Mythos oder Medizin Soll man bei Nasenbluten den Kopf in den Nacken legen?

Kopf nach hinten - oder nach vorne? Was bei einer blutenden Nase zu tun ist, wird nicht nur unter Eltern heftig diskutiert. Dabei haben Ärzte eine klare Antwort.

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Nasenbluten: Kinder bekommen es besonders häufig - nicht immer ganz unverschuldet
Corbis

Nasenbluten: Kinder bekommen es besonders häufig - nicht immer ganz unverschuldet


"Schick' eine Postkarte, wenn du oben angekommen bist." Wer diesen Satz spricht, hat womöglich kurz darauf ein blutendes Kind im Zimmer sitzen. "Häufigster Auslöser für kindliches Nasenblutens ist der bohrende Finger", erklärt Karl-Bernd Hüttenbrink, Direktor der Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde der Uniklinik Köln.

Kinder und Jugendliche sind neben Menschen über 50 die am stärksten von Nasenbluten geplagten. Zuverlässige Zahlen zur Häufigkeit in der Bevölkerung gibt es nicht. "Wahrscheinlich hatte aber so gut wie jeder irgendwann in seinem Leben schon mal eine blutige Nase", sagt Hüttenbrink. Dennoch kennen sich viele mit der richtigen Erstversorgung nicht aus.

Ende der Neunziger konnten bei einer Umfrage unter 500 Menschen in Großbritannien nur elf Prozent die richtige Reaktion auf eine blutende Nase beschreiben. Von mehr als hundert britischen Schülern plädierten 2009 ebenfalls die meisten für falsche Erste-Hilfe-Methoden. Dabei ist die richtige Reaktion auf den Blutfluss seit vielen Jahren bekannt.

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Bei Kindern und Jugendlichen läuft das Blut typischerweise aus einem Ort mit dem niedlichen Namen Locus Kiesselbachi. Er befindet sich vorne an der Nasenscheidewand, die rechtes und linkes Nasenloch trennt. Dicht unter der Hautoberfläche laufen hier Abzweigungen mehrerer großer Adern zusammen und bilden ein filigranes Gefäßgeäst. Vor neugierigen Kinderfingern sind die Äderchen dort kaum geschützt.

Besonders empfindlich ist die Stelle zur Erkältungszeit. "Dann ist die Nasenschleimhaut dick und die kleinen Gefäße schwellen an", erklärt Hüttenbrink. Am Naseneingang verkrustet der Erkältungsschleim. Wer nun beginnt, den Grind abzupiddeln, verletzt mit dem Fingernagel oder den scharfen Kanten des Schorfs leicht die feinen Äderchen. Das Blut läuft.

Mach der Nase Druck

"Das Einzige, was man jetzt nicht tun sollte, ist, den Kopf in den Nacken legen", sagt Hüttenbrink. Dann nämlich fließt das Blut über den Rachen in den Magen und kommt, wenn es blöd läuft, mitsamt dem restlichen Mageninhalt durch den Mund wieder heraus. Zudem lässt sich nicht abschätzen, wie stark die Nase blutet, wenn die Flüssigkeit im Bauch verschwindet.

Stattdessen ist Demut angesagt, zumindest, was die Körperhaltung angeht. Der Patient sollte sich hinsetzen und nach vorne lehnen, sodass das Blut in ein Taschentuch läuft. Außerdem sollte er seine Nasenflügel für zehn bis 15 Minuten zudrücken. In leichteren Fällen reichen auch drei bis fünf Minuten aus.

Wichtig ist, dem unteren Drittel der Nasenflügel ordentlich Druck zu machen. Häufig setzen Ersthelfer Daumen und Zeigefinger zu weit oben am Knochen an, damit verfehlen sie das Ziel. "Nur, wenn die Nasenflügel an der richtigen Stelle auf die Scheidewand drücken, verschließen sie die verletzten Gefäße im Locus Kiesselbachi", erklärt Hüttenbrink. Das Blut kann dann nicht mehr aus den Äderchen fließen, Blutplättchen und Eiweiße verschließen die Verletzung.

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Größere Gefäße, größere Sauerei

Etwas schwieriger wird die Erste Hilfe bei älteren Menschen. Sie bluten häufiger hinten in der Nase, wo größere Arterienabzweigungen reißen. Je größer das verletzte Druckgefäß ist, desto mehr Blut sprudelt aus der Nase. Zudem lassen sich die Adern im hinteren Nasenteil von außen kaum zudrücken. Dann gilt erst recht: Oberkörper nach vorne beugen, sodass das Blut nicht in den Magen laufen kann.

Fließt sehr viel Blut aus der Nase, hilft Kälte. "Werden die Genitalien für einige Zeit in kaltes Wasser getaucht, wird das das Nasenbluten stoppen", schrieb der schottische Arzt William Buchan 1796. Funktionieren könnte das theoretisch. Im Zweifel tut es aber auch ein kaltes Tuch im Nacken. Bei Kälte verengen sich die Blutgefäße, um die Wärme in der Körpermitte zu halten. So kann weniger Blut aus den Äderchen fließen.

"Die Kältereaktion ist auch eine Erklärung, warum wir in den kalten Monaten leichter eine Erkältung bekommen", erklärt Hüttenbrink. "Die Schleimhäute in der Nase sind die erste Abwehr gegen Viren. Sind sie schlecht durchblutet, haben die Erreger leichteres Spiel."

Nasenbluten als Zeichen der Männlichkeit

Warum manche Menschen häufiger Nasenbluten bekommen als andere, lässt sich nicht pauschal beantworten. Dem griechischen Arzt Hippokrates fiel im vierten Jahrhundert vor unserer Zeit auf, dass neben jungen Menschen vor allem männliche Nasenbluten bekommen. "Nasenbluten tritt bei denen auf, die beginnen, Gefühle der Lust zu entwickeln oder erste Zeichen von Männlichkeit", schrieb er.

In japanischen Zeichentrickfilmen wird eine blutende Nase bis heute als Stilmittel genutzt, um sexuelle Erregung auszudrücken. Wissenschaftliche Belege für die Theorie gibt es allerdings nicht. Neben dem Geschlecht und ungünstigen Verhaltensweisen wie Nasenbohren oder Zusammenstößen mit Bällen oder Fäusten, spielt nach heutigem Wissen auch die Veranlagung eine wichtige Rolle. Zudem sind Nasenspray-Junkies anfälliger. Im Dauereinsatz trocknen die Mittel die Nasenschleimhaut aus.

Nur selten sind ernste Erkrankungen, etwa Wucherungen im Rachen oder genetische Defekte, die Ursache. Bei älteren Menschen gibt es die Theorie, dass Bluthochdruck das Risiko für Nasenbluten erhöht. Das spricht für die These, dass sexuelle Erregung das Bluten fördern könnte. Allerdings bezieht sich die Blutdrucktheorie auf dauerhaft erhöhte Werte. Zudem ist der Zusammenhang nicht sicher nachgewiesen. Denkbar wäre, dass die Blutgefäße leichter reißen, wenn sie durch langjährigen unbehandelten Bluthochdruck beschädigt wurden.

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So lässt sich Nasenbluten in vielen Fällen durch einfache Methoden vorbeugen: "Pflege, Pflege, Pflege", sagt Hüttenbrink. Fettige Cremes können verhindern, dass die Haut am Naseneingang austrocknet. Fließt das Blut trotzdem regelmäßig oder hört es trotz Erster Hilfe nach 20 Minuten nicht auf, muss der Arzt ran. Mit Tamponaden kann er auch Blutungen im hinteren Teil der Nase stoppen.

FAZIT: Den Kopf bei Nasenbluten nach hinten zu legen, bringt nichts und kann sogar gefährlich werden. Stattdessen sollte man sich nach vorn lehnen und den vorderen unteren Teil der Nase mehrere Minuten kräftig zudrücken. Hilft alles nichts, muss der Arzt ran.

Zur Autorin
  • Julia Merlot begeistert sich für Themen rund um Mensch und Tier. Die studierte Wissenschaftsjournalistin ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft und Gesundheit von SPIEGEL ONLINE.
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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 30 Beiträge
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heinrich-wilhelm 10.02.2016
1. Tempotaschentuch
Vielleicht hab ich es überlesen, in vielenFällen hilft ein Stück Papiertaschentuch oder auch " Klopapier" unter die Zunge zu legen und mit der Zunge etwas zu pressen, ind die Blutung steht nachkurzer Zeit. Probieren Sie es aus, es hilft tatsächlich.
globulli 10.02.2016
2.
...oder man klopft sich mehrmals mit dem Zeigefinger gegen die Stirn. Nach einer Weile hörts dann auf. Probieren Sie es aus.
alkman 10.02.2016
3. Nasenbluten
Also ich habe von HNO-Ärzten noch gelernt: aufrecht sitzen, Kopf in den Nacken, kaltes Tuch in den Nacken. Das Blut vom Locus Kieselbach läuft dann immer noch (bis es dann hoffentlich bald aufhört) nach vorne aus der Nase und nicht in Rachen und Speiseröhre.
schewatz 10.02.2016
4. Tempotaschentuch II
Es ist nachgewiesen, dass Mundtrockenheit über eine Schleimhautreaktion Nasenbluten stoppt. Statt eines Tempotaschentuchs kann ma aber auch trockenes Brot, Zwieback oder Kekse kauen.
COLLOT 10.02.2016
5.
Aus Tempotaschentuch bzw. Toilettenpapier, wie bei einem Flaschenverschluss, einen Stöpsel bilden, der den Nasenraum ausfüllt und in die Nase stecken. 3, 4 Minuten reicht da aus. Der Stöpsel soll natürlich lang genug sein, dass er rausschaut und man ihn wieder bequem rausziehen kann.
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