Neulich im OP: Viel Blaulicht um nichts

Patientin in der Ambulanz: Manchmal entpuppen sich Notfälle als falscher Alarm Zur Großansicht
Corbis

Patientin in der Ambulanz: Manchmal entpuppen sich Notfälle als falscher Alarm

Vergiftete Patienten, Alkoholiker im OP, Menschen, die sich ihre Diagnosen am liebsten selbst stellen: Im Klinikalltag erlebt Dr. Reinhold Rippe immer wieder Überraschungen, die er für SPIEGEL ONLINE gesammelt hat. Teil 1 über eine Nachtschicht, die eine Ehekrise verhindert.

Zehn Uhr abends, 14 Stunden Dienst geschafft, zwölf liegen noch vor mir. Es ist Zeit für eine Tasse Kaffee und hochgelegte Füße. Im Radio spielen die Four Non Blondes "What's Up?". Den Hit habe ich, ebenfalls im Dienst, vor 19 Jahren das erste Mal gehört. Damals war ich Praktikant in der chirurgischen Notaufnahme der Universitätsklinik. Es war ein warmer Sommerabend und ich hatte eine ganze Karriere vor mir. Ich versinke für ein paar Minuten in Erinnerungen, bis mich mein Diensttelefon aufschreckt.

Ein Kollege aus der benachbarten städtischen Klinik will mir eine Patientin überweisen. Sie müsse unbedingt in ein spezialisiertes Krankenhaus. Sie habe zwei große Schachteln Tabletten geschluckt, insgesamt 60 Stück. Wohl in der Absicht, sich umzubringen. Sie sei jetzt schon lebensbedrohlich krank, ihr Herz höre bald auf zu schlagen, der Herzmuskel drohe zu versagen. Alles denkbare Wirkungen der enormen Überdosis, die sich die 28-Jährige verpasst hat. Wenigstens etwas Abwechslung, denke ich, der normale Herzkranke ist für gewöhnlich im Rentenalter.

Die Patientin wird im Rettungswagen zu uns gebracht. Mit Blaulicht, viel Lärm und einiger Aufregung in unserer Notaufnahme. Die Frau liegt recht verschreckt auf ihrer Krankentrage, und ich bemühe mich, freundlich zu sein. Schließlich sind Menschen, die einen Suizidversuch hinter sich haben, auch ohne ruppige Mediziner gestresst genug. Der routinemäßige Griff an das Handgelenk ergibt einen kräftigen, regelmäßigen Puls. Achtzig oder neunzig mal pro Minute. Rosige, gut durchblutete Arme und Beine. Ich beginne misstrauisch zu werden, ordne ein EKG und eine Blutentnahme an.

"Wie viele Tabletten haben Sie denn genommen?"

Das Medikament, das die Frau geschluckt hat, senkt die Herzfrequenz und kann das Herz sogar zum Stillstand bringen, im EKG sieht man typische Veränderungen. Ich betrachte den Ausdruck, einen Streifen rosafarbenes, dünnes Papier mit der Herzstromkurve. "Wie viele Tabletten haben Sie denn genommen?", frage ich, während ich das EKG studiere und ein recht ratloses Gesicht machte. Die Patientin will nicht mit der Sprache rausrücken.

"Na, mal sehen", bemerke ich und setze mein beruhigendstes Lächeln auf. Auch in der Ultraschalluntersuchung gibt es keine Anzeichen für irgendein Problem an diesem Herz. Es ist ein Lehrbeispiel für ein gesundes, junges Herz, wie ich es bei uns leider nicht jeden Tag zu sehen bekomme.

Mein Verdacht ist eindeutig. "Also, junge Frau, wir haben zwei Möglichkeiten." Ich lasse der Phantasie der Patientin ein wenig Zeit, dann fahre ich fort: "Entweder wir holen mit einer Magensonde…", ich deute das Kaliber der üblichen Sorte mit einem sorgenvollen Blick auf meinen ausgestreckten Zeigefinger an, "…die Tabletten, die Sie geschluckt haben, da wieder heraus", ich deute mit dem gleichen Finger auf ihren Oberbauch, "…bevor dieses Medikament Ihr Herz anhält. Oder…". Ich warte ein paar Sekunden. "Wollen Sie mir etwas erzählen?"

Sie kneift die Lippen zusammen und blickt sich um. Eine Krankenschwester und ein Pfleger am Nachbarbett verbinden die Hand eines Kreissägenopfers. "Das bleibt in diesem Raum, da erzählt keiner was, versprochen", sage ich.

Ich erspare dem Krankenhauspfarrer den Weg in die Nothilfe

Die nächste Viertelstunde nehme ich die Rolle des Seelsorgers ein. Die heilige römische Kirche möge mir vergeben - immerhin erspare ich dem Krankenhauspfarrer den Weg zu uns in die Notaufnahme. Seelsorger sein, so nenne ich das, wenn ich Patienten einfach nur zuhöre. So lange, bis sie nichts mehr zu sagen haben. Danach kann ich dann wieder Arzt sein. Oft sagen die Patienten dann: "Ach, Herr Doktor, mit Ihnen kann man aber gut reden." Dabei sage ich nicht mehr als gelegentlich ein "Hm" oder "Ja".

Was war geschehen? Die junge Frau hatte die Medikamentenschachteln ihrer Großmutter entwendet, die Tabletten ins Klo gespült, die leeren Schachteln aufgehoben und ihrem Freund gezeigt, der sie verlassen wollte. Der hatte daraufhin den Notarzt verständigt.

Am nächsten Abend bin ich zu einer Party eingeladen und treffe den Kollegen, der mir die Patientin überwiesen hatte. Bevor ich mit einem Glas Bier in der Hand beginnen kann, mich scherzhaft über die unnötige Überweisung zu beschweren, dankt er mir überschwänglich dafür. Er deutet auf seine Frau, die uns gegenüber sitzt und ein verlegenes Gesicht macht. Eben zu der Zeit, als die Medikamentenvergiftete in seiner Notaufnahme auftauchte, hatte seine Frau angerufen und ihn mächtig unter Druck gesetzt: Feierabend sei um sechs Uhr, und wenn er schon wieder erst nach elf Uhr nachts nach Hause käme, könne er ja gleich ganz in der Klinik bleiben.

Das Ergebnis des Nachtdienstes war also eine vermiedene Ehekrise. Ob die Herzpatientin aber von ihrem Freund verlassen wurde, habe ich nicht erfahren.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wie süß
rodelaax 24.07.2012
... und wieviele tausend Euro hat dieser Spaß die Allgemeinheit gekostet?
2. optional
muehle79 24.07.2012
Nicht gut, dass die junge Dame trotz ärztlicher Schweigepflicht und extra zugesagter Vertraulichkeit ihre Geschichte nun in der Online-Ausgabe des Spiegels lesen muss. Und bei aller Freude über die Rettung: Wie geht es denn der Großmutter, deren wichtige Medikamente plötzlich weg sind? Wurde die auch noch eingeliefert? Hat sie vom Hausarzt einfach neue verschrieben bekommen? Und wer bezahlt diese dann? Ein herzliches Dankeschön an die Solidargemeinschaft der gesetzlich Krankenversicherten, dass sie auch solche Eskapaden einer jungen Dame mitmacht.
3. Wie bitte?
karlsiegfried 24.07.2012
Dieser Beitrag soll eine geistige Bereicherung oder eine sinnvolle Information sein?
4. Mal sehen...
jackrum 24.07.2012
Zitat von rodelaax... und wieviele tausend Euro hat dieser Spaß die Allgemeinheit gekostet?
..der erste Notarzt bekommt außer seinem üblichen (jämmerlichen) Gehalt davon nix, höchsten ne Einsatzprämie, wobei das Wort "Prämie" hier schon optimistisch ist. Das ganze andere beteiligte Personal bekommt sein übliches Gehalt (für eine Fachpflegekraft in der Noraufnahme ist das am normalen Wochentag etwa 1,25 Euro zusätzlich laut TVÖD, die Rettungsassistenten und -Sanitäter liegen da insgesamt noch drunter) - Mehrkosten entstehen hier ebenfalls nicht. Was tatsächlich Geld kostet, sind die beiden Transporte vom Rettungsdienst (Einsatzort --> Klinik 1, Klinik 1 --> Klinik 2), was hier allerdings der Träger des Dienstes einfordert. Wie viel das ist, weiß ich nicht - tausende von Euros eher nicht. Da kostet jeder hyperchondrische Patient, der wegen seinem durch Übergewichts- und Bewegungsmangellebensweise schmerzenden Rücken das dritte MRT fordert,wohl deutlich mehr. Und auch jede durch Rauchen ausgelöste Folgekrankheit. Und jeder durch unvorsichtigen Sport gebrochene Knochen, Und...so weiter. J.
5.
lukbuk 24.07.2012
Zitat von karlsiegfriedDieser Beitrag soll eine geistige Bereicherung oder eine sinnvolle Information sein?
Ich vermute, dieser Beitrag soll den Menschen die Arbeit in einer Notaufnahme näherbringen. Selbstverständlich ist dies nur ein Beispiel - aber ein durchaus nachvollziehbares. Wie immer, wenn spiegel online etwas über medizinische Themen berichtet, häufen sich die Forenbeiträge ahnungsloser. Ich erkenne da 3 Gruppen. Gruppe 1 beschwert sich sofort über die riesigen Kosten und das sinnlos verpulverte Geld. Gruppe 2 beschwert sich über die Nützlichkeit des Beitrags. Gruppe 3 beschwert sich über die Unfähigkeit der Ärzte (oder des medizinischen Personals) allgemein. Wenn ich mal ganz nüchtern betrachte, wer so alles an einem ganz normalen Wochenende in die Notaufnahme eines großen Krankenhauses in einer mittelgroßen Stadt kommt und warum - dann wäre etwas mehr Demut angebracht....
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Gesundheit
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Diagnose & Therapie
RSS
alles zum Thema Neulich im OP
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 11 Kommentare
Zum Autor
Dr. Reinhold Rippe berichtet in loser Reihenfolge über seine Erlebnisse in der Klinik. In Wahrheit heißt Rippe anders, seine Notizen macht er sich bei der Arbeit als Arzt in einem großen Krankenhaus.