Mythos oder Medizin: Senken Wadenwickel Fieber?

Von Julia Merlot

Bei Fieber wickle ich mir gern kalte Tücher um die Beine. Das tut gut. Aber lässt sich die Körpertemperatur so tatsächlich steuern? Fragt Ebba Schröder aus Hamburg.

Wadenwickel bei einem Kind: Die Tücher sollten nicht zu kalt sein Zur Großansicht
Getty Images

Wadenwickel bei einem Kind: Die Tücher sollten nicht zu kalt sein

Meistens beginnt Fieber mit Schüttelfrost. Wir frieren, schwitzen und fühlen uns schlapp. Das alles ist Teil der Körperabwehr gegen gefährliche Eindringlinge wie Viren, Bakterien oder Pilze und dient einem Zweck: wieder gesund zu werden. Unangenehm ist der Temperaturanstieg trotzdem, Wadenwickel sind ein altes Hausmittel dagegen.

SCHICKEN SIE UNS IHRE FRAGE: MYTHOS ODER MEDIZIN?

Ihre Schwiegermutter schluckt nach dem Essen überteuerte Omega-3-Kapseln, Sie sind skeptisch? Sie mögen triefende Wadenwickel, wissen aber nicht, ob die auch Ihr Fieber senken? Mailen Sie uns Ihre Fragen an medizinmythen@spiegel.de SPIEGEL ONLINE recherchiert, was wirklich hinter Hausmitteln, Tipps und Tricks steckt.

"Zur Behandlung von leichtem Fieber eignen sich kalte Wickel tatsächlich gut", sagt Jörn Klasen, Leiter des Zentrums für individuelle Ganzheitsmedizin am Asklepios Westklinikum Hamburg. Auf der warmen Haut geben die Tücher Verdunstungskälte ab, die den Körper beim Abkühlen unterstützt - ähnlich wie beim Schwitzen. "Für 20 bis 30 Minuten angewendet, bewirken die Wickel schon einen Temperaturrückgang von etwa einem Grad", so Klasen.

Alles was wirkt, birgt in der Regel aber auch Risiken: Grundvoraussetzung für die Behandlung ist, dass dem Fieberkranken nicht kalt ist. "Der Fehler, den die meisten machen, ist, die Wickel mit eiswürfelkaltem Wasser zu tränken", sagt Klasen. "Dann kühlt der Körper viel zu abrupt ab." Die Fieberkranken frieren, ihnen wird schwindelig und im schlimmsten Fall bricht der Kreislauf zusammen. Es reiche aus, wenn die Wickel lauwarm sind.

Ab 39 Grad sollte man zum Arzt gehen

"Fieber an sich muss eigentlich gar nicht behandelt werden", sagt Klasen. Ende der neunziger Jahre werteten Wissenschaftler der University of Medicine and Dentistry of New Jersey in einer Studie Fälle von über 700 Patienten mit Blutvergiftung aus und kamen zu dem Ergebnis, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit bei erhöhter Körpertemperatur steigt.

Aus diesem Blickwinkel übertreffen Wadenwickel - richtig angewendet - fiebersenkende Medikamente sogar: "Wadenwickel sind gut geeignet, weil sich mit ihnen im Gegensatz zu fiebersenkenden Medikamenten die Körpertemperatur schonend regulieren lässt und der Organismus die Oberhand behält", sagt Klasen. Steigt das Fieber auf über 39 Grad, sollte man zur Sicherheit zum Arzt gehen.

Der menschliche Organismus steuert seine Körpertemperatur gezielt, auch bei Fieber. Dafür zuständig ist das thermoregulatorische Zentrum im Gehirn, in dem die Informationen zur aktuellen Temperatur an verschiedenen Körperstellen zusammenlaufen. Liegt der Wert in einigen Regionen außerhalb von 36 bis 37 Grad, werden diese auf die Solltemperatur erhitzt oder abgekühlt. Bei Fieber erhöht der Körper den Sollwert, allerdings in der Regel nicht höher als auf 41 Grad.

Schüttelfrost wärmt den Körper auf

Um den Organismus auf Temperatur zu bringen, schließen sich die Hautgefäße, so dass möglichst wenig Wärme verloren geht. Die Haut kühlt ab. Schüttelfrost sorgt über zuckende Muskeln dafür, dass im Körper Wärme entsteht. Sinkt das Fieber wieder, geschieht genau das Gegenteil: Die Gefäße weiten sich, die Haut erwärmt sich und gibt Wärme ab.

Die Temperaturzentrale im Gehirn lenkt auf diese Weise auch das Verhalten bei Fieber in die richtige Richtung: Während sich der Körper aufheizt, frieren wir und greifen zu dicken Decken und Wollsocken. Das unterstützt den Organismus beim Erwärmen.

Sinkt das Fieber, ist uns warm, wir schwitzen und tauschen die Bettdecke automatisch gegen ein dünnes Laken. "Genau dieser Abkühlvorgang lässt sich mit kühlenden Wickeln unterstützen", so Klasen.

Neben Säugetieren wie Menschen, Hunden, Katzen oder Pferden bekommen auch Reptilien, Amphibien und einige Wirbellose oder Insekten Fieber, um Infektionen zu bekämpfen. Wechselwarme Tiere, die ihre Körpertemperatur nicht direkt steuern können, verändern diese allein über ihr Verhalten und legen sich zum Aufheizen in die Sonne.

Fazit: Wadenwickel sorgen für eine angenehme Abkühlung und können den Körper dabei unterstützen, seine Temperatur zu senken. Übertreiben sollte man es aber nicht, sonst macht der Kreislauf schlapp.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 21 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Rickie 19.08.2013
Das ist genau das Problem. Mit 39° Fieber gehe ich nirgendwo hin, außer ins Bett. Ich bin gar nicht dazu fähig. Aber es kommt auch kein Arzt. Ich wünsche mir in mancher Hinsicht die und 70er Jahre zurück.
2.
ColynCF 19.08.2013
Zitat von RickieDas ist genau das Problem. Mit 39° Fieber gehe ich nirgendwo hin, außer ins Bett. Ich bin gar nicht dazu fähig. Aber es kommt auch kein Arzt. Ich wünsche mir in mancher Hinsicht die und 70er Jahre zurück.
Ja, als ich vor einigen Jahren mal 41,1° hatte (Ohrmessung) und schon Angst bekam (ab 42 wirds lebensbedrohlich) habe ich den Notarzt angerufen. Aber der kam auch nicht und hat mir nur Paracetamol empfohlen.
3. Mythos oder Medizin, Helfen oder Angst machen???
lolafreud 19.08.2013
Die einen sagen so, die andere wissentschaftliche Untersuchung sagt so, aber anders, übrig bleibt Verunsicherung und Angst.Die inner Weisheit wird uns von sogenannten Fachleuten genommen und es geht nur darum, das die "Richtigen" dabei Geld verdienen. Alle fressen Angst und Unsicherheit, doch die Kinder der Angstmacher und alle anderen auch, sind diesem menschenwürdigem System Opfer, danke, du ach so schöne christliche Nächstenliebe, danke dem Hippokrateseid...danke der Geldgier...
4. Aha...
mr.ious 19.08.2013
Zitat von sysopBei Fieber wickle ich mir gern kalte Tücher um die Beine. Das tut gut. Aber lässt sich die Körpertemperatur so tatsächlich steuern? Fragt Ebba Schröder aus Hamburg. Mythos oder Medizin: Wadenwickel helfen gegen Fieber - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/mythos-oder-medizin-wadenwickel-helfen-gegen-fieber-a-907170.html)
...hatte Descart also noch nicht mal alles zur "Maschine Mensch" gewußt, denn Steuer- Mess- und Regeltechnik gab es damals noch gar nicht, hatte er laut dem Artikel doch uneingeschränkt richtig gelegen. Im wahresten Sinne des Wortes: Ein unglaublicher Artikel Kybernetiker bleib bei deinen Leisten, möchte man da fast sagen.
5.
andy12123 19.08.2013
Zitat von lolafreudDie einen sagen so, die andere wissentschaftliche Untersuchung sagt so, aber anders, übrig bleibt Verunsicherung und Angst.Die inner Weisheit wird uns von sogenannten Fachleuten genommen und es geht nur darum, das die "Richtigen" dabei Geld verdienen. Alle fressen Angst und Unsicherheit, doch die Kinder der Angstmacher und alle anderen auch, sind diesem menschenwürdigem System Opfer, danke, du ach so schöne christliche Nächstenliebe, danke dem Hippokrateseid...danke der Geldgier...
Haben sie den Artikel überhaupt gelesen? Da steht drin, das Wadenwickel was positives sein können, die gibt es für nahezu umsonst. OK und das man ab einer bestimmten Temperatur zum Arzt gehen soll. Geht es Ihnen eigentlich nur darum in Gesundheitsthemen irgendwelche Kapitalismusweisheiten zu verbreiten?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Gesundheit
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Diagnose & Therapie
RSS
alles zum Thema Mythos oder Medizin?
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 21 Kommentare
  • Zur Startseite
Zur Autorin
  • Julia Merlot studierte Wissenschaftsjournalismus und begeistert sich für Themen rund um Mensch und Tier. Sie ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft von SPIEGEL ONLINE.

Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel: