Eine rätselhafte Patientin Todkrank in den ersten Tagen

Das Baby ist erst gut eine Woche alt, als es lebensgefährlich erkrankt. Auf der Suche nach dem Auslöser inspizieren Mitarbeiter der Gesundheitsbehörde die Küche der Familie - und geben einen ernsten Ratschlag.

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Ein Mädchen kommt gesund nach der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt. Nach zwei Tagen verlassen Mutter und Kind das Krankenhaus, in dem die Entbindung stattfand. Alles scheint gut zu sein.

Doch nur knapp eine Woche später muss das Baby im US-Bundesstaat Indiana zurück in die Klinik. Es isst schlecht, hat eine erhöhte Temperatur von 38 Grad Celsius - und es bewegt sich seltsam. Die Ärzte vermuten Krampfanfälle.

Die Ärzte messen mit einer Elektroenzephalografie (EEG) die Aktivität des Hirns und stellen fest, dass das Neugeborene tatsächlich epileptische Anfälle hat, die von verschiedenen Hirnregionen ausgehen. Eine Magnetresonanztomografie offenbart, dass Hirn- und Rückenmarkshaut angeschwollen sind, und zeigt an manchen Stellen Einblutungen.

Lebensgefährliche Krankheit

Um herauszufinden, was die Beschwerden ausgelöst hat, schicken die Mediziner Blut- und Nervenwasserproben ins Labor.

Allerdings beginnen sie bereits mit der Therapie, bevor die Testergebnisse vorliegen. Denn die grundsätzliche Diagnose ist klar: Das Mädchen hat eine Hirnhautentzündung. Und diese ist lebensgefährlich.

Das Baby erhält zwei verschiedene Antibiotika, weil die Ärzte davon ausgehen, dass Bakterien die Erkrankung ausgelöst haben. Zusätzlich bekommt es sogenannte Antiepileptika, um weitere Krampfanfälle zu verhindern.

Als die Labortests vorliegen, passen die Mediziner die Antibiotikagabe auf den Erreger an: Es ist ein Bakterium namens Cronobacter sakazakii, das die Hirnhautentzündung auslöst, berichtet ein Expertenteam im Wochenreport der US-Seuchenschutzbehörde CDC.

Pumpe, Spüle, Schwamm

Wie hat sich das Mädchen bloß angesteckt? Es wurde ausschließlich von Muttermilch ernährt, entweder hat die Mutter es direkt gestillt, oder es bekam abgepumpte Muttermilch. Die Mutter besitzt eine zugelassene Pumpe, der Flüssigkeit hat sie nie etwas zugesetzt. Sie hat die Pumpe nach jedem Einsatz mit einem Tuch abgewischt. Gelegentlich hat sie die Pumpe auseinandergenommen und mit Wasser und Seife gereinigt oder ausgekocht. Zum Trocknen hat sie die Teile auf ein Handtuch neben der Spüle gelegt.

Mitarbeiter der Gesundheitsbehörde von Indiana nehmen Proben von der Pumpe, von der abgepumpten Muttermilch sowie aus der Küche der Familie - von Oberflächen und Schwämmen etwa. Überall weisen sie Cronobacter sakazakii nach, also die Bakterienart, die sich auch im Nervenwasser des Babys findet.

Wie die Erreger in den Haushalt oder die Muttermilch gelangten, können die Experten zwar nicht klären. Klar ist aber, dass die Mutter die Pumpe offenbar nicht häufig genug ausgekocht hat und sich die Bakterien deshalb in dem Gerät vermehren konnten. Dadurch sind die Bakterien wohl in die Muttermilch gelangt, und das Baby hat sich über die verunreinigte Flüssigkeit angesteckt.

Die Experten warnen anlässlich des Fundes davor, dass sich diese Erreger sehr schnell in abgepumpter Muttermilch vermehren können. Werde Milch abgepumpt, sei es äußerst wichtig, die Pumpe nach jedem Einsatz auseinanderzubauen und per Hand oder im Geschirrspüler zu reinigen. Auch sei es sinnvoll, sie täglich auszukochen - insbesondere, solange das Kind noch keine drei Monate alt ist, wenn es ein Frühchen ist oder ein geschwächtes Immunsystem hat. Das empfiehlt auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Alle Teile der Milchpumpe, die mit Brust und Muttermilch in Berührung kommen, sollten vor dem Abpumpen abgekocht oder auf andere Weise steril gemacht werden.

Für die Patientin in den USA endet der Vorfall zum Glück glimpflich: Nach gut einem Monat können die Ärzte das Baby aus dem Krankenhaus entlassen. Sie behalten das Mädchen allerdings weiter im Blick, weil es einen sehr niedrigen Blutdruck hat und weil sie seine Entwicklung eng begleiten wollen.

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