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Neues Gesetz: Ärzte und Politiker ringen um Vertrauen für Organspende

Styropor-Behälter zum Transport von Organen: Spendebereitschaft nimmt ab Zur Großansicht
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Styropor-Behälter zum Transport von Organen: Spendebereitschaft nimmt ab

Viele Menschen haben das Vertrauen in das Organspendesystem verloren: Im Oktober kam es erneut zu einem deutlichen Rückgang der Spenderzahlen. Jetzt versuchen Ärzte und Politiker, die Bereitschaft wieder zu erhöhen - und werben kräftig für die neue Regelung, die am Donnerstag in Kraft tritt.

Am 1. November tritt die Organspendereform in Kraft. Eigentlich sollte sie vor allem eines: die Zahl jener Menschen erhöhen, die bereit sind, im Todesfall ein Organ zu spenden, um anderen das Leben zu retten. Deshalb bekommen ab diesem Donnerstag Millionen Versicherte per Post Informationen zur Spende und Spendeausweise.

Ausgerechnet zum Start der Reform bereiten allerdings bröckelnde Spenderzahlen Ärzten und Politikern Sorgen. Im Oktober gab es deutschlandweit nur rund 60 statt wie üblich 100 Organspenden pro Monat. Dabei sterben von den 12.000 Menschen, die in ganz Deutschland auf eine Spende warten, jeden Tag drei.

Der Grund dafür scheint klar zu sein: Unter den Bürgern ist die Verunsicherung angesichts der jüngsten Berichte über Manipulationen und Fälschungen bei der Vergabe von Organen groß. Viele haben das Vertrauen in das System verloren - obwohl die Politik scharfe Maßnahmen im Kampf gegen die Tricksereien angekündigt hatte.

"In allen Bundesländern haben wir einen Rückgang bei den Organspendern, außer in Baden-Württemberg", sagte eine Sprecherin der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) in Berlin. Bereits in den ersten drei Quartalen sei die Spenderzahl von 900 im Vorjahreszeitraum auf 829 gesunken. Nur im Südwesten stieg sie leicht von 87 auf 95.

Günter Kirste, medizinischer Vorstand der DSO, sagte im NDR, Angehörige von Verstorbenen hätten angegeben, wegen der Skandale das Vertrauen in das System verloren zu haben. In Göttingen und Regensburg soll ein Oberarzt Krankenakten manipuliert haben, um Patienten auf der Warteliste für Spenderorgane vorne zu platzieren. Auch aus einer Klinik in München wurden Unregelmäßigkeiten gemeldet. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

"Die Politik hat richtig reagiert"

Bahr räumte ein, die jüngsten Manipulationsskandale hätten das Vertrauen in Deutschlands Organspendesystem massiv beschädigt. Darauf habe die Politik aber richtig reagiert, nämlich mit einer stärkeren staatlichen Kontrolle bei der Organspendevergabe, sagte der Gesundheitsminister dem Rundfunksender RBB-Inforadio.

Ab dem Start der Organspendereform an diesem Donnerstag haben die Krankenkassen ein Jahr Zeit, Infos und Ausweise an ihre Versicherten ab 16 Jahre zu schicken. Die Techniker Krankenkasse (TK) will ihre 6,9 Millionen Versicherten bis Ende November damit versorgt haben. Die meisten anderen Kassen warten noch ab. AOK-Chef Jürgen Graalmann sagte: "Alle AOKs bereiten derzeit die gesetzlich vorgeschriebenen Informationen an ihre Versicherten vor." Bereits seit April informiere die AOK im Internet.

Bahr appellierte an die Bundesbürger, sich mit ihrer Bereitschaft zur Organspende noch einmal auseinanderzusetzen. "Niemand soll zu einer Entscheidung gezwungen werden. Aber es ist auch klar: Jeder, der sich zu Lebzeiten für eine Organspende entscheidet, entlastet seine Angehörigen", sagte er. Die Organspende biete die Möglichkeit, jemand anderem eine zweite Lebenschance zu geben, sagte der FDP-Politiker weiter. Es sei ein Akt der Nächstenliebe, für den es eine Menge guter Argumente gibt."

Jeder sollte sich mit der Frage nach Organspende auseinandersetzen

Zudem drang er auf einen baldigen Versand der Ausweise: "Einige Kassen gehen aktiv vor, andere wollen die Kosten ins nächste Jahr schieben." Nun solle aber Vertrauen durch Aufklärung zurückgewonnen werden. Aus Kassenkreisen hieß es, die Entscheidung bei den meisten Versicherungen, die Briefe erst später zu verschicken, rühre von der Hoffnung her, das Thema werde bis dahin wieder positiver gesehen.

Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) sagte: "Trotz der aufgedeckten Organspendeskandale an ganz wenigen Kliniken bleibt es dabei, dass sich jeder mit der Frage der Organspende auseinandersetzen sollte." Die Entscheidung sei aber ein höchstpersönliche Angelegenheit. Eine weitergreifende Regelung, wonach sich die Bürger für oder gegen die Organspende entscheiden müssen, lehnt Kauder deshalb ab.

Fachpolitiker von Koalition und Opposition beraten derzeit weiter über Konsequenzen aus den Skandalen, nachdem Bahr mit den Organisationen von Ärzten, Kassen und Kliniken Ende August mehr Kontrollen und Sanktionen angekündigt hatte. Politiker wie der CSU-Gesundheitsexperte Johannes Singhammer hatten darüber hinaus mehr staatliche Aufsicht gefordert.

Die SPD-Gesundheitspolitikerin Carola Reimann forderte die Länder auf, den Weg für eine Reduzierung der rund 50 Transplantationszentren in Deutschland freizumachen. "Wir brauchen eine Konzentration", sagte Reimann. Die Transparenz könnte dann steigen, die Konkurrenz gesenkt werden. Außerdem sollten die einzelnen Kliniken Transplantationskonferenzen abhalten, so dass ein reibungsloser Ablauf bei der Organvergabe gefördert werde.

Im Fall Göttingen erwartet Bahr juristische Konsequenzen: "Ich rechne damit, dass bei dem Arzt in Göttingen, der sich ja zuvor in Regensburg fehlerhaft verhalten hat, dass es da auch zu harten Konsequenzen kommt, da wird das Strafrecht auch anzuwenden sein."

Organspendereform: Lesen Sie hier, was das neue Gesetz bringt und was sich zum 1. November ändert.

cib/dpa/dapd

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insgesamt 66 Beiträge
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1. An Ärzte und Politiker :
prontissimo 31.10.2012
Zitat von sysopDPAViele Menschen haben das Vertrauen in das Organspendesystem verloren: Im Oktober kam es erneut zu einem deutlichen Rückgang der Spenderzahlen. Jetzt versuchen Ärzte und Politiker, die Bereitschaft wieder zu erhöhen - und werben kräftig für die neue Regelung, die am Donnerstag in Kraft tritt. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/neues-organspendegesetz-aerzte-und-politiker-ringen-um-vertrauen-a-864564.html
Es hatten hunderttausende Deutscher Vertrauen in die Praxis der Vergabe von Spenderorganen. Warum habt ihr nicht vorher sichergestellt, dass solche Sauereien nicht vorkommen ? Jetzt ist das Gejammer groß. Mit tut jeder leid, der kein Spenderorgan bekommt. Das liegt aber nicht daran, dass nicht mehr gespendet wird. Ihr tragt die Verantwortung wenn deshalb Menschen sterben müssen. Schaltet die verbrecherischen Manipulateuere aus und macht es öffentlich. Eure Krokodilstränen sind sowas von unglaubwürdig.
2. Vertrauen zurückgewinnen - mit Worttricksereien?
kaksi 31.10.2012
Zitat von sysopDPAViele Menschen haben das Vertrauen in das Organspendesystem verloren: Im Oktober kam es erneut zu einem deutlichen Rückgang der Spenderzahlen. Jetzt versuchen Ärzte und Politiker, die Bereitschaft wieder zu erhöhen - und werben kräftig für die neue Regelung, die am Donnerstag in Kraft tritt. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/neues-organspendegesetz-aerzte-und-politiker-ringen-um-vertrauen-a-864564.html
"Jeder, der sich zu Lebzeiten für eine Organspende entscheidet, entlastet seine Angehörigen", sagte er [Bahr]." Und jeder, der sich zu seinen Lebzeiten klar und auch schritlich GEGEN eine Organspende entscheidet, entlastet seine Angehörigen NICHT? Miit solchen Wort-Tricksereien fördern Politiker und Ärztevertreter eher das Misstrauen gegenüber ihren verbalen Bekundungen - und das mit Recht. Die bloße Ankündigung von Sanktionen wirkt ähnlich - kontroproduktiv. Glauben Politiker und Verbandsvertreter eigentlich an ihre eigenen Phrasen?
3. Krähe
allereber 31.10.2012
Ich kenne Ärzte, die würden Diagnoseberichte fälschen um ihre Ärzteinnung zu schützen.
4. wenn ich für den Termin
chemnitz 31.10.2012
eines MRT´s bis zum Januar warten muss frage ich mich ob das System nicht noch mehr korrupt ist als gedacht. Vertrauen gewinnt man nicht Appellen an die Leute sondern mit Transparenz und lückenloser Aufklärung. Es reicht nicht irgendwen zum Sündenbock zu erklären.
5. Ich hatte früher einen Organspendeausweis...
schleppi 31.10.2012
...aber den habe ich inzwischen vernichtet. Ich habe keinen Bock, dass meine verfetteten Organe verkauft werden. Und was ist, wenn ich nach einem Unfall im Krankenhaus liege? Wird da nicht der Stecker gezogen, weil da irgendwo jemand mit einem Bündel von Geldscheinen wedelt? Obwohl ich vielleicht noch ganz ordentliche Chancen auf ein lebenswertes Restleben habe? Bei diesen Verbrechern muss man doch mit allem rechnen.
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Organe als Geschenk: Wie Nieren, Lebern und Herzen Leben retten

Fragen und Antworten zur Organvergabe in Deutschland
Welche Organisationen sind an der Organvermittlung beteiligt?
1997 wurde ein Gesetz verabschiedet, das die Transplantationsmedizin in drei finanziell und organisatorisch unabhängige Bereiche aufteilt: Für die Organisation der Organspende ist die Deutsche Stiftung für Organtransplantation (DSO) zuständig. Die Vermittlung der Organe übernimmt die Stiftung Eurotransplant. Die eigentliche Übertragung des Organs auf den Empfänger findet in den bundesweit rund 50 Transplantationszentren statt.
Wie läuft die Zusammenarbeit?
Besteht bei einem Patienten der Verdacht auf Hirntod, vermittelt ein regionales DSO-Zentrum bei Bedarf unabhängige Neurologen für die Abklärung. Die Stiftung unterstützt die Ärzte außerdem bei der Klärung der Frage, ob der Patient einer Organspende zugestimmt hat oder ob seine Angehörigen dies tun. Dann werden die Daten des gespendeten Organs von der DSO an die Stiftung Eurotransplant übermittelt.
Was ist die Aufgabe von Eurotransplant?
Die Stiftung vermittelt gespendete Organe in sieben europäische Länder mit insgesamt 124 Millionen Einwohnern: Belgien, Deutschland, Kroatien, Luxemburg, Niederlande, Österreich und Slowenien. Eurotransplant sitzt in Leiden in Südholland und führt in ihren Wartelisten rund 15.000 Menschen. Zum Vergleich: 2010 wurden in Zuständigkeitsbereich von Eurotransplant knapp 7000 Lebern, Herzen, Lungen, Nieren und Bauchspeicheldrüsen gespendet und eingepflanzt.
Woher bekommt Eurotransplant seine Informationen?
Bei Eurotransplant läuft alles zusammen: die Daten der Menschen, die auf eine Transplantation warten, und die Daten der gespendeten Organe. Die Informationen über die Wartenden kommen von den Transplantationszentren, die Daten über die Organe von der DSO.
Hängt es vom behandelten Arzt ab, welche Informationen zu Eurotransplant gelangen?
Die Ärzte sind an die "Richtlinien für die Wartelistenführung" der Bundesärztekammer gebunden. Danach ist eine Organtransplantation medizinisch geboten, wenn Erkrankungen "nicht rückbildungsfähig fortschreiten oder durch einen genetischen Defekt bedingt sind und das Leben gefährden oder die Lebensqualität hochgradig einschränken". Weiter heißt es in den Richtlinien: "Die Gründe für oder gegen die Aufnahme in die Warteliste sind von dem darüber zu entscheidenden Arzt zu dokumentieren."
Was hat das mit Eurotransplant zu tun?
Entscheidend bei der Auswahl des geeigneten Empfängers sind die Dringlichkeit der Transplantation und die Erfolgsaussichten. Dafür wird etwa bei Lebertransplantationen aus Laborwerten der sogenannte MELD-Score berechnet. Er ist ein Maß für die Wahrscheinlichkeit des erkrankten Menschen, ohne Transplantation innerhalb der nächsten drei Monate zu sterben.
Wie ist es möglich, dass dabei geschummelt wird?
Dazu sagte der Präsident von Eurotransplant, Bruno Meiser, die Zuordnung der Organe sei jederzeit komplett nachvollziehbar. "Werden die Daten aber gefälscht übermittelt, ist auch Eurotransplant hilflos." Aus seiner Sicht kann aber ein Mensch allein nicht betrügen. "Irgendeinem Kollegen muss zumindest aufgefallen seien, dass Laborwerte unrealistische Schwankungen aufwiesen oder Werte nicht zueinanderpassten."

dapd
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Hirntod
Definition
Der Hirntod bedeutet in Deutschland nach den Richtlinien der Bundesärztekammer, dass alle Funktionen des Großhirns, Kleinhirns und Hirnstamms irreversibel erloschen sind. Nur durch eine kontrollierte Beatmung werden die Herz- und Kreislauffunktionen künstlich aufrechterhalten.
Bestimmung
Bei der Diagnostik müssen zwei erfahrene - von einer etwaigen Transplantation unabhängige - Intensivmediziner den Hirntod bestimmen. Zunächst müssen sie sich versichern, dass eine schwere primäre oder sekundäre Hirnschädigung (Blutung, Verletzung, Infarkt) vorliegt und keine Vergiftung, Drogenwirkung, Schock oder Ähnliches zum Ausfall der Hirnfunktionen geführt haben. Dann testen sie innerhalb von 12, 24 oder 72 Stunden zweimal, ob alle Funktionen, die über den Hirnstamm koordiniert werden, erloschen sind. Dazu zählen etwa der Lidschlussreflex, der Würgereflex, lichtstarre, weite Pupillen und der Ausfall der Spontanatmung. Ergänzend weisen sie mit einem Null-Linien-EEG, der fehlenden Durchblutung der Hirnarterien und mit weiteren speziellen Hirnstrommessungen nach, dass der Hirntod irreversibel eingetreten ist.
Kritik
Die Definition des Hirntods stammt aus dem Jahr 1968, in dem sich in den USA das sogenannte Ad Hoc Committee an der Harvard Medical School gründete. Es befürwortete den irreversiblen Ausfall aller Hirnfunktionen als neue Todesdefinition. Bis dahin war ein Mensch definitionsgemäß tot, wenn sein Herz und Kreislauf unwiederbringlich stillstanden. Kritiker halten entgegen, dass Hirntote noch schwitzen, ausscheiden und unter Umständen sogar ein Kind austragen können. Demnach ist das Gehirn nur eines von mehreren für den Erhalt der Lebensfunktionen wichtigen Organe. Der Deutsche Ethikrat hat im März 2012 vor dem Hintergrund des Transplantationsgesetzes über die Frage "Wann ist ein Mensch tot?" debattiert.
"Herztod"
Im Gegensatz zu Deutschland gibt es in Ländern wie den USA, der Schweiz, den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Österreich, Tschechien, Slowenien, Italien, Spanien und Portugal die Möglichkeit, Menschen unter definierten Umständen nach einem Herzstillstand Organe zu entnehmen - ohne dass ein Hirntod eingetreten oder diagnostiziert wurde. In Deutschland wird diese Praxis der "Non-Heart-Beating-Donors" sowohl von Seiten der Bundesärztekammer also auch der Politik strikt abgelehnt.


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