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Frauen-Gesundheit: Nachtarbeit birgt erhöhtes Brustkrebsrisiko

Von Ingrid Glomp

Frauen am Fließband: Vor allem in der Industrie wird oft im Dreischichtsystem rund um die Uhr gearbeitet Zur Großansicht
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Frauen am Fließband: Vor allem in der Industrie wird oft im Dreischichtsystem rund um die Uhr gearbeitet

Frauen, die über viele Jahre nachts arbeiten, erkranken offenbar häufiger an Brustkrebs als andere. Zwei neue Studien geben erste Hinweise darauf, wer besonders gefährdet sein könnte. Mediziner fordern ein Umdenken beim Arbeitsschutz.

Die Erfindung des elektrischen Lichts machte die Nacht zum Tag. Seitdem ist es möglich, dass in großem Maßstab rund um die Uhr gearbeitet wird und viele Maschinen nie stillstehen. Immerhin 25 Prozent der berufstätigen Frauen arbeiten heute abends (zwischen 18 und 23 Uhr) und sechs Prozent, oder rund eine Million, nachts (zwischen 23 und 6 Uhr), so das Statistische Bundesamt.

Doch wer wach ist, während die innere Uhr auf Schlafen steht, riskiert Gesundheitsprobleme: Schichtarbeiter klagen nicht nur über Schlafstörungen, Magenbeschwerden, innere Unruhe und psychische Probleme. Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), eine Einrichtung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Schichtarbeit, die den menschlichen Tag-Nacht-Rhythmus stört, sogar als "wahrscheinlich krebserregend" eingestuft. Dabei stützte sie sich auf Ergebnisse von Tierversuchen und auf Studien mit Krankenschwestern, die ergaben, dass langjährige Nachtarbeit offenbar deren Brustkrebsrisiko erhöhte.

Forscher vermuten, dass die nächtliche Aktivität und das Kunstlicht zu dieser unnatürlichen Zeit die innere Uhr aus dem Takt bringen und dass dies, Schlafstörungen sowie möglicherweise eine verringerte Produktion des Schlafhormons Melatonin Faktoren sind, die die Entwicklung von Tumoren begünstigen.

Mit mehr als 70.000 Erkrankungen jährlich ist Brustkrebs die häufigste Krebsform bei Frauen in Deutschland. Noch ist Nachtarbeit nicht eindeutig als Verursacher belegt, denn erstens gibt es auch Untersuchungen, die keine Risikoerhöhung fanden. Zweitens weisen die vorhandenen Studien Schwächen auf. So lassen sich die Ergebnisse bei Krankenschwestern vielleicht auch anders als durch Schichtarbeit erklären.

Kommen auch andere Risikofaktoren in Frage?

Wie Johnni Hansen und Christina Lassen vom Institute of Cancer Epidemiology in Kopenhagen im "Britisch Medical Journal" schreiben, könnten auch andere verbreitete Risikofaktoren eine mögliche Ursache sein, wie etwa eine erhöhte Strahlenbelastung, Stress oder chemische Stoffe. Die Forscher verglichen in ihrer Studie, die vor wenigen Monaten erschienen war, 141 weibliche Beschäftigte des dänischen Militärs, die an Brustkrebs erkrankt waren, mit 551 anderen, bei denen dies nicht der Fall war.

Das Resultat: Bedienstete, die auch nachts arbeiteten, hatten ein um 40 Prozent erhöhtes Brustkrebsrisiko als die Frauen in der Kontrollgruppe. Allerdings galt dies nicht, wenn sich die Nachtschichten auf ein oder zwei pro Woche beschränkten. In allen anderen Fällen stieg das Risiko im Laufe der Zeit und war nach 15 Jahren Schichtarbeit oder mehr doppelt so hoch wie das von Frauen, die nachts nicht gearbeitet hatten.

Besonders gefährlich wurde es für Personen, die von Natur aus zu den Frühaufstehern gehörten. Hatten diese viel und über lange Jahre nachts gearbeitet, stieg ihre Erkrankungswahrscheinlichkeit auf das Vierfache. Bei vergleichbaren Nachtmenschen war sie dagegen nur doppelt so hoch.

Das Problem an Studien dieser Art, bei der man die Patientinnen zu ihrer früheren Arbeit befragt: Besonders schwere, nämlich tödliche Krankheitsverläufe werden nicht berücksichtigt. Zudem lassen sich die Daten von einer Studie häufig nicht mit den Daten anderer vergleichen.

Welche Form von Nachtarbeit ist gefährlicher?

So deklarierten die dänischen Forscher Arbeit, die nach 17 Uhr begann, vor 9 Uhr endete und mindestens ein Jahr andauerte als Nachtschichtarbeit. Eine aktuelle französische Studie unterscheidet dagegen zwei Arten von Schichtarbeit: die späte Abend-Arbeit, bei der die Schicht zwischen 23 und 3 Uhr endete, sowie der Nachtarbeit, die die Zeit von 23 Uhr bis 5 Uhr umfasste.

Dabei verglichen die Wissenschaftler den Berufsweg von etwa 1200 Frauen, bei denen zwischen 2005 und 2007 Brustkrebs entdeckt wurde, mit dem von rund 1300 gesunden Frauen. Sie berechneten, dass Nachtarbeit mit einem um 35 Prozent erhöhten Risiko verbunden war (abendliche Arbeit: 25 Prozent). Anders als bei den dänischen Militärangestellten erkrankten Frauen, die weniger als drei Nachtschichten pro Woche hatten, häufiger als solche mit drei oder mehr. Die Risikoerhöhung betrug bei nächtlicher Arbeit 61 beziehungsweise 13 Prozent. Die französischen Forscher vermuten, dass der häufigere Wechsel die innere Uhr noch mehr beeinträchtigen könnte.

Bei Frauen, die vor der Geburt ihres ersten Kindes mehr als vier Jahre nachts gearbeitet hatten, war das Brustkrebsrisiko sogar doppelt so hoch. Der Grund ist vermutlich, dass die Brustdrüsenzellen sich noch nicht voll entwickelt hatten und deshalb anfälliger für Störungen des Tag-Nacht-Rhythmus waren.

"Unsere Arbeit hat die Ergebnisse früherer Studien bestätigt", sagt Pascal Guénel, Hauptautor der Studie. Seiner Meinung nach sollte die Nachtarbeit bei der Erstellung von Maßnahmen für die Gesundheit der Bevölkerung in jedem Falle berücksichtigt werden. "Vor allem, da die Zahl der Frauen mit ungewöhnlichen Arbeitszeiten steigt", so Guénel.

Obwohl die Forschung bezüglich der gesundheitlichen Effekte von Nachtarbeit in den vergangenen Jahren viele Ergebnisse zutage förderte, sind diese mitunter widersprüchlich. Manche Fragen müssen zudem noch beantwortet werden, etwa, welche Formen von Nachtarbeit besonders ungünstig sind. Eines aber steht fest: Die Hinweise, dass Nachtarbeit ungesund ist und das Risiko für Brustkrebs sowie auch für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht, verdichten sich.

Schädliche Folgen von Nachtarbeit mindern
2010 zogen Forscher im Deutschen Ärzteblatt dieses Fazit: "Obwohl es keinesfalls belegt ist, dass Schichtarbeit zur Krebsentwicklung beiträgt, sollten vorsorglich bei Schichtplangestaltungen Einsichten aus der Arbeitsmedizin, Chronobiologie und Arbeitswissenschaft stärker berücksichtigt werden."
- Ein Vorwärtswechsel der Schichten (Früh-/Spät-/Nachtschichten) ist besser als ein Rückwärtswechsel.

- Ein späterer Frühschichtbeginn ist besser als ein zu früher (zum Beispiel lieber 6.30 Uhr statt 6.00 Uhr).

- Wünschenswert ist ein größerer Einfluss der Mitarbeiter auf die Arbeitszeit, etwa durch individuelle Dienstpläne.

- Wichtig sind adäquate Arbeitspausen und ein spezielles, leicht verdauliches Angebot für Nachtarbeiter in der Kantine.

- Die Schichtarbeiter selbst sollten ihr Schlafzimmer möglichst gegen Störungen durch Lärm und Licht abschirmen.

Die Autoren des Ärzteblattartikels raten außerdem dazu, Mitarbeiter zu fragen, ob sie zu den Früh- oder Spätaufstehern gehören. Letztere empfinden Nachtschichten nämlich als weniger belastend.

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1. Ob das die Antwort auf mein Warum ist?
unangepasst 13.09.2012
Zitat von sysopDPAFrauen, die über viele Jahre nachts arbeiten, erkranken offenbar häufiger an Brustkrebs als andere. Zwei neue Studien geben erste Hinweise darauf, wer besonders gefährdet sein könnte. Mediziner fordern ein Umdenken beim Arbeitsschutz. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,855580,00.html
Bei mir (58 Jahre) wurde 2006 Brustkrebs festgestellt. Bis dahin habe ich 22 Jahre im Nachtdienst - 21.30h bis 5.15h - bei der Deutschen Post, im Briefverteildienst gearbeitet. Im Wechsel immer Montag, Mittwoch, Freitag, Sonntag, Dienstag, Donnerstag, Samstag, Montag, Mittwoch....usw. Zu Ostern, während der Ferien und Weihnachten kamen wegen hohem Postaufkommen noch Zusatznächt dazu.
2. Der Grund ist denkbar einfach
Jens Busch 13.09.2012
Es ist wirklich verwunderlich, mit welcher Hartnäckigkeit die elementaren Zusammenhänge ignoriert werden. Es reicht doch, die Frage zu stellen: Was ist die beste Vorbeugung gegen Krebs? Antwort ist denkbar einfach und mit hunderten (hier in Deutschland meistens aber ignorierten, es lässt sich damit nicht wirklich Geld machen) Studien belegt: Die Sonne! UVB-Strahlung und dadurch der Vitamin D. Es gilt sogar für Hautkrebs. Logisch, dass die Menschen, die in der Nacht arbeiten, während des Tages schlafen und weniger Sonne abkriegen.
3. Eine
Zuversicht7 14.09.2012
Zitat von sysopDPAFrauen, die über viele Jahre nachts arbeiten, erkranken offenbar häufiger an Brustkrebs als andere. Zwei neue Studien geben erste Hinweise darauf, wer besonders gefährdet sein könnte. Mediziner fordern ein Umdenken beim Arbeitsschutz. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,855580,00.html
Eine Studie in den USA mit Tausenden Nachtschwestern, hat auch ein erhöhtes Krebsrisiko festgestellt. Man vermutete, daß der fehlende Rotlichtanteil bei den Leuchstofflampen als mögliche Ursache angenommen werden kann. Ich gratuliere unserer EU-Kommission zu den tollen "Energiesparleuchten"! Zitat: Doch seit einigen Jahren haben Krebsforscher einen Verdacht: Das nächtliche Kunstlicht könnte bei Menschen Krebs auslösen. Die Experten befürchten, dass der Hormonhaushalt gestört wird. Fakt ist, dass durch den hohen Blauanteil im Farbspektrum der Leuchtstoffröhre und Energiesparbirne die Produktion des Krebs hemmenden Hormons Melatonin gehemmt wird. In einer Studie mit 120.000 Krankenschwestern erhöhte sich das Risiko an Brustkrebs zu erkranken bei Nachtschwestern und Schichtarbeitern um 40-70 Prozent. Diese Erkenntnis bedeutet, dass wir Schichtarbeit in der Nacht unter planungstechnisch völlig neuen Gesichtspunkten sehen müssen. Wir sollten daher den Blauanteil senken, sowie den Rotanteil steigern
4. Verantwortungslos
cafbad 14.09.2012
Dieser Artikel ist ein geradezu ein Lehrbuchbeispiel für unverantwortlichen und effekthascherischen Journalismus. Die Autorin sollte sich als promovierte Biologin, die etwas vom Umgang mit Risiko- Wahrscheinlichkeitsaussagen verstehen sollte, schämen. Keine der angeführten Zahlen ist tatsächlich vernünftig einzuordnen, weil relevante Fakten (insbesondere entsprechende Basisraten) konsequent nicht mitgeteilt werden. Ein Beispiel: Wenn sich in einer (fiktiven) Studie zeigt, dass von 100.000 Menschen, die nachts arbeiten, 1 an Krankheit X stirbt, während von 100.000 Menschen, die nicht nachts arbeiten, 2 an Krankheit X sterben, dann bedeutet das in der Mitteilungsweise der Autorin, dass Nachtarbeit das Risiko, an Krankheit X zu sterben, um 100 Prozent erhöht (also verdoppelt). Ganz eigentlich aber beträgt der Effekt lediglich eine Steigerung des Riskos von 0,001 (1 von 100.000) Prozent auf 0,002 Prozent (2 von 100.000) - also um 0,001 Prozentpunkte. Nur dass natürlich wesentlich weniger dramatisch klingt. Daraus würde niemand dramatische Konsequenzen ziehen. Aber bei einer Steigerung um 100 Prozent ... Relative Steigerungen oder Senkungen von Risiken mitzuteilen ("... um x Prozent"), ist wertlos und irreführend, wenn nicht gleichzeitig auch die jeweilige Grundwahrscheinlichkeit (also das Risiko überhaupt an der jeweiligen Krankheit zu erkranken oder zu sterben) mitgeteilt wird.
5. Die Konsequenzen
cafbad 14.09.2012
Die Konsequenzen solch unverantwortlicher Mitteilung wissenschaftlicher Ergebnisse sind erheblich. Die angeführten Zahlen ("70.000 Neuerkrankungen pro Jahr"; "Steigerung des Risikos um 35 Prozent") treffen ja auf eine Öffentlichkeit, die zum einen durchaus in Sorge um die eigene Gesundheit lebt und gerade in Bezug auf Krebs sensibilisiert ist; zum anderen zeigen Studien immer wieder, dass die Wenigsten in der Lage sind, Risiko-Wahrscheinlichkeitsaussagen in Form von Prozentangaben korrekt zu verstehen (siehe dazu u.a. Gigerenzer (2002), Das Einmaleins der Skepsis). Was passiert also? Frauen aller Altersgruppen, die nachts arbeiten, werden verunsichert sein nach diesem Artikel und viele von diesen werden aller Wahrscheinlichkeit nach das erste tun, was ihnen in Bezug auf das Thema Brustkrebsprävention ja auch immer wieder erzählt wird: Zum nächsten Brustkrebs-Screening gehen. Ungeachtet ihres persönlichen Risikos. Das Problem ist nur: Brustkrebs-Screening ist erstens keine Prävention, denn Brustkrebs wird dadurch nicht verhindert, sondern lediglich möglicherweise früher diagnostiziert. Zweitens aber - und viel wichtiger - Brustkrebs-Screening ist für Frauen unter 50 schierer Unfug und mit dem erheblichen Risiko einer Falschdiagnose (und der damit einhergehenden psychischen Belastung sowie dem Risiko unnötiger und potentiell auch gefährlicher Behandlung) verbunden (siehe Journal of Medical Screening, 2012,Bd. 19, Suppl. 1 sowie Gigerenzer, 2002, Das Einmaleins der Skepsis). Für Frauen über 50 ist der Nutzen des Mammagrafie-Screenings zumindest umstritten. Und schließlich wird im Artikel auch gleich noch nach Konsequenzen für die Organisation von Arbeit gerufen. Zwar räumt die Autorin selbst ein, dass die Ergebnisse keinesfalls eindeutig sind (was angesichts der geringen Fallzahlen der dänischen Studie ja nun auch beim besten Willen niemand behaupten kann) und dass es sogar anderslautende Studienergebnisse gibt (die indes nicht erläutert werden), aber eines ist klar: es muss was geschehen. Das nenne ich: Unverantwortliche Panikmache.
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Zur Autorin
  • Ingrid Glomp ist promovierte Biologin. Sie arbeitet als freie Wissenschaftsjournalistin in Heidelberg und schreibt in ihren Krimis über Mord und Totschlag.

Auf einen Blick

Geschwächter Rhythmus

1 Schichtarbeit wirkt sich negativ auf die Gesundheit der Betroffenen aus.

2 Die Desynchronisation der inneren Uhr kann zu Schlaf- und Stoffwechselstörungen führen sowie zu Magengeschwüren, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und sogar zu einem erhöhten Krebsrisiko.

3 Der Taktgeber im Gehirn läuft bei jedem Menschen etwas anders. Schichtpläne sollten daher auf die individuellen Bedürfnisse der Chronotypen abgestimmt sein.

Schichtarbeit hat viele Gesichter
Der Begriff Schichtarbeit ist nicht eindeutig definiert. Dies liegt vor allem an der Vielfalt der Schichtpläne, die nach unterschiedlichen Systemen aufgestellt werden. Auch globale wirtschaftliche Umstände wirken sich darauf aus: So führte die Finanzkrise von 2009 in vielen Betrieben weltweit zu Kurzarbeit und ließ oft ganze Nachtschichtblöcke ausfallen. Aus einer derzeit laufenden Studie in einem großen Stahlwerk wissen Forscher um Thomas Kantermann, dass solche Einflüsse die Beschäftigten zusätzlich belasten können.


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