Mythos oder Medizin: Hilft ein rohes Steak gegen eine Beule?
Als ich mich mal gestoßen hatte, riet mir mein Opa, ein kaltes Steak auf die Stelle zu legen. Seither bezweifele ich, dass der Tipp etwas nutzt. Hat ein Steak auf einer Beule aus medizinischer Sicht irgendeinen Sinn?, fragt Marietta Ebert aus Eppstein.
Es gibt Leute, die haben ein besonderes Talent: Egal wo und wie sie sich bewegen, immer ist eine Regalkante, Schranktür oder auch mal eine Straßenlaterne im Weg. Tollpatsche wissen, wovon die Rede ist. Aber auch Streithähne und Opfer ernster Gewalt kennen das Problem, es gibt viele Gründe für eine Stoßverletzung am Kopf. Und oft stellt sich nach dem ersten Schreck die Frage: Was tun, um das Ei am Schädel möglichst unauffällig zu halten?
Medizinisch gesehen ist eine Beule nichts anderes als ein Bluterguss. Durch den Schlag platzen winzige Gefäße in der Haut, Blut läuft aus und gerinnt. Anschließend wird es von Enzymen in mehreren Stufen zerlegt. "Rot, grün, gelb", sagt Ulrich Hötker vom Agaplesion Markus Krankenhaus in Frankfurt Main. "Das ist der typische Farbverlauf eines Hämatoms." Am Schädel allerdings ist das Farbspiel meist kaum zu erkennen, weil der Bluterguss zu tief liegt. Zwischen Kopfhaut und Schädelknochen ist wenig Platz für das Blut, sich im Muskelgewebe auszudehnen. Stattdessen sammelt es sich und verursacht eine Beule.
"Kühlen ist bei einem Veilchen oder einer Beule grundsätzlich der richtige Ansatz", sagt Hötker. "Dazu ein Steak zu verwenden aus heutiger Sicht aber unsinnig." Wahrscheinlich wurde die Idee aus der Not geboren, als man frisches Fleisch noch eher im Haus hatte. Heute würden viele wohl zu einer Packung Pommes greifen. "Fleisch hat keine zusätzlich positive Wirkung auf den Bluterguss", sagt Hötker. Im Gegenteil: Bei Verletzungen in Augennähe kann rohes Fleisch gefährlich werden. Auf ihm sitzen Bakterien, die ins Auge gelangen können und es im schlimmsten Fall dauerhaft beschädigen.
Kühlen, kühlen, kühlen - und warten
Die hygienischere Alternative ist ein Kühlpad. Das speichert die Kälte lange und passt sich der Form der verletzten Stelle an. "Wichtig ist dabei, dass man ein Handtuch zwischen Kühlpad und Haut legt", erklärt Hötker. "Sonst kann es zu Erfrierungen kommen." In erster Linie dient das Kühlen dazu, die Entzündung unter der Haut und damit auch die Schmerzen möglichst gering zu halten: Durch die Kälte ziehen sich die Blutgefäße zusammen und weniger Blut fließt ins Gewebe. Je schneller man also nach dem Stoß kühlt, desto größer der Effekt. Ganz verhindern lässt sich die Schwellung in der Regel aber nicht.
Hat sich das Blut bereits im Gewebe ausgebreitet, braucht man Geduld und gegebenenfalls gutes Make-up. Es dauert etwa zwei bis drei Wochen, bis ein Bluterguss abgeheilt ist. Beschleunigen lässt sich das kaum. Dennoch: "Auch wenn die Beule oder das Veilchen schon da sind, lohnt es sich noch zu kühlen", sagt Hötker. "Das kann den Schmerz etwas betäuben." Zusätzlich können schmerz- und entzündungshemmende Salben Linderung schaffen. Manche Ärzte und Apotheker empfehlen auch Cremes, die die Blutgerinnung stören. "Allerdings werden die von der Haut nur schlecht aufgenommen und wirken gerade bei tief sitzenden Hämatomen, wie sie im Schädelbereich vorkommen, oft nicht", so der Mediziner.
Hirn in Gefahr
Nicht zu empfehlen sind auch manch andere Hausmittel. "Niemals sollte man versuchen eine Beule in irgendeiner Form zurück zu schieben", erklärt Hötker. Als Haushaltstipp hat sich dazu die flache Seite eines Messers herumgesprochen. "Vor allem bei Verletzungen im Schädelbereich ist der Druck gefährlich, weil tiefer liegende Strukturen Schaden nehmen können." Bei einem klassischen Veilchen am Auge sind Augenmuskeln, der Augapfel oder Nerven gefährdet.
"Der Kopf ist ein riskanter Ort für Verletzungen", sagt Hötker. Bei schweren Einschlägen und Blessuren am Auge sei es immer ratsam zum Arzt zu gehen. "Unter dem Schädel sitzt das Gehirn und von außen lässt sich nicht erkennen, ob auch dort Gefäße verletzt wurden." Im Gegensatz zu den meisten Blutergüssen hinterlassen Hirnblutungen schnell dauerhafte Schäden. Bei aller Eitelkeit und Schmerzen lohnt sich also die Hoffnung, mit einem blauen Auge davon zu kommen - im wahrsten Sinne des Wortes.
Fazit: Eine Beule mit einem Steak zu kühlen, ist aus heutiger Sicht ziemlicher Unsinn. Hygienischer sind Kühlpads. Sie betäuben den Schmerz, können den Bluterguss aber nur begrenzt eindämmen. Letztendlich hilft nur Abwarten und bestmögliches Überschminken.
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- Julia Merlot studierte Wissenschaftsjournalismus in Darmstadt und arbeitet als freie Journalistin in Hamburg. Außer für SPIEGEL ONLINE schreibt sie unter anderem für "Zeit Wissen" und "Geo Wissen".

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