Schlechter Atem "Mundgeruch kommt fast nie aus dem Magen"

Soll man Menschen sagen, wenn sie Mundgeruch haben? Und was hilft gegen üble Gerüche aus der Mundhöhle? Zahnmediziner Andreas Filippi spricht über das Tabu Mundgeruch und dessen wahre Ursachen.

  Versuche gegen schlechten Atem: "Mundwasser hilft nicht"
Corbis

Versuche gegen schlechten Atem: "Mundwasser hilft nicht"


Zur Person
Andreas Filippi ist Professor an der zahnmedizinischen Fakultät der Universität Basel und dort verantwortlich für die Mundgeruch-Sprechstunde. Er ist außerdem im Vorstand des Arbeitskreises Halitosis.
SPIEGEL ONLINE: Herr Filipi, wie viele Menschen haben Mundgeruch?

Filippi: Etwa ein Viertel der Bevölkerung, wenn man die Menschen, die ständig Mundgeruch haben, zusammenrechnet mit denen, die nur gelegentlich betroffen sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man selbst testen, ob man Mundgeruch hat?

Filippi: Man liest zuweilen, dass man den eigenen Mundgeruch wahrnehmen könne, wenn man in die hohle Hand atmet, mit dem Esslöffel über die Zunge streicht und danach an diesem riecht oder wenn man an benutzter Zahnseide schnüffelt. Aber das ist alles Humbug, das funktioniert nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was sollte man stattdessen machen, wenn man befürchtet, Mundgeruch zu haben?

Filippi: Am besten funktioniert das, was am schwierigsten umzusetzen ist - jemanden zu fragen, dem man vertraut. Alles andere ist unsicher und führt eventuell zu falschen Ergebnissen. Wenn man es professioneller haben will, sollte man eine Mundgeruch-Sprechstunde aufsuchen.

SPIEGEL ONLINE: Wie stellen Sie Mundgeruch fest?

Filippi: Wir machen das standardisiert: Wie stark ist der Mundgeruch in einem Abstand von einem Meter oder 30 Zentimetern? Wir stellen verschiedene Schweregrade und verschiedene Arten von Mundgeruch fest. Daraus kann man Schlüsse hinsichtlich der Ursache stellen. Und es gibt auch professionelle Messgeräte.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie müssen schon riechen. Ist das nicht belastend?

Filippi: Das gehört zum Job - das geht dem Hautarzt nicht anders als dem Urologen. Die Crux ist, dass es sehr wenige Mundgeruch-Sprechstunden gibt. Die meisten Zahnärzte haben leider keine Ahnung von dieser Thematik. Man sollte sich aber unbedingt jemanden suchen, der sich mit Mundgeruch auskennt. Auf der Homepage des Arbeitskreises Halitosis gibt es eine Liste von qualifizierten Sprechstunden nach Postleitzahlen geordnet. Das sind noch immer sehr wenige.

SPIEGEL ONLINE: Warum kümmern sich die Zahnärzte nicht um Mundgeruch?

Filippi: Das kann man den Kollegen kaum vorwerfen. Mundgeruch ist kein Teil des Zahnmedizin-Studiums. Kurioserweise spielt es im Ausbildungskatalog deutscher Universitäten keine Rolle, obwohl es die Menschen beschäftigt. Es gibt nur einzelne Hochschullehrer, die das Thema in Eigeninitiative vermitteln.

SPIEGEL ONLINE: Mundgeruch ist sehr stark tabuisiert. Wie gehen Sie damit um?

Filippi: Zu uns in die Sprechstunde kommen Menschen aus ganz Europa. Wenn ich diese persönlich fragen würde, ob sie Beziehungen eingehen können mit ihrem Mundgeruch, ist es sehr wahrscheinlich, dass ich nicht nur authentische Antworten bekäme vor Scham. Deshalb füllen die Patienten vor der Behandlung zu Hause einen Fragebogen aus. Menschen mit Mundgeruch geht es zum Teil unfassbar schlecht. Ehen gehen in die Brüche, Arbeitsplätze gehen verloren - es zerbrechen Leben wegen des blöden Mundgeruchs. Das würden mir die Betroffenen kaum ins Gesicht sagen, aber aufschreiben, das geht.

SPIEGEL ONLINE: Sollte man jemanden darauf ansprechen, dass er Mundgeruch hat?

Filippi: Klar wäre das gut. Aber das bringt fast keiner. Auch Zahnärzte haben Hemmungen, ihren Patienten zu sagen, dass sie Mundgeruch haben. Wenn der Patient wüsste, dass er in der Zahnarztsprechstunde auf Mundgeruch angesprochen werden kann, wäre es niemandem mehr peinlich. Das fiele unter die ärztliche Schweigepflicht. Das Problem ist, dass es völlig unüblich ist, in der Zahnarztpraxis über Mundgeruch zu sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Ursachen kann Mundgeruch haben?

Filippi: Bei etwa 90 Prozent der Patienten entsteht der Mundgeruch in der Mundhöhle. Es gibt allein dort etwa 200 mögliche Ursachen, oft kommen mehrere zusammen. Häufige Ursachen sind die Zungenoberfläche, parodontale Taschen oder eine Reduktion der Speichelflussrate.

SPIEGEL ONLINE: Die restlichen zehn Prozent?

Filippi: Zwei bis drei Prozent kommen aus dem HNO-Bereich, da spielt die Nebenhöhlenentzündung eine Rolle. Wichtiger ist noch die Entzündung der Rachenmandeln, insgesamt aber auch nur verantwortlich für etwa ein Prozent der Mundgeruchsfälle. Dann gibt es noch die psychiatrischen Fälle - das heißt, Menschen, die das Gefühl haben, sie hätten starken Mundgeruch, der sich aber nicht nachweisen lässt.

SPIEGEL ONLINE: Man hört immer wieder, dass der richtig schlimme Mundgeruch aus dem Magen käme.

Filippi: Ich frage mich wirklich, warum dieses Ammenmärchen in der Bevölkerung und sogar unter den Medizinern kursiert. Denn die wissenschaftliche Literatur bestätigt das überhaupt nicht. Die Zahl der Magenspiegelungen, die wegen Mundgeruch gemacht werden, ist unfassbar hoch. Dabei kommt Mundgeruch fast nie aus dem Magen! Und auch nicht vom Bakterium Helicobacter pylori, das Magengeschwüre verursacht. Bei vielen Medizinern fehlt auch heute noch fundamentales Wissen über die Entstehung von Mundgeruch.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird Mundgeruch behandelt?

Filippi: Es gibt keine Standardbehandlung. Mundwasser hilft nicht, man muss sich auf Ursachenforschung begeben. Nur, wenn man die Ursachen kennt, kann man diese konsequent ausschalten.

Mundgeruch - Ursachen und Therapie
Herkunftsort
Die Ursachen schlechten Atems können sehr verschieden sein. Um sie sicher zu erkennen, sollten sich Betroffene die Hilfe von einem speziell ausgebildeten Arzt holen. Anhand eines einfachen Tests lässt sich jedoch grob eingrenzen, wo sich der Herd des schlechten Atems befindet: Tritt der Geruch nur auf, wenn jemand durch den Mund atmet, liegt das Problem sehr wahrscheinlich im Mund. Das ist bei den meisten Betroffenen der Fall. Riecht es auch beim Atmen durch die Nase, sind wahrscheinlich die oberen Atemwegen, die Nebenhöhlen oder die Rachenmandeln schuld.

Häufige Ursachen von Mundgeruch:
Zungenbelag
In 85 bis 90 Prozent der Fälle sind Bakterien für Mundgeruch verantwortlich, die im Mund organisches Material wie Speichel und Essensreste zersetzen. Die Zunge bietet ihnen mit ihrer rauen Oberfläche einen optimalen Lebensraum, vor allem im Zungenbelag. Ist er Ursache der Beschwerden, kann es schon helfen, den Zungenrücken täglich zu reinigen. Die weit verbreiteten Schaber sind dafür nicht gründlich genug. Besser ist, die Zunge mit einer speziellen Zungenbürste (ohne Druck) und Zungenpasten zu behandeln.
Parodontitis
Die von Bakterien verursachte Entzündung des Zahnbetts zählt zu den Volkskrankheiten. Ohne eine Behandlung führt sie nicht nur zu Mundgeruch, sondern kann auch die Zähne gefährden und das Risiko für Herzerkrankungen und Diabetes steigern. Die Therapie kann je nach Schwere der Erkrankung von einer professionellen Zahnreinigung bis hin zu einem chirurgischen Eingriff reichen.
Geringer Speichelfluss
Ein geringer Speichelfluss führt zu einem trockenen Mund – und der begünstigt Mundgeruch. Um den Mund feucht zu halten, kann es helfen, regelmäßig Wasser und Tee zu trinken oder zuckerfreie Bonbons zu lutschen. Auch zuckerfreie Kaugummis gelten als gute Lösung, da das Kauen den Speichelfluss anregt. Eine drastischere Lösung bieten spezielle Medikamente, die jedoch das Risiko für erhebliche Nebenwirkungen bergen.
Ernährung
Nicht nur Zwiebeln und Knoblauch, auch andere Komponenten der Ernährung können zu Mundgeruch führen. Alkohol, Kaffee, Salbei- und Kamillentee etwa erhöhen das Risiko, da sie die Schleimhäute austrocknen. Ebenfalls schädlich ist, extrem wenig (unter einem halben Liter pro Tag) zu trinken und zwischen den Mahlzeiten zu große Abstände zu lassen.
Diäten
Fasten, Radikaldiäten und eine Low-carb-Ernährung führen dazu, dass der Körper beim Fettabbau sogenannte Ketonkörper herstellt. Diese riechen in der Ausatemluft typischerweise süßlich-fruchtig.
Rauchen
Rauchen schadet dem Körper auf vielen verschiedenen Wegen. Indem sich Rauchbestandteile im Gewebe der oberen Atemwege absetzen, kann die Zigarette auch noch Stunden später den Atem verschlechtern.
Medikamente
Viele auch weit verbreitete Medikamente können den Speichelfluss reduzieren. Dazu zählen unter anderem Eisenersatzpräparate, Appetitzügler, Antidepressiva und Schlafmittel, aber auch Blutdrucksenker. Wer den Verdacht hat, sollte seinen Arzt darauf ansprechen, aber auf keinen Fall eigenständig Medikamente absetzen.
Stress
Auch Stress steigert das Risiko für Mundgeruch. Wer über eine längere Zeit dauerhaft unter Druck steht, schadet damit seinem Immunsystem. Infolge dessen kann es auch dazu kommen, dass sich der Speichelfluss ändert.



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insgesamt 41 Beiträge
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boekels 08.04.2015
1. Mundgeruch durch Milchprodukte
Ich habe schon mehrfach erlebt, dass Mundgeruch verschwand nach Verzicht auf Milchprodukte. Das Problem überwiegend in der Mundhöhle zu suchen kann ich so nicht bestätigen.
Julien 08.04.2015
2. Ein Zungenkratzer hilft ganz einfach
Man kann es sich auch ganz einfach machen, und mit dem Zungenbelag anfangen. Mit einem Zungenkratzer kann man ihn ganz einfach morgens und abends entfernen. In den meisten Fällen war es das schon. Und häufig kommt es tatsächlich, wie der Vorredner geschrieben hat, von Milchprodukten. Mit einem Zungenkratzer für 10,- ist das Problem erledigt. Eigene Erfahrung :)
kindchen 08.04.2015
3.
Einen anderen Menschen um Rat zu fragen, ist leider auch nicht immer hilfreich. Menschen, die einander genetisch sehr ähnlich sind, empfinden ihren Körpergeruch wechselweise als abstoßend. Das ist ein Schutzmechanismus der Natur, der verhindern soll, daß genetisch zu ähnliche Menschen sich miteinander paaren. Stattdessen wird dadurch begünstigt, daß eine Mischung möglichst unterschiedlicher Gene erfolgt und die genetische Vielfalt erhöht wird. Dieser Körpergeruch wird vom anderen Menschen oft als Schweiß- oder eben Mundgeruch wahrgenommen bzw. damit verwechselt. Wenn ein Mensch einem anderen sagt, er habe Mundgeruch, kann es also durchaus sein, daß der andere überhaupt keinen auffälligen Mundgeruch hat, sondern nur eben der ganz normale Körpergeruch des anderen von diesem Menschen aufgrund genetischer Ähnlichkeit als abstoßend empfunden wird.
schgucke 08.04.2015
4. Magengeruch
Endlich steht es mal von einem Fachmann gesagt im Raum. Wie oft die Leute meinen, Mundgeruch käme aus dem Magen! Müsste man dann nicht nach Erbrochenem aus dem Mund riechen? Wenn der Magen permanent offen stünde um nach oben rausdampfen zu können, müsste man außerdem fürs Atmen schlucken. Komische Idee also. Alle mal flauschige Zahnseide am Ansatz der Backenzähne durchziehen und dran schnuppern. Von da kommt er.
urukwayne 08.04.2015
5. Völlig verüberwissenschaftlicht
für die allermeisten fälle meiner meinung nach. Zähne putzen, zunge reinigen mit der zahnbürste (nicht übertreiben), ZAHNSEIDE, mit meridol oder listerine oä 20 sek. spülen. Das morgens und abends und das problem hat sich in den allermeisten fällen erledigt. Leider haben viele einfach keine lust auf zahnseide. Da liegt aber das problem. Wochen alte rückstände in den zwischenräumen, schön am gären. Aber ne, der magen...als hätte der keinen schliessmuskel.
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