Neue Studie Ärzte verschreiben zu oft Antibiotika

"Sie haben eine Erkältung? Darauf erst mal ein Antibiotikum!" Nach diesem Motto stellen Ärzte offenbar viel zu oft Rezepte aus. Eine neue Studie warnt vor den sorglosen Verschreibungen. Doch es gibt einen Lichtblick.

Bakterienkultur in einer Petrischale
DPA

Bakterienkultur in einer Petrischale


Viel zu oft verordnen niedergelassene Ärzte bei Erkältungen ein Antibiotikum - obwohl das in der Regel gar nicht wirkt. Das zeigen Daten aus dem neuen Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse (TK). Demnach erhielten im vergangenen Jahr 27 Prozent der Beschäftigten, die wegen einer Erkältung krankgeschrieben wurden, Antibiotika verschrieben.

Bei virenbedingten Erkältungskrankheiten bringt das jedoch nichts, im Gegenteil: Durch den falschen Einsatz können multiresistente Keime entstehen, bei denen das Medikament dann überhaupt keinen Effekt mehr hat. Gesundheitsminister Hermann Gröhe warnt deshalb vor der sorglosen Verschreibungspraxis.

"Wenn Antibiotika nicht mehr wirken, bricht eine tragende Säule unserer Gesundheitsversorgung weg", sagte Gröhe. Ärzte müssten für den Kampf gegen den unbedachtem Einsatz ebenso sensibilisiert werden wie die Patienten: Auch die Bevölkerung brauche ein stärkeres Bewusstsein dafür, "dass Antibiotika nicht bei jedem Husten oder einer tropfenden Nase helfen".

Experten sehen Trendwende

Grundlage des Berichts sind die Daten von 4,8 Millionen Versicherten. Der Gesundheitsreport zeigt jedoch auch, dass die Zahl der unnötigen Antibiotika-Rezepte insgesamt zurückgeht. 2008 war das Medikament bei Erkältungen noch in 38 Prozent der Fälle verschrieben worden.

Besonders stark ist der Verordnungsrückgang bei den Patienten, die nur für wenige Tage krankgeschrieben waren. 2016 erhielten etwa 19 Prozent von ihnen Antibiotika, 2008 waren es noch gut 30 Prozent gewesen. Der Rückgang fällt laut TK mit den 2008 begonnenen Bemühungen der Politik zusammen, die Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen zu bekämpfen.

"Diese Trendwende geht in die richtige Richtung", sagte Tim Steimle von der TK. Dennoch sollten Ärzte und Patienten bei dem Thema nicht lockerlassen. "Die überwiegende Zahl der Erkältungsinfekte ist durch Viren hervorgerufen - und gegen eine Virusinfektion hilft das Medikament nicht."

him/dpa



insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
m.spohn 04.06.2017
1. Wtf?
Dafür brauchten die jetzt extra eine Studie? Das weiß ich schon seit 30 Jahren! Viel schlimmer wiegt, dass die Ärzte meistens nicht darüber aufklären, dass das Antibiotikum auch bis zum Ende genommen werden MUSS. So entstehen nämlich besonders schnell resistente Erreger.
53er 04.06.2017
2. Richtige Feststellung
aber falsche Schlussfolgerung. Es ist richtig, dass die Verschreibungen von Antibiotika bei, kurze Zeit krankgeschriebenen, Patienten zurückging. Gleichzeitig stieg aber die Zahl der Krankheitstage bis z.B: 2016 an. D.h. Insgesamt wurden aber weniger Antibiotika verordnet. Eine Erkältung kann nur auskurieren, wer mindestens eine Woche zu Hause bleibt und mit einfachen Mitteln die Erkältung bekämpfen kann. Der Antibiotika-Hype der vergangenen Jahre war einfach auch dem Anwesenheitswahn im Beruf geschuldet. Je kürzer die Krankheitsdauer desto besser für den Arbeitnehmer, dann eben Antibiotika für die schnelle Genesung. Der Arbeitsdruck hat aktuell etwas nachgelassen und die Vernunft bei den Verschreibungen ist zurückgekehrt. Ähnlicher Unsinn wird bei den Krankschreibungen selbst praktiziert. Wer bereits ab dem ersten Krankheitstag beim Arbeitgeber eine Krankmeldung vorlegen muss, bevölkert völlig unnötig die Arztpraxen und produziert immense Kosten im Gesundheitsbereich, ganz davon abgesehen, dass ein Arzt meist auch eine Medikamentenverordnung vornehmen muss, um letztendlich die Krankschreibung zu rechtfertigen. Es wird Zeit, dass hier bei den Unternehmen ein Umdenken stattfindet, eine Karenzzeit von 2-3 Tagen wäre sinnvoll und würde sehr wahrscheinlich die Zahl der Krankheitstage insgesamt eher reduzieren.
hubie 04.06.2017
3. Was ist denn hier los?
Eine Studie bestätigt das, was jeder vernunftbegabte Mensch schon seit Ewigkeiten weiß. Ich bin froh, dass ich einen Hausarzt habe, der mir selbst dann keine Antibiotika verschreibt, wenn selbst ich schon manchmal aus Bequemlichkeit denke, lieber das Zeug und gut ist... Aber irgendwann zahlt man den Preis. Leider zahlen den die anderen auch... Wenn du dein Leben lang konservativ damit umgegangen bist bekommst du trotzdem irgendwann mal einen Keim, der vlt. in einer 16-jährigen herangewachsen ist, die Antibiotika bekommen hat, damit Sie an ihrem Geburtstag mit Freunden feiern gehen kann und nicht diese Halsschmerzen hat, die sie am Vortag noch "gequält" haben. Tja...
Erwan 04.06.2017
4. Das ist noch länger bekannt.
Zitat von m.spohnDafür brauchten die jetzt extra eine Studie? Das weiß ich schon seit 30 Jahren! Viel schlimmer wiegt, dass die Ärzte meistens nicht darüber aufklären, dass das Antibiotikum auch bis zum Ende genommen werden MUSS. So entstehen nämlich besonders schnell resistente Erreger.
Ich weiß das seit mehr als 40 Jahren, wo schon Kinderärzte bei jeder kleinen Infektion Antibotika verschrieben haben, obwohl manche Eltern das nicht einmal wollten. Bei leichten und mittleren Infektionen kommt man meist gut ohne Antbiotika aus. Man kann dann, wenn man informiert ist auch medizinische (wohlgemerkt medizinische !!!) Prbiotika verordnen, die die Immunabwehr sogar stärken, aber das ist gegen das Geschäftsinteresse der Ärzte, daher machen das viele auch nicht.
carlitom 04.06.2017
5.
Zitat von ErwanIch weiß das seit mehr als 40 Jahren, wo schon Kinderärzte bei jeder kleinen Infektion Antibotika verschrieben haben, obwohl manche Eltern das nicht einmal wollten. Bei leichten und mittleren Infektionen kommt man meist gut ohne Antbiotika aus. Man kann dann, wenn man informiert ist auch medizinische (wohlgemerkt medizinische !!!) Prbiotika verordnen, die die Immunabwehr sogar stärken, aber das ist gegen das Geschäftsinteresse der Ärzte, daher machen das viele auch nicht.
Dass mit den Antibiotika Schindluder getrieben wird, ist wahr, aber Ihr dargestelltes Problem verstehe ich nicht. Wenn ich ein Antibiotikum verschrieben bekomme, das ich nicht will (oder fürs Kind nicht will), dann nehme (oder gebe) ich es eben nicht. Was spricht dagegen, mündiger Patient zu sein und zur Abwechslung mal selber zu denken?
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