Der alte Herr hatte das Gröbste überstanden. Ein wenig löste sich Anspannung im OP-Team. Immerhin, 86 Jahre alt war er, ein schwerer Raucher noch dazu, und damit aufhören wollte er auch nicht. Ein eigensinniger alter Knochen, so hatte ihn seine Familie beschrieben. Mir war der Bursche sympathisch. Er machte, was er wollte - und nicht, was ihm irgendein Jungspund, vierzig Jahre jünger als er, vorschreiben wollte. Ganz gleich, ob dieser Herzchirurg oder Kardiologe war. Herr T. zeigte sich so wenig davon beeindruckt wie das Wetter von der Vorhersage.
Nun also war die Operation beinahe überstanden. Herr T. hatte eine neue Aortenklappe bekommen. Die alte hatte sich nurmehr auf einen halben Quadratzentimeter geöffnet, und jede kleinste Anstrengung hatte unseren Patienten schwer schnaufen lassen. Selbst die Zigaretten schmeckten nicht mehr. Das, so verriet er mir vor der Operation, sei der eigentliche Grund für ihn, sich operieren zu lassen.
Pflichtgemäß hatte ich ihn mit Engelszungen überreden wollen, mit den Zigaretten zu brechen, und er sicherte es mir zu. Glauben konnte ich das dem augenzwinkernden, verschmitzt lächelnden braungebrannten Großvater allerdings nicht. Sei es drum, dachte ich mir, und bewunderte ihn ein wenig um seine Unabhängigkeit. Ein Sonnyboy, trotz seiner 86 Jahre.
Der Chirurg knotete die letzten Fäden der Hautnaht über dem Brustbein. Ordentlich geschwitzt hatte der Kollege, erschöpft war er, die Augen müde, die Schultern hingen. Die Hauptschlagader, die Aorta von Herrn T. war erweitert, die Wand ungewöhnlich schwach gewesen. "Das näht sich wie nasses Klopapier", hatte der Chirurg geschimpft, mit dem Fuß aufgestampft, eine Menge nicht zitierfähige Ausdrücke gebraucht und wütend im OP umhergeschaut, ob er nicht einen Sündenbock fände.
Ein zu großes Wagnis
Er hatte gekämpft. Gekämpft gegen immer neue Blutungen, gekämpft gegen Undichtigkeiten, ausgerissene Fäden, gegen vermeintliche oder reale Ungeschicklichkeit des Assistenten. Ein Ersatz der Hauptschlagader unmittelbar über der Klappe hätte das Problem lösen können. Leider war das nur eine theoretische Lösung, denn die Operation hatte schon zu lange gedauert. Und ein 86-Jähriger steckt so was nicht so leicht weg: Ein Ersatz der Aorta ascendens hätte einen Kreislaufstillstand erfordert. Ein Wagnis, das niemand eingehen wollte.
So hatte sich der Kollege geschunden. Jeder neue Stich war ein Risiko. Würde die geschwächte Wand der Hauptschlagader dem Druck standhalten? Konnte diese Gefäßwand - haltbar wie nasses Klopapier - den Fäden ausreichend Widerhalt geben? Fragen, auf die es nur eine Antwort geben durfte: sie mussten halten. Eine andere Chance hatte unser Patient nicht.
Jetzt also schien alles gut. Ein letzter, kritischer Blick aus erschöpften Augen auf die Drainagen. Bei inneren Blutungen führen sie Blut nach außen. Aber sie waren trocken, und alle waren erleichtert. Die Anspannung löste sich, Scherzworte flogen hin und her. Jetzt nur noch den Verband anlegen und den Patienten auf die Intensivstation bringen.
Die Uhr tickt
Doch plötzlich ist der Blutdruck nicht mehr messbar. Ein Blick auf die Drainagen bestätigt die schlimmste Befürchtung. Nicht mehr als das Notwendigste wird geredet, anstelle von Scherzen gibt es nur noch knappe Kommandos. Die Uhr tickt. Sekunden vergehen. Minuten. Unmöglich, dass er das überlebt, schießt es mir durch den Kopf. Bis der Chirurg den 86-Jährigen an die Herzlungenmaschine angeschlossen hat, sind es insgesamt vier Minuten. Vier Minuten ohne Blutdruck.
Die Katastrophe war eingetreten: Die Wand der Hauptschlagader hatte doch nicht gehalten, die Naht war zerrissen, aus einem fingerdicken Leck strömte Blut in den Brustkorb. Weitere 60 Minuten muss der Patient operiert werden.
Die Prognose: miserabel.
Als der Patient drei Tage nach der Operation erwacht, ist er zunächst verwirrt, teilweise gelähmt. Was auch der Optimistischste unter uns nicht zu hoffen gewagt hat, tritt ein: Der 86-jährige erholt sich, die Lähmung geht vollständig zurück, eine Woche nach der Operation strahlt er fast wie zuvor und wird mit optimalem Ergebnis in die Reha-Klinik verlegt.
Ob er wieder angefangen hat zu rauchen, weiß ich nicht. Aber ich gönne es ihm. Schließlich war es für ihn der Grund, sich operieren zu lassen. Und eines ist mir wieder einmal klar geworden: Prognosen sind wie Wettervorhersagen - meistens falsch.
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