Innovationen aus der Medizin Lesen im Atem

Die Entwicklung eines kleinen Berliner Unternehmens könnte die Leberheilkunde revolutionieren: Ein Atemtest, der schnell und genau den Zustand der Leber bestimmt. Folge fünf unserer Serie über medizinische Innovationen.

Von

Leber: Test zeigt, wie gut das Organ arbeitet
Corbis

Leber: Test zeigt, wie gut das Organ arbeitet


Hauche mich an, und ich sage dir, wie es deiner Leber geht. So lautet das Versprechen eines neuen Tests des kleinen Berliner Medizintechnik-Unternehmens Humedics. Er ermöglicht eine weitaus genauere und aktuellere Aussage über die Beschaffenheit der Leber, als es heute die Standard-Diagnostik-Verfahren Blutbild und Ultraschall schaffen. Dabei wird erstmals zeitnah das gemessen, was eigentlich zählt: Die Funktion der Leber. Auskunft darüber soll ausgerechnet die Atemluft geben.

Das zugrundeliegende Prinzip ist simpel: Zunächst bekommt der Patient eine Lösung mit 13C-Methacetin gespritzt, einem Molekül, bei dem einige Kohlenstoffatome gewissermaßen markiert sind - sie haben einen schwereren Kern als die meisten anderen Kohlenstoffatome. In gesunden Leberzellen bauen Enzyme 13C-Methacetin rasch zu Paracetamol ab und der markierte Kohlenstoff wird freigesetzt. Er gelangt über das Blut in die Lunge, wo er in die Atemluft übergeht.

Dort leitet eine Atemmaske die Luft in ein Messgerät, das mithilfe eines Infrarotlasers die relative Menge des schwereren 13-wertigen Kohlenstoffs bestimmt. An den Ergebnissen lässt sich ablesen, wie gut die Leber funktioniert: Je größer die Menge des schweren Kohlenstoffs in der Atemluft ist, desto mehr 13C-Methacetin wurde abgebaut - und desto gesünder ist die Leber.

Aktuelle Leberwerte innerhalb von 30 Minuten

Bislang wird der sogenannte Limax-Test nur bei klinischen Studien angewandt. In der Hepatologie, der Leberheilkunde, könnte er im Falle einer Zulassung für eine kleine Revolution sorgen. "Wenn man einem Menschen die Leber entfernen würde, würde man das an den Blutwerten erst Tage später sehen. Mit dem neuen Test dagegen hat der Arzt innerhalb von 30 Minuten einen Überblick, wie gut die Leber aktuell arbeitet", sagt der Physiker Karsten Heyne von der Freien Universität Berlin, der den Test mitentwickelt hat.

Zu untersuchen, wie gut die Leber arbeitet, ist besonders vor Operationen an dem Organ wichtig. "Erst wenn die Funktion bekannt ist, lässt sich ungefähr voraussagen, ob ein Patient mit einem Lebertumor eine ausgedehnte Operation überlebt", sagt Andreas Geier, Leiter des Schwerpunktes Hepatologie am Universitätsklinikum Würzburg. Er sieht die Entwicklung des Tests positiv: "Das erweitert unsere Diagnostik deutlich und kann künftig sogar Leben retten", so Geier.

Erste Zwischenergebnisse der klinischen Studien geben ihm recht: Seit der Test bei Studien an der Charité in Berlin und elf anderen Kliniken eingesetzt wird, ist die Sterberate nach Leberoperationen um mehr als die Hälfte gesunken. "Bei Leberkrebs entfernen Chirurgen den Tumor und große Teile in der Umgebung. Bislang konnte man den Eingriff aber bei vielen Patienten nicht wagen, weil das Risiko eines kompletten Leberversagens zu hoch war. Der Test erlaubt nun, die Kapazität der Leber im Vorhinein besser einzuschätzen", erklärt Geier.

Bessere Datenlage für akute Entscheidungen

Nicht nur bei Leberkrebs könnte der Test Ärzte beim Treffen lebenswichtiger Entscheidungen unterstützen, auch sonst sind viele Einsatzgebiete denkbar. Wie stark etwa beeinträchtigt die im Ultraschall gefundene Leberzirrhose die Funktion der Leber? Gibt es bei einem akuten Leberversagen noch eine Chance, die Leber zu retten, oder ist eine Lebertransplantation unausweichlich?

"Im Grunde kann der Test bei fast jeder Lebererkrankung wertvolle Erkenntnisse liefern, die den Verlauf der weiteren Therapie beeinflussen", sagt Geier. Aber auch bei ganz anderen Problemen könnte der Test den Ärzten helfen: Weil die Leber das zentrale Organ des gesamten Stoffwechsels ist, ist die Kenntnis ihrer Funktion vor aufwendigen Operationen und bei Chemotherapien wertvoll.

Vor wenigen Wochen wurde der Test mit dem Innovationspreis Berlin-Brandenburg ausgezeichnet. Auch wegen seines enormen Potenzials gelang es dem Unternehmen problemlos, Risikokapital für die Finanzierung der klinischen Studien zu sammeln. Der einzige Haken: Es dürfte noch dauern, bis der Test zugelassen wird. Anfang nächsten Jahres soll es so weit sein. Bis die Krankenkassen den Test in ihren Leistungskatalog aufnehmen, wird noch weitere Zeit vergehen.

Bis dahin bleibt Patienten nichts anderes übrig, als zu hoffen, den Test im Rahmen der klinischen Studien nutzen zu können. Die Chancen stehen gar nicht so schlecht: Obwohl er offiziell noch nicht zugelassen ist, haben die Ärzte den Test an Universitätskliniken mehr als 12.500-mal eingesetzt. Der Nutzen ist offenbar einfach zu groß, um bis zur Zulassung zu warten.

Zum Autor
  • Christian Heinrich
    Christian Heinrich ging nach seinem Medizinstudium auf die Deutsche Journalistenschule. Seit 2010 arbeitet er als freier Journalist in Hamburg. Neben Gesundheits- und Wissenschaftsthemen schreibt er auch über Wirtschaft und Gesellschaft, Reise und Bildung.
  • Homepage des Autors



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
gideon_zaunreiter 21.04.2015
1. Kopfschütteln
Und schon wieder klaut die Medizin-Technik eine alte Lehre aus der **ach so dummen esoterischen Hokus-Pokus-Welt** Nach der mittelalterlichen Salbe gegen MRSA ist das binnen Monatsfrist die zweite Geschichte dieser Art. Vielleicht entscheidet sich die Medizin/Pharma-Lobby mal: Entweder ist alternative Heilkunst Hokus-Pokus oder eine sinnvolle Basis für medizinische Entwicklungen. Verteufeln und dann ausschlachten ist nach meiner Meinung zumindest unfair
kritiker_der_elche 21.04.2015
2.
@1.: In welcher alternativen Heilkunst soll denn der LiMAx Test seinen Vorläufer haben? Wenn ich mir die Erklärung des Tests auf Wikipedia ansehe (die Erklärung im SPON Artikel ist recht ungenau, z.B. gibt es 13-wertigen Kohlenstoff nun wirklich nicht), dann ist das Funktionsprinzip sehr genau bekannt: der mit dem Kohlenstoff-Isotop 13C markierte Ausgangsstoff wird in der gesunden Leber verstoffwechselt, wobei wiederum 13C-markiertes CO2 entsteht, das dann im Atem mit physikalischen Methoden nachgewiesen werden kann. Eine sehr schöne Kombination aus Biochemie und Physik. Aber Null Alternativmedizin.
meinung2013 22.04.2015
3. derartig Innovatives hat in D keine Chance
wäre auch zu günstig und die Lobbyisten der Pharmaindustrie, der Labore und Ärztekammern stehen bestimmt schon Schlange. Dieser Absatz offenbart die Situation in Deutschland ziemlich genau: "Der einzige Haken: Es dürfte noch dauern, bis der Test zugelassen wird. Anfang nächsten Jahres soll es so weit sein. Bis die Krankenkassen den Test in ihren Leistungskatalog aufnehmen, wird noch weitere Zeit vergehen."
doedelheimer 22.04.2015
4.
Zitat von meinung2013wäre auch zu günstig und die Lobbyisten der Pharmaindustrie, der Labore und Ärztekammern stehen bestimmt schon Schlange. Dieser Absatz offenbart die Situation in Deutschland ziemlich genau: "Der einzige Haken: Es dürfte noch dauern, bis der Test zugelassen wird. Anfang nächsten Jahres soll es so weit sein. Bis die Krankenkassen den Test in ihren Leistungskatalog aufnehmen, wird noch weitere Zeit vergehen."
Wenn Sie wüßten, wie extrem hoch die Zulassungshürden sind, dann würden Sie zur Kenntnis nehmen, daß das eher flott ist. Ach ja, die gleichen Leute jammern dann aber auch, wenn mal wieder hopplahopp irgendein Schrottschrittmacher mit brechenden Elektroden oder der fünftausendste Typ - wie innovativ! - einer Hüttotalendoprothese zugelassen wird, bei dem Metallabrieb für Probleme sorgt. Also, nix Innovationshindernis, sondern einfach nur der normale Zulassungsweg... Was der Test mit vermeintlichen Lobbyisten von big pharma, Labormedizin und Ärztekammern zu tun hat, verstehen wohl nicht einmal Sie!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.