Krankheiten googeln Das Internet als Gesundheitsratgeber

Kaum zwickt oder zuckt etwas, suchen viele im Internet nach den Ursachen. Gunnar Schwan hat bei der Stiftung Warentest eine Untersuchung der Gesundheitsportale im Netz geleitet. Im Interview erklärt der promovierte Gesundheitpsychologe, wie sinnvoll das Krankheits-Googeln ist.

Nach Krankheiten googeln: Das Internet und seine hohe Dichte an Informationen kann manchmal auch verwirren
Corbis

Nach Krankheiten googeln: Das Internet und seine hohe Dichte an Informationen kann manchmal auch verwirren


Herr Schwan, ist es gut oder gefährlich, sich im Internet über Krankheiten zu informieren?

Mir haben viele Ärzte erzählt, dass ihnen Patienten gegenübersitzen, die durch Recherche im Internet schon vor der Diagnose zu wissen glauben, was ihnen fehlt. Die meisten überschätzen sich damit - außer die chronisch Kranken. Die kennen sich manchmal besser aus als die Mediziner, weil sie zu Experten ihrer Krankheit geworden sind. Die meisten Patienten haben sich aber eher unnötig Sorgen gemacht, durch ihre fehlerhaften Selbstdiagnosen.

Heißt das, Sie raten davon ab, im Internet Gesundheitsinformationen zu lesen?

Nein, ich sehe es als großen Fortschritt, dass man sich heute so einfach unabhängig informieren kann - aber man darf das Lesen im Internet nicht als schnellen und billigen Ersatz für den Arztbesuch sehen. Der Mediziner ist ja mehr als ein Lexikon, er weiß ja auch, wie er eine Diagnose erstellt. Er fragt, er schaut sich den Körper des Patienten an, er macht Tests. Das kann eine Internetseite beim besten Willen nicht leisten.

Was können Gesundheitsportale leisten?

Ich sehe das Internet eher als Ergänzung, um einen Arztbesuch vorzubereiten. Sie zum Beispiel wussten durch die Recherche im Internet bereits, welchen Facharzt sie ansprechen mussten. Und genauso hilfreich sind Gesundheitsportale bei der Nachbereitung des Arztbesuchs. Viele Ärzte erschlagen ihre Patienten mit Fachwörtern. Oft verstehen Patienten erst nach einer Recherche im Internet, was für eine Krankheit sie haben.

Woran erkenne ich, ob die Informationen auf einem Gesundheitsportal seriös sind?

Grundsätzlich sollte man darauf achten, dass man sich bei einem Spezialisten informiert und nicht bei einer Seite, die auch Gesundheitsthemen nur am Rande behandelt. Außerdem würde ich darauf achten, von wem die Artikel geschrieben sind. Sind das Fachärzte? Was kann mir schon jemand über Ohrenschmerzen erklären, der sich in seiner Praxis mit Füßen beschäftigt?

Vieles, was man findet ist Jahre alt…

Das Datum eines Artikels, beziehungsweise, das seiner letzten Überprüfung auf Aktualität sollte nicht länger als zwei Jahre vergangen sein. Und ich würde mir auch den Betreiber anschauen. Wenn Werbung eingeblendet wird, kann man schon davon ausgehen, dass sich die Seite so finanziert. Aber wenn man keine Werbung findet und auch sonst nicht klar wird, wie sich das Ganze finanziert, dann wäre ich vorsichtig.

Werbung ist ein Qualitätsbeweis?

Ein Gesundheitsportal kostet viel Geld - Werbung macht transparent, wie die Seite finanziert wird. Wenn keine Werbung zu sehen ist und Sie als Benutzer auch nichts bezahlen müssen, dann muss irgendwie anders Geld fließen - und das könnte zum Beispiel so sein, dass ein Pharmagroßhändler die Seite bestreitet und Einfluss auf die Tipps nimmt.

Sie haben Gesundheitsportale getestet - gab es eine solche mangelnde Neutralität?

Unser letzter Test war 2009, damals haben wir dieses Problem nicht gefunden. Die Informationen waren neutral. Mängel gab es eher bei Vollständigkeit und Richtigkeit - es wurde nicht alles zur Symptomatik einer Krankheit oder zu ihrer Therapie erwähnt.

Wer hat bei Ihrem Test am besten abgeschnitten?

Wir hatten drei Testsieger, denen wir ein knappes "Gut" gegeben haben - "Gesundheitpro.de", die Seite heißt jetzt "apotheken-umschau.de", der zweite "netdoktor.de", die gehören Verlagen, der dritte, "vitanet.de", gehört einer Vermögens- und Beteiligungsgesellschaft, da weiß man nicht wirklich, wer dahinter steckt. Aber das Internet ist sehr schnelllebig.

Was ist von Foren zu halten?

Als Informationsquelle würde ich Foren nicht empfehlen, denn da schreiben Laien. Grundsätzlich ist es aber positiv, wenn Betroffene Gleichgesinnte finden, mit denen sie sich austauschen können. Viele Foren findet man, indem man die Krankheit googelt. Ich empfehle, gezielter vorzugehen und die Webseite der Deutschen Selbsthilfegruppen "nakos.de" zu nutzten - dort findet man Selbsthilfegruppen und Foren, die beispielsweise nicht von der Pharmaindustrie beeinflusst sind. Das kann man sonst kaum ausschließen.

Das Interview führte Frederik Jötten

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