Mythos oder Medizin Schadet es, Urin einzuhalten?

Noch ein Kaffee und dann schnell in den Bus, der eine halbe Stunde bis in die nächste Stadt fährt. Gute Idee? Nicht, wenn sich auf der Strecke das dringende Bedürfnis nach einer Toilette meldet. Schadet das Einhalten?

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Das rettende Schild: Vor allem Frauen müssen häufig einhalten, weil keine Toilette in Sicht ist
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Das rettende Schild: Vor allem Frauen müssen häufig einhalten, weil keine Toilette in Sicht ist


Ein Hops aufs rechte Bein, ein Hops aufs linke Bein, der Tanz beginnt. Wer dringend auf Toilette muss, kann sein Anliegen schlecht verbergen. Der Körper verkrampft, die Oberschenkel pressen sich aneinander, die Gedanken konzentrieren sich nur noch auf eins: möglichst schnell ein stilles Örtchen finden.

Als wäre das nicht unangenehm genug, wittern viele in der Notsituation Gefahr. Von ausgeleierten Blasen ist die Rede. Von einem verkrampften Körper, der - endlich auf der Toilette angekommen - nicht alles ausscheiden kann. Im Urinrest, so die Befürchtungen, sammeln sich anschließend Bakterien, eine Blasenentzündung droht. Der Experte sieht das deutlich entspannter.

"Das kann zwar alles passieren, aber nicht, weil man den Urin zu lange einhält", sagt Wolfgang Bühmann, Facharzt und Pressesprecher des Berufsverbandes der Urologen. "Die Blase ist nur begrenzt vom Willen beeinflussbar, irgendwann kommt es zu einem unstillbaren Harndrang." Anders gesagt: Bevor das Einhalten der Gesundheit schadet, passiert ein Malheur.

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Dass der Mensch überhaupt Kontrolle über seine Blase erhält, gelingt nur mit hartem Training. Nach der Geburt zählt das Wasserlassen zu den Reflexen, Säuglinge entleeren ihre Blase unbewusst. Mühsam erlernen Kleinkinder schließlich, den Reflex zu unterdrücken und den Muskel zu kontrollieren, der die Blase verschließt.

Die Basis dafür bildet eine Kettenreaktion: Dehnungssensoren in der Blasenwand melden dem Rückenmark das Bedürfnis nach einer Toilette, von dort gelangt die Botschaft mit immer mehr Nachdruck zum Gehirn. Ganz Herr über die Blase wird der Mensch trotzdem nie, ab einer gewissen Füllung übernimmt der Reflex wieder die Kontrolle - Wille hin oder her.

"Wer Urin überhaupt lange einhalten kann, zählt zu den Ausnahmen", sagt Bühmann. "Viel häufiger ist, dass Menschen eine überaktive Blase besitzen." Dann reagieren die Rezeptoren in der Blasenwand zu empfindlich, ähnlich wie bei einem Thermostat an einer Heizung, das schon im Sommer anspringt. Auch grundsätzlich zwingt der Körper Frauen viel häufiger auf die Toilette als Männer. Schuld daran ist die Anatomie.

Warum Frauen häufiger müssen

Da in ihrem Bauchraum die Gebärmutter ebenfalls Platz beansprucht, kann die Blase von Frauen nur 200 bis 400 Milliliter beherbergen. Männer hingegen kommen im Durchschnitt auf 350 bis 550 Milliliter Urin - die Ursache für so manche Familienstreitigkeiten bei langen Autofahrten ("Was?! Du musst schon wieder?!"). Die Situation verschärft sich, wenn während der Schwangerschaft die Gebärmutter zusätzlich auf die Blase drückt.

Der Weg der Flüssigkeit durch den Körper
Was wir trinken, nimmt erst einmal denselben Weg wie das Essen. Es wandert über die Speiseröhre in den Magen und von dort weiter in den Darm.
  • An dieser Stelle teilt sich der Weg der Flüssigkeiten. Während ein Teil weiter in Richtung Darmausgang wandert, zieht sich der Körper so viel er braucht über die Darmwand in den Blutkreislauf. Die Flüssigkeit wird also Teil des Blutes.
Endstation der Flüssigkeit sind schließlich die Nieren. Die beiden Organe filtern ständig Schadstoffe aus dem Blut und leiten diese gemeinsam mit überschüssiger Flüssigkeit über die Harnleiter in die Blase. Der Harn ist geschaffen und die Toilettenschüssel nicht mehr fern.
Der regelmäßige Drang auf die Toilette kann nerven, er hat aber auch eine positive Seite. Frauen, die oft unter Blasenentzündungen leiden, schützt er wahrscheinlich vor den lästigen Infektionen. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Harnwegsinfekte entstehen, wenn Bakterien - in der Regel das Darmbakterium E. coli - von außen in die Harnröhre gelangen, sich dort vermehren und die Blase erreichen.

Der Gang auf die Toilette kann dem entgegenwirken, weil der Urin auf seinem Weg ins Klo einen Teil der Krankheitserreger aus dem Körper spült. Da die Bakterien häufig beim Sex in die Harnröhre kommen, empfehlen Experten empfindlichen Frauen deshalb, kurz nach dem Geschlechtsverkehr auf die Toilette zu gehen. Wie gut die Methode wirkt, ist bislang allerdings nicht erforscht.

Glaubt man niederländischen Wissenschaftlern, birgt sogar der Zustand, dringend auf Toilette zu müssen, Chancen. In einer kleinen Studie mit 102 Studenten trank die eine Hälfte fünf Gläser Wasser, die andere nippte nur. Eine Dreiviertelstunde mit Toilettenverbot später mussten die Studenten spontan entscheiden, ob sie sofort eine kleine Summe Geld oder später eine größere erhalten wollen. Die Teilnehmer mit der gefüllten Blase verhielten sich besonnener, sie wollten eher warten.

Vielleicht sollte man immer eine Flasche Wasser trinken und abwarten, bevor man über sein Aktienportfolio oder ähnlich Riskantes nachdenkt, spekulieren die Forscher in einer Mitteilung zu ihrer Studie. Wie gut die Methode tatsächlich funktioniert, muss wohl jeder selbst ergründen. Eins muss er dabei nicht fürchten: dass er seinem Körper schadet!

Fazit: Langes Einhalten ist kein Problem - bevor es dem Körper schadet, passiert ein Malheur. Manche treffen vielleicht sogar die besseren Entscheidungen, wenn sie ungeduldig von einem Bein aufs andere hüpfen.




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