinerlei Gegenmaßnahmen ergriffen würden. Die Politik habe das Problem erkannt, sagt Gerd Glaeske, der seit Jahren an der Uni Bremen zur Arzneimittelversorgung forscht. Viel gebessert habe sich bislang aber nicht.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) stellte im Frühjahr einen Zehn-Punkte-Plan vor, durch den unter anderem die Meldepflicht für Kliniken bei besonders gefährlichen Keimen verschärft wird. Auch beim G7-Gipfel auf Schloss Elmau im Sommer war der Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen Thema, genau wie jetzt beim Treffen der Gesundheitsminister der sieben führenden Industriestaaten (G7) am 8. und 9. Oktober in Berlin.

Leitlinien zur Antibiotikagabe

Antibiotikaresistenzen nehmen weltweit zu. Hauptgrund ist, dass die Arzneien zu häufig und unsachgemäß eingesetzt werden - in der Humanmedizin, in der Landwirtschaft und der Tierzucht. Insbesondere Allgemeinärzte gingen zu großzügig bei der Verordnung um, sagt Glaeske.

Eine Auswertung des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung fand 2014 aber zumindest einen leicht positiven Trend: Demnach verordnen die niedergelassenen Ärzte in Deutschland insgesamt weniger Antibiotika als noch vor einigen Jahren. Doch ein Problem bleibt: Zu oft werden Mittel gegeben, die nur bei ganz bestimmten und schweren Infektionen eingesetzt werden sollten, sogenannte Reserveantibiotika. Das erhöht das Risiko, dass die Bakterien auch gegen sie Resistenzen entwickeln.

Glaeske fordert daher verbindliche Leitlinien zur Antibiotika-Gabe in der ambulanten Versorgung. Zudem müsse das Thema in der Ausbildung der Mediziner eine viel größere Rolle spielen. Für die Patienten seien Informationen in verständlicher Sprache nötig - etwa ein kurzes Blatt, das der Arzt ihnen in die Hand drücken kann.

Ein weiterer Knackpunkt ist der Einsatz von Antibiotika als Wachstumsförderer in der Tiermast. "Das ist ein sehr dunkles Kapitel, dem man sich aus politischer Sicht viel mehr zuwenden müsste", sagt Glaeske. Er fordert Sanktionen. Nur dann werde sich etwas ändern.

Ebenfalls eine essenzielle Rolle spielt eine gute Hygiene in Krankenhäusern - etwa das häufige Desinfizieren der Hände. Entscheidend sei hier, wie ernst die Klinik-Leitung das Thema nehme, sagt Christian Bogdan, Leiter des Mikrobiologischen Instituts der Uniklinik Erlangen. Die Niederlande gelten als Vorreiter bei dem Thema. Dort beschäftigt jedes Krankenhaus hauptamtliche Hygieniker. In Deutschland ist das nicht so.

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jme/dpa

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insgesamt 44 Beiträge
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1. Frage an die Experten:
analyse 08.10.2015
Warum werden die MRSA-Erreger seltener ?
2.
Sibylle1969 08.10.2015
Das größte Problem ist der ungezügelte Einsatz von Antibiotika in der Tiermast, hier werden m.W. über 70% der Antibiotika eingesetzt.
3.
ancoats 08.10.2015
Zitat von analyseWarum werden die MRSA-Erreger seltener ?
Das wäre in der Tat die einzig relevante Information in diesem Artikel, der ansonsten nur auflistet, was eh bekannt ist. Ich schließe mich also an: warum? Irgendwelche Hypothesen?
4. Dies ist nicht so....
Byrne 08.10.2015
Zitat von Sibylle1969Das größte Problem ist der ungezügelte Einsatz von Antibiotika in der Tiermast, hier werden m.W. über 70% der Antibiotika eingesetzt.
Der Einsatz in der Tiermast ist ein Teil des Problems, aber der kleinere. Resistenzen entstehen vor allem durch das zu frühe Absetzen der Antibiotika. Das praktizieren vor allem Menschen, weil nach Antibiotikaeinnahme die Symptome in aller Regel nach zwei Tagen verschwunden sind und dann oft unangenehme Nebenwirkungen wie Darmprobleme auftauchen. Tiere können dagegen die Antibiotika nicht absetzten, da sie ihnen mit dem Tränkewasser oder dem Futter verabreicht werden.
5. Multiresistente Keime in anderen Ländern?
talvisota 08.10.2015
Indien oder die Türkei sind nicht gerade für großartige Massentierhaltung bekannt, für eine hohe Infektionsgefahr mit multiresistenten Keimen hingegen schon. In den Niederlanden dagegen wird bezogen auf die Bevölkerung das Dreifache an Vieh gehalten und diesen Viechern das Doppelte der in D verabreichten Antibiotika gegeben. Multiresistente Keime sind trotzdem wesentlich seltener. Bessere Hygiene ist dort das "Zaubermittel". Wir sparen uns am Gesundheitssystem sprichwörtlich zu Tode. Um davon abzulenken bringt man gerne mal ein Bauernopfer, im wahrsten Sinne des Wortes.
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