Morbus Crohn Neue Hilfe gegen tückische Darmentzündungen

Krampfartige Bauchschmerzen, Durchfall, Erschöpfung: Patienten mit Morbus Crohn leiden immer wieder unter heftigen Symptomen. Bei manchen Betroffenen versagen herkömmliche Medikamente. Für sie gibt es jetzt neue Präparate - und pflanzliche Hilfsmittel.

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Ständig wiederkehrende Magenkrämpfe: Morbus Crohn ist nicht heilbar, lässt sich aber gut behandeln
Corbis

Ständig wiederkehrende Magenkrämpfe: Morbus Crohn ist nicht heilbar, lässt sich aber gut behandeln


Zweimal traf sie die Diagnose Brustkrebs, dann ließ sie sich beide Brüste amputieren. Und das ist nicht alles, was Anastacia plagt: 2010 landete die Sängerin beim Internetportal zehn.de auf Platz sechs der "zehn bewundernswertesten Stars und ihre Krankheiten" - noch vor Stephen Hawking. Mit 13 Jahren, so heißt es, habe sie eine faustgroße Geschwulst in ihrem Bauch getastet. Kurz darauf wurde bei ihr Morbus Crohn festgestellt. "Was für manche ein Fluch ist, war für mich ein Segen", soll Anastacia gesagt haben. "Denn die Krankheit hat mir geholfen, mein wahres Ich zu erkennen."

Morbus Crohn gehört wie Colitis ulcerosa zu den chronisch entzündlichen Darmkrankheiten (CED), rund 320.000 Deutsche leben damit. Immer wieder leiden sie unter Schüben mit krampfartigen Bauchschmerzen, totaler Erschöpfung und heftigem Durchfall. "Als ich die Diagnose hörte, dachte ich, ich müsste bald sterben", erzählt Jasmin Wiget, angehende Juristin aus Zürich. Der Arzt habe ihr nur unverständliche Fachbegriffe mitgeteilt - und dass das eine unheilbare Krankheit sei. "Jetzt weiß ich aber, dass man die Krankheit in den Griff bekommen und trotzdem ein schönes Leben führen kann."

Wiget gehört zu den 15 Prozent der Patienten, die von einer neuen Art von Arzneimitteln profitieren, sogenannte Biologika. Diese unterdrücken die Entzündung gezielter als herkömmliche Medikamente. "Bei den meisten Patienten bekommen wir CED zum Glück mit Mesalazin oder Kortison in den Griff", sagt Gehard Rogler, einer der führenden CED-Forscher in Europa und leitender Gastroenterologe an der Uni-Klinik Zürich. "Aber für diejenigen mit schlimmem Verlauf sind Biologika ein Segen." Gemeint sind damit Medikamente, die biotechnologisch mit Hilfe genetisch veränderter Organismen hergestellt werden. Antikörper etwa zählen dazu.

TNF-Hemmer wirken nicht bei jedem

Als erstes kam der Antikörper Infliximab auf den Markt. Dieser blockiert den Tumor-Nekrose-Faktor (TNF), ein Protein, das bei CED in höherer Konzentration vorkommt und den Entzündungsprozess in Gang hält. Infliximab besserte in Studien bei über 50 Prozent der Patienten die Beschwerden. Auch Adalimumab ist ein TNF-Hemmer, der inzwischen zugelassen ist.

So entsteht Morbus Chron: Für Großansicht bitte klicken (Quelle: Eduard Stange und Jan Wehkamp)
DER SPIEGEL

So entsteht Morbus Chron: Für Großansicht bitte klicken (Quelle: Eduard Stange und Jan Wehkamp)

In den Studien fiel aber auf, dass die TNF-Hemmer bei jedem Dritten nicht gut wirkten. "Manche bilden vermutlich Abwehrstoffe gegen die Medikamente und machen sie dadurch unschädlich, und bei anderen liegt es vielleicht an ihren Genen, dass sie nicht darauf ansprechen", sagt Rogler.

Man müsste noch an anderen Stellen ansetzen, dachten sich die Forscher und kamen auf Ustekinumab, das bereits bei anderen entzündlichen Krankheiten wie Schuppenflechte wirkte. Der Antikörper hemmt die Entzündungsbotenstoffe Interleukin 12 und 23, die bei CED ebenfalls zu viel gebildet werden.

Nach sechs Wochen Therapie hatten Patienten damit weniger Beschwerden, brauchten weniger Medikamente gegen Durchfall und verloren nicht so viel Gewicht wie Patienten, die nur Placebo bekamen. Für die Behandlung von Crohn oder Colitis ist das Medikament derzeit aber nicht zugelassen. Und auch in den Ustekinumab-Studien gab es einige Patienten, bei denen der Antikörper nichts half.

Neue Medikamente sind auf dem Weg

Ende August veröffentlichten die Mediziner Ergebnisse zu einem weiteren Antikörper: Vedolizumab. Dieser hemmt ein bestimmtes Integrin, ein weiteres Protein, das bei Entzündungsprozessen eine wichtige Rolle spielt. Von 1115 Patienten mit Morbus Crohn besserte sich die Entzündung nach 52 Wochen bei über 35 Prozent der Patienten mit Vedolizumab, bei Placebo waren es 21 Prozent. Zeitgleich wurde eine andere Studie veröffentlicht, die ähnliche Effekte bei Colitis ulcerosa zeigte.

Noch Dutzende weiterer Substanzen werden zurzeit getestet, die auf unterschiedliche Weise die Weiterleitung von Entzündungssignalen blockieren. "Biologika sind ein Quantensprung in der Therapie - aber nicht das Allheilmittel", sagt Andreas Stallmach, Chef-Gastroenterologe am Uni-Klinikum Jena.

Mindestens ebenso wichtig sei, dass man seine Krankheit aktiv angehe, sagt Jost Langhorst. Der Gastroenterologe von den Kliniken Essen-Mitte untersucht seit Jahren komplementäre Heilverfahren und setzt auf "Mind-Body-Medicine": eine Kombination aus Bewegung, mediterraner Vollwertkost, Entspannungsübungen, Stressbewältigung und Verhaltensänderungen.

"In Studien besserte sich damit die Lebensqualität deutlich", sagt Langhorst. Bestimmte pflanzliche Präparate zögerten einen erneuten Schub hinaus, etwa eine Mischung aus Myrrhe, Kamille und Kaffeekohle. Auch mit Akupunktur brauchten manche Patienten im akuten Schub weniger Medikamente. An der Uni-Klinik Zürich testet Gerhard Rogler Heidelbeeren, Lecithin und Wurmeier. "Einigen hilft das, aber außerhalb von Studien sollte man das nicht versuchen", sagt Rogler. "Und alternative Verfahren immer begleitend zur Standardtherapie machen."

Jasmin Wiget hat gelernt, ihren Crohn zu akzeptieren. Ähnlich wie bei Anastacia hat die Krankheit ihr Leben geändert - zum Positiven, wie sie findet. "Durch den Crohn freue ich mich viel mehr über Kleinigkeiten."

WENN DER BAUCH ZWICKT UND DRÜCKT

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insgesamt 27 Beiträge
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Kauzboi 09.10.2013
1. TNF-a. Blocker
Seit 2009 habe ich Crohn. Von Anfang an gingen wir die Sache mit Immunsuppressiva (Azathioprin) an, doch nach dem Ausschleichen vom Cortison stellten sich wieder Beschwerden ein, die zwar lange nicht so schlimm waren wie vor der Behandlung, aber trotzdem unangenehm und dem Altagsleben hinderlich. Als nächstes versuchten wir Budenofalk, ein Cortison das nur lokal wirkt und somit die ganzen Nebenwirkungen von herkömmlichem Cortison nicht hatte. Hat auch funktioniert, bis man es wieder absetzte, was zwangsweise sein musste, da man es nicht dauerhaft einnehmen darf. Da die Entzündungen gemäss cal-protectin Messung, Ultraschall und CT aber weiterhin stark wüteten, obwohl ich mit der Situation vom Gefühl her hätte leben können, prognostizierte mir mein Arzt innerhalb 5 Jahren einen Dünndarmverschluss. Da ich eine Operation als letztes Mittel ansehe, habe ich mich für die Behandlung mit TNF-a Blockern Remicade/Infliximab zusammen mit Azathioprin entschieden. Schon 2 Wochen nach der ersten Infusion spürte ich eine Verbesserung. Nach 4 Wochen war ich beschwerdefrei - bis heute, 18 Monate später. Allerdings benötige ich alle 8 Wochen eine Remicade Infusion. Sämtliche Entzündungsmarker sind übrigens auf normalen Werten angelangt. Ich kann den Versuch nur jedem empfehlen, statt sich vom zuweilen hysterischen Gerede gegen TNF-a Blocker in Crohn Foren verrückt machen zu lassen. Man lebt nur einmal und das Leben ist zu wertvoll um es sich von etwas wie Morbus Crohn kaputt machen zu lassen.
Erwan 09.10.2013
2. Bei Colitis ulcerosa wird schon lange auch
ein Präparat aus Colibakterien, namens Mutaflor eingesetzt. Damit kann die Krankheit zwar auch nicht geheilt werden, aber die Schübe werden weniger oder sind weniger schlimm. Das Bild hier zeigt es gut, wie Bakterien die Schleimhautbarriere durchdringen und dann Entzündungen verursachen. Es ist aber so, dass eine gute Darmflora über die sog. Colonisationsresistenz das Eindringen von Bakterien in die Schleimhaut verhindert. Insofern kann man auch die Wirkung von den o.g. Colibkterien verstehen. Nur ändern diese bei so einer chronischen Krankheit auch kaum mehr die natürliche im Darm vorhandene Bakterienflora, die so eine Krankheit verhindern kann.
shinobi42 09.10.2013
3. Psychosomatische Komponente
Bei mir wurde vor über zwanzig Jahren eine Collitis Ulcerosa festgestellt, die ich mit entsprechenden Medikamenten (Claversal) damals behandelt habe. Mein Arzt sagte mir, ich sollte versuchen, über die Krankheit mehr zu wissen, als er und mich auch selbst damit offensiv auseinandersetzen. Erst als ich anfing, asiatische Kampfkünste zu praktizieren, wurde es besser, auch weil ich den Stress aus der Uni damit kompensieren konnte. Heute bin ich Projektmanager und habe nur noch sehr selten ganz kurzfristige Schübe, die ich aber schnell wieder in den Griff bekomme, manchmal mit medizinischer Unterstützung. Mir ist bewusst, dass eine Darmerkrankung ein Leiden sprichwörtlich der "inneren Mitte" ist.
bushdoctor 09.10.2013
4. und was ist mit Cannabinoiden?
Bei Morbus Crohn sollte in keinem Falle unerwähnt bleiben, dass die Cannabinoide THC und CBD in fast allen Fällen eine Linderung verschaffen können. Näheres dazu kann im Internet ganz leicht selber recherchiert werden.
bommerlunder 09.10.2013
5. Psycho - Quatsch
Möglicherweise KANN die Psyche eine Rolle spielen. Die Aussagen, die Krankheit sei psychosomatisch bedingt, die man leider oft hören muss, ist allerdings längst widerlegt und schadet den Patienten nur. Weil sie die "Schuld" auf den Patienten schiebt, der nichts für die Krankheit kann. Einem sportlichen, glücklichen Menschen wird dabei eingeredet, er müsse ein seelisches Problem haben. Das ist frustrierend und bringt gar nichts.
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