Mythos oder Medizin Wirkt Glutamat gegen Lernstörungen?

Das zurzeit verpönte Glutamat wurde in den fünfziger Jahren als Mittel gegen Lernstörungen und zur Behandlung des sogenannten Zappelphilipp-Syndroms beworben. "Was ist davon zu halten?", fragt Bernhard Schröck aus Hochheim.

Bloß nicht still sitzen: Manche Kinder sind einfach wilder als andere
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Bloß nicht still sitzen: Manche Kinder sind einfach wilder als andere

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Der Ruf könnte kaum schlechter sein. Dem vor allem als Lebensmittelzusatzstoff bekannten Glutamat wird immer wieder vorgeworfen, an unheilbaren Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson oder Multipler Sklerose beteiligt zu sein. Nachgewiesen ist bislang nicht, dass Glutamat aus der Nahrung dabei wirklich eine Rolle spielt. Doch die Gerüchte über negative Folgen reißen nicht ab. Da klingt es absurd, dass der Stoff noch in den fünfziger Jahren als eine Art Medikament gegen Lernstörungen und Hyperaktivität beworben wurde. Verkehrte Welt!

So abwegig ist die Idee jedoch gar nicht. Glutamat würzt nicht nur zahlreiche Lebensmittel. Der Stoff wird auch vom Körper selbst produziert. Als einer der häufigsten Botenstoffe im Gehirn übermittelt Glutamat Sinneseindrücke, ist an der Bewegungssteuerung beteiligt und sorgt in der Hirnregion des Hippocampus dafür, dass Gedächtnisinhalte vom Kurzzeit- in das Langzeitgedächtnis übertragen werden. Kurz gesagt: Mit Hilfe des Glutamats speichern wir Erlerntes im Gedächtnis ab.

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Je mehr von dem Zeug, desto besser, lautete der Ansatz einiger Ärzte in den fünfziger Jahren. Um die Intelligenz zu steigern, erhielten Kinder das Pulver löffelweise. Doch so einfach, wie es sich Eltern und Mediziner damals vorstellten, ist es nicht. Gleich mehrere Dinge sprechen gegen Glutamat zur Therapie von Lernstörungen oder der viel diskutierten Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS).

Endstation Blut-Hirn-Schranke

Zum einen verhindert die Blut-Hirn-Schranke bei Gesunden nach derzeitigem Kenntnisstand, dass der Stoff überhaupt aus dem restlichen Körper ins Gehirn gelangt. Hinzu komme, schreibt die DFG-Senatskommission zur Beurteilung der gesundheitlichen Unbedenklichkeit von Lebensmitteln, dass der Stoff zwar aus dem Darm in den Körper aufgenommen, dabei aber chemisch verändert werde. Im Blut mache sich Glutamat aus der Nahrung daher kaum bemerkbar.

"Der Konsum von glutamathaltigen Stoffen hat keinen Einfluss auf Lernstörungen oder Hyperaktivität", schreibt auch Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universität München auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Trotzdem hoffen manche Forscher, den Botenstoff eines Tages für medizinische Zwecke nutzen zu können.

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Für Wirbel im Gehirn sorgt offenbar vor allem das Glutamat, das vor Ort produziert wird. Und das lässt sich laut einer im Dezember 2013 veröffentlichten Studie möglicherweise manipulieren. Demnach können sogenannte Flavonoide aus der Nahrung dafür sorgen, dass im Gehirn mehr Informationen mit Hilfe von Glutamat übertragen werden. Getestet wurde der Effekt jedoch nur an Ratten. Ob Flavonoide, die unter anderem in Obst und Gemüse vorkommen und die bereits für alle möglichen positiven Gesundheitswirkungen verantwortlich gemacht werden, beim Menschen wirklich die Lernleistung steigern, bleibt deshalb fraglich.

US-Forscher ziehen Glutamatbehandlung in Betracht

Noch am Anfang stehen Forscher auch bei der Frage, inwiefern das Glutamat im Gehirn das ADHS-Risiko beeinflusst: 2011 verglichen Wissenschaftler um Hakon Hakonarson vom Center Children's Hospital of Philadelphia das Genom von gut 1000 Kindern mit ADHS und 4000 gesunden Kindern. Im Schnitt fanden sie bei zehn von 100 ADHS-Betroffenen genetische Abweichungen, die die Aufnahme von Glutamat im Gehirn verändern.

Da ADHS durch das Zusammenspiel Tausender Gene gesteuert werde, sei eine Genfamilie, die bei zehn Prozent der ADHS-Kinder verändert ist, ein aussagekräftiges Ergebnis, schreiben die Forscher. Sie schlagen sogar vor, Glutamat-Ersatzstoffe als ADHS-Therapie bei den betroffenen Kindern zu testen - ähnlich wie es offenbar in den fünfziger Jahren vorgeschlagen wurde.

Spruchreif ist das allerdings nicht. "Ein wissenschaftlich fundierter Nachweis, dass ein veränderter Glutamatspiegel im Gehirn zu Lernstörungen oder Hyperaktivität führt oder die Störungen aufrechterhält, fehlt bis heute", so Schulte-Körne. Dementsprechend sei es beim heutigen Kenntnisstand nicht sinnvoll, zur Behandlung zusätzlich Glutamat ins Gehirn zu schmuggeln oder aber den Glutamatspiegel künstlich zu senken. Vergessen werden sollte zudem nie: Keine Wirkung ohne Nebenwirkung. Für Stoffe, die im Gehirn wirken, gilt das ganz besonders.

Fazit: Glutamat ist ein wichtiger Botenstoff im Gehirn und steuert unsere Lern- und Gedächtnisleistung. Über die Nahrung gezielt mit Glutamat behandeln lassen sich Lernstörungen jedoch nicht. Dann bleiben nur Geduld, Fleiß und im Zweifel der Gang zum Facharzt.

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insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
legastenie 12.01.2014
1. Kaffee
Eine Tasse Kaffee soll den unruhigen Kids helfen. Paradoxe Intervention, wie beim Ritalin, nur ohne Nebenwirkungen.
waelder 12.01.2014
2. Glutamat
Wenn es so schädlich ist, wie "urban legends" es behauptet, dann müssten in den Ländern, in denen es regulär in der Nahrung ist (Indien, China, Japan, Südost-Asien) die Folgen offenkundig sein. Das ist aber offensichtlich nicht der Fall. Aber vielleicht erklärt es das gute Abschneiden der Schüler beim PISA?
nos999 12.01.2014
3. glutamat ist schaedlich
Zitat von waelderWenn es so schädlich ist, wie "urban legends" es behauptet, dann müssten in den Ländern, in denen es regulär in der Nahrung ist (Indien, China, Japan, Südost-Asien) die Folgen offenkundig sein. Das ist aber offensichtlich nicht der Fall. Aber vielleicht erklärt es das gute Abschneiden der Schüler beim PISA?
die folgen von glutamatverzehr sind da, nur sind diese nicht offenkundig.
fxe1200 12.01.2014
4. Wissenschaftlich erwiesen ist,...
...dass es viele Menschen gibt, die allergisch auf Glutamate im Essen reagieren. Soweit ich mich erinnere waren das in einer Studie 4% der Befragten. Ich bekomme von dem Zeug Schlafstörungen. Glutamat ist heute ein Riesengeschäft, meiner Ansicht nach jedoch absolut überflüssig und hat in der Küche nichts zu suchen. Wer meint ohne Glutamat nicht schmackhaft kochen zu können, soll es halt lassen. Aber erzählen Sie das mal einem Chinesen.
Rickie 12.01.2014
5. Den einen schadet's, den anderen nicht
Ich persönlich bin da ziemlich stumpfsinnig. Mir schmeckt es nicht, aber es tut mir sonst nix. Eine Freundin von mir hat am nächsten Tag regelmäßig verquollene Augen, wenn wir beim Thailänder oder Chinesen waren.
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