Kindergesundheit Arzneipflanzen und ihre Nebenwirkungen

Bei vielen pflanzlichen Arzneimitteln fehlen Untersuchungen zu Nebenwirkungen - das ist vor allem bei der Gabe an Kinder bedenklich. Die Übersicht zeigt, welche beliebten Mittel trotzdem genommen werden können, und bei welchen Vorsicht geboten ist.

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Kamille

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Laut einer Umfrage greifen knapp 86 Prozent der Eltern bei der Behandlung ihrer Kinder zur Kamille. Das Herbal Medicinal Product Committee (HMPC) hat die Datenlage zu Römischer Kamille analysiert. Aufgrund mangelnder Daten ist die Römische Kamille demnach als Tee oder Extrakt nicht für Kinder unter zwölf Jahren zu empfehlen.

"Die Regelung kommt zustande, weil Kamillentee in einigen EU-Staaten nicht so selbstverständlich bei Kindern verwendet wird wie in Deutschland", sagt Karen Nieber vom Institut für Pharmazie der Universität Leipzig. "Aus der langjährigen Praxiserfahrung in Deutschland sind aber keine gravierenden Nebenwirkungen bekannt." Nur Kinder mit Allergien gegen Korbblütler sollten keinen Kamillentee trinken.


Fenchel

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Gut 80 Prozent der Kinder haben laut der Umfrage schon mal Fenchel bekommen, vor allem gegen Magenverstimmungen. Das HMPC untersuchte Tee aus süßem und bitterem Fenchel und schätzt ihn für Kinder ab vier Jahren als sicher ein. Zu jüngeren Kindern fehlten den Prüfern aussagekräftige Daten. Der Kinderarzt solle zu Rate gezogen werden.

"In Deutschland ist Fencheltee bei Säuglingen lange erprobt", sagt Karen Nieber vom Institut für Pharmazie der Universität Leipzig. "Schwerwiegende Nebenwirkungen sind nicht bekannt." Kinder mit Allergien gegen Doldenblütler sollten nicht mit dem Gewächs in Kontakt kommen.


Eukalyptus

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Eukalyptusöl wird in Lutschbonbons, Salben, Cremes, Bädern oder Inhalationsflüssigkeiten als Schleimlöser bei Erkältungen verwendet. Im Entwurf für eine HMPC-Monografie steht, dass für die Verwendung bei Personen unter 18 Jahren nicht ausreichend Daten für eine Empfehlung vorliegen. Schwangeren und stillenden Frauen wird von den Präparaten abgeraten.

Bei Kleinkindern unter zwei Jahren besteht laut HMPC die Gefahr, dass die ätherischen Öle des Eukalytus einen Stimmritzenkrampf hervorrufen, der zu Bewusstlosigkeit und Ersticken führen kann. Im Arzneimittellexikon der Kooperation Phytopharmaka, einem Zusammenschluss mehrerer Phytopharmaka-Hersteller und Interessensverbände, wird darauf hingewiesen, dass Eukalyptus die Wirkung anderer Arzneien abschwächen kann.


Salbei

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Pflanzliche Arzneien auf der Grundlage von Salbei sind bei Eltern genauso beliebt wie Eukalyptus, etwa vier von zehn nutzen sie laut der Umfrage. Das HMPC empfiehlt sie aufgrund großer Datenlücken nur Erwachsenen. Der Arzt solle zu Rate gezogen werden. Auch für schwangere und stillende Frauen will das Komitee keine Empfehlung aussprechen.

Salbei könne die Wirkung von Beruhigungs- und Narkosemitteln beeinflussen, heißt es in der Bewertung des HMPC. Zudem könne eine Überdosis zu Herzrasen, Schwindel oder epileptischen Krämpfen führen.


Sonnenhut/Echinacea

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Ein Viertel der Eltern haben bei ihrem Kind schon einmal Echinacea, auch Sonnenhut genannt, angewendet, vor allem bei Grippe. Die Liste der Warnungen seitens des HMPC ist hier besonders lang. Die Arznei sollte erst bei Kindern ab zwölf Jahren angewendet werden. Zudem wird Allergikern von der Anwendung abgeraten. Weil Sonnenhut das Immunsystem stimulieren kann, sollten Patienten mit Autoimmunerkrankungen, Immunschwächen oder solche, deren Immunsystem medikamentös unterdrückt wird, auf die Präparate verzichten. Ob Sonnenhut die Dauer einer Grippe verkürzen oder ihren Ausbruch verhindern kann, ist zudem unklar.


Thymian

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Wie die anderen Mittel haben vier von zehn Eltern ihren Kindern schon mal Thymian gegeben. Hustensaft auf Grundlage des Gewürzes ist in der Regel schon für Kleinkinder ab einem Jahr zugelassen. Andere Zubereitungen, etwa Thymianöl, empfiehlt das HMPC erst ab zwölf. Bei Atemnot, Hautausschlag, Fieber oder eitrigem Auswurf sollte der Arzt kontaktiert werden, heißt es in der HMPC-Monographie. Thymian kann in sehr seltenen Fällen eine Überempfindlichkeitsreaktion hervorrufen.


Ringelblumen/ Calendula

Corbis

Auch Arzneimittel aus der Ringelblume haben laut der Umfrage knapp 40 Prozent der Eltern schon mal bei ihren Kindern ausprobiert. Zum Einsatz kommt die Pflanze bei Entzündungen der Haut sowie Mund- und Rachenschleimhaut. Kindern unter zwölf Jahren, Schwangeren und Stillenden wird in der HMPC-Monographie nicht zu der Arzneipflanze geraten, weil Erfahrungswerte fehlen. Auch Menschen mit Allergien gegen Korbblütler sollten sie meiden.


Umckaloabo/ Kapland-Pelargonie

Corbis

Umckaloabo ist in den vergangenen Jahren zu einem beliebten pflanzlichen Arzneimittel aufgestiegen und wird laut der Umfrage genauso häufig ausprobiert wie Arzneimittel aus dem Sonnenhut. Ihren Ursprung hat die Arznei im Süden Afrikas. Sie wird aus der Wurzel der dort heimischen Kapland-Pelargonie gewonnen. Da ihr Einsatz in der EU keine Tradition hat, zählt Umckaloabo hierzulande nicht zu den traditionellen Arzneimitteln.

Eingesetzt wird Umckaloabo zur Behandlung von Bronchitis oder Nasennebenhöhlenentzündung. Seine Wirksamkeit ist in methodisch guten Studien kaum nachgewiesen. "Dass es in Tablettenform überhaupt eine Wirkung hat, halte ich für äußerst unwahrscheinlich", sagt Karen Nieber vom Institut für Pharmazie der Universität Leipzig. Die Arznei steht außerdem im Verdacht Leberschäden hervorzurufen und kann zu Magen-Darm-Beschwerden führen. Bei Säuglingen unter einem Jahr sollte sie nicht angewendet werden, bei Kindern unter sechs nur in Rücksprache mit einem Arzt.

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citizen_of_zulu_nation 25.11.2013
1. Cannabis? Cannabis Oil Works!
Die vermutlich älteste und m.E. nach wichtigste Heilpflanze fehlt in der Auflistung - wohl aufgrund ihrer Illegalität: Cannabis Sativa/Indica. Die US-Regierung weiß seit mindestens 1974 (Virginia Studie) dass Cannabis Anti-Tumor-Eigenschaften besitzt. Es häufen sich die Berichte von Menschen die ihren Krebs mit einem Extrakt aus den Blüten der Cannabis-Pflanze, auch bekannt, als Cannabis Extract, Honey Oil oder Rick Simpson Oil, heilen konnten. Die Hanfplanze besitzt weit über 90 verschiedene Cannabinoide die dabei besonders Wechselwirken. "Big Pharma" bietet bisher nur schwache, teils synthetische, Substiute an - wie z.B Marinol (Dronabinol) oder Sativex (Nabiximols) - die für viel Geld auf dem Markt feilgeboten werden - bei gleichzeitiger Lobbyarbeit um zu gewährleisten dass Anbau und Konsum von Cannabis illegal bleiben. G.W. Pharmaceuticals (Hersteller von Sativex) in U.K. konnte sich dabei ein Monopol sichern und ist derzeit die einzige Firma der es erlaubt ist in Lizenz Cannabis anzubauen. Neben einer Myriade anderer Krankheiten wurde zuletzt über den erfolgreichen Einsatz von CBD-Haltigen Cannabis-Strängen bei an Epilepsie erkrankten Kindern berichtet. So z.B. in der Dokumentation "Weed" von Sanyay Gupta, seines Zeichens "chief medical correspondent" bei CNN: http://www.youtube.com/watch?v=Z3IMfIQ_K6U Wer meint dass sei alles Hokuspokus der sei auf folgende (Peer Reviewed) Studien verwiesen - Liste zusammengestellt von Mathew 'Matty Kush' Harton von Facebook, der mit Hilfe von Cannabis-Extrakt seine Erkankung an dem 'Good Pasture Syndrom' (eine seltene Auto-Immun-Erkrankung) behandelt: http://pastebin.com/aAvSuSn0 In dem Zusammenhang sind auch Facebook-Gruppen, "Cannabis Oil Works" sowie "Cannabis Oil Success Stories" interessante Ressourcen. Ansonsten hilft auch google: http://bit.ly/IdHksa Bitte weitersagen und für eine Legalisierung von Cannabis einsetzen!
sprichmal 25.11.2013
2. schlechte Werbung...
Seid Jahrhunderten überliefert sind diese pflanzlichen Helferlein... Jeder muss für seine Kinder selbst entscheiden, ob oder ob nicht. Ich denke all das ist besser als die vielen Antibiotika- Verordnungen die unsere Kinder bekommen. Auch unter 12 Monaten alles kein Problem, man lese mal die oft Meterlangen Beipackzettel! Nee, dann lieber erstmal Pflanze, den Rest bekommen unsere Kidds schon genug über Hähnchen und Zusatzstoffe in unserer ach so geprüften Lebensmittelindustrie. @citizen, danke für die Info über Cannabis...da schlag ich doch gleich mal nach, denn die Vorzüge werden aus eben genannten komerziellen Gründen wohlweislich verschwiegen.
Spacedoc 26.11.2013
3. Danke, Pharmaindustrie & EU!
...als Arzt, der schulmedizinisch ausgebildet ist und immer mehr die Naturheilverfahren (insbesondere die Phytotherapie) kennen und schätzen gelernt hat, kann ich nur den Kopf schütteln. "Kein Kamillentee für Kinder unter 12 Jahren"? Wie sieht es mit Kartoffeln aus? Oder mit Reis? Liegen für diese unzertifizierten Produkte ausreichend valide Daten vor, um sie weiterhin so unkritisch bei Kindern einzusetzen? Was ist mit Kirschen und Erdbeeren? Diese führen -je nach Dosis- zu erheblichen Magen-Darm-Beschwerden? - Eine EU-Warnung ist auch hier überfällig. Nein, im Ernst: wie wäre es, wenn erst einmal alle Produkte der Pharmaindustrie mit der gleichen Akribie kritisch bewertet werden würden? Bis das geschehen ist, ist mein Rat an alle Eltern (deren Kinder nicht gerade an einer seltenen Allergie gegen das entsprechende Heilkraut leiden): Abwarten und (Kamillen-)Tee trinken!
dr.u. 26.11.2013
4. So isses
Zitat von Spacedoc...als Arzt, der schulmedizinisch ausgebildet ist und immer mehr die Naturheilverfahren (insbesondere die Phytotherapie) kennen und schätzen gelernt hat, kann ich nur den Kopf schütteln. "Kein Kamillentee für Kinder unter 12 Jahren"? Wie sieht es mit Kartoffeln aus? Oder mit Reis? Liegen für diese unzertifizierten Produkte ausreichend valide Daten vor, um sie weiterhin so unkritisch bei Kindern einzusetzen? Was ist mit Kirschen und Erdbeeren? Diese führen -je nach Dosis- zu erheblichen Magen-Darm-Beschwerden? - Eine EU-Warnung ist auch hier überfällig. Nein, im Ernst: wie wäre es, wenn erst einmal alle Produkte der Pharmaindustrie mit der gleichen Akribie kritisch bewertet werden würden? Bis das geschehen ist, ist mein Rat an alle Eltern (deren Kinder nicht gerade an einer seltenen Allergie gegen das entsprechende Heilkraut leiden): Abwarten und (Kamillen-)Tee trinken!
Vor Allem: Wenn aufgrund unzureichender Datenlage von einer Anwendung *abgeraten* wird, wird es eine ausreichende Datenbasis auch nie geben. Es wäre ja völlig ausreichend, wenn bei mangelnder Datenlage, vor allem auch in Bezug auf Nebenwirkungen (keine signifikanten bekannt) ledigliche auf eine Anwendungsempfehlung verzichtet würde. Man muss sich einfach nur mal die Interessenlage bewußt machen. Welcher große, finanzstarke Pharma- /Gesundheitskonzern hätte denn ein interessen daran, die Wirksamkeit von (Heil)Kräuter/Pflanzen oder anderer Alternativmedizin zu belegen? Richtig. Keiner! Es wäre ja auch hochgradig geschäfts-/ertragsschädigend, wenn Teile der Bevölkerung sich aus Feld, Wald und Garten bei einfachen Erkrankungen selbst therapieren könnten. Schließlich wurden schon im Mittelalter Kräuterfrauen und Hebammen gerne mal als Hexen denunziert, damit (männliche) Heiler & Ärzte ihren Stand wahren und ausbeuen konnten.
kuehlmeister 26.11.2013
5. naja
eine Studie, angefertigt von der Pharmaindustrie wird wohl kaum den natürlichen und reichlich vorhandenen Arzneimitteln gesunde und heilsame Wirkungen verleihen, schliesslich will man ja mit seiner eigenen zusammengepanschten Chemie die große Kohle machen. Ich frage mich wie die Menschheit seit tausenden Jahren überleben konnte ohne Sagrotan und Hustensaft aus Chemie.
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