Therapie gegen Neurodermitis: Raus aus der Juck-Kratz-Spirale

Von Gerlinde Gukelberger-Felix

24 Stunden am Tag quält der Juckreiz: Wer Neurodermitis hat, der leidet. Verschiedene Therapien können helfen, der Spirale aus Jucken und Kratzen zu entkommen. Dabei sollte die Behandlung individuell zugeschnitten sein. Denn nicht alles, was Hilfe verspricht, wirkt auch wirklich.

Entzündeter Kinderarm: 10 bis 20 Prozent aller Kinder sind betroffen Zur Großansicht
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Entzündeter Kinderarm: 10 bis 20 Prozent aller Kinder sind betroffen

Die Haut ist trocken und gerötet, sie fühlt sich rau an, meist kommt noch eine Entzündung hinzu. Neurodermitis lässt sich nicht verbergen. Doch das Schlimmste an der Krankheit ist der allgegenwärtige Juckreiz. 24 Stunden am Tag kribbelt es, oft schon im Säuglingsalter. Der unerträgliche Juckreiz treibt die Betroffenen zu Kratzanfällen, die Beschwerden werden dadurch nur noch schlimmer. Eine fatale Spirale aus Jucken und Kratzen beginnt.

Etwa 10 bis 20 Prozent der Kinder und 2 bis 3 Prozent der Erwachsenen in den Industrieländern leiden unter der chronisch-entzündlichen Hautkrankheit, auch atopische Dermatitis oder atopisches Ekzem genannt. In den nächsten Jahren wird die Zahl der betroffenen Erwachsenen noch weiter zunehmen: "Ende des letzten Jahrtausends ist die Zahl der Kinder mit Neurodermitis stark angestiegen. Etwa die Hälfte von ihnen nimmt die Erkrankung mit ins Erwachsenenalter", sagt der Dermatologe Johannes Ring, Direktor der Hautklinik der TU München.

Viele Mittel halten nicht, was sie versprechen

Heilen können Mediziner die Krankheit bislang nicht, doch es gibt mehrere Therapiemöglichkeiten. Der Nutzen ist allerdings längst nicht bei allen belegt. So werden etwa Borretsch- und Nachtkerzenöl als hilfreiche Mittel gegen Neurodermitis angepriesen. In den aktuellen Leitlinien tauchen sie bisher jedoch weder als Nahrungsergänzungsmittel noch zur Anwendung auf der Haut auf. US-Dermatologen haben jetzt 27 Studien zu diesen Ölen als Nahrungsergänzungsmittel mit fast 1600 Patienten analysiert. Das in der Cochrane Library nachzulesende Ergebnis ist ernüchternd.

Bei der oralen Einnahme konnten die Forscher in den Untersuchungen keinen Nutzen der beiden Öle finden, der über den von Oliven- und Paraffinölen hinausging - die beiden wurden als Placebo eingesetzt. Allerdings führten Borretsch- und Nachtkerzenöl zu Magen-Darm-Beschwerden und Kopfschmerzen. Ring möchte dennoch nicht grundsätzlich von den Stoffen abraten: "Auch wenn die Metaanalyse für die orale Einnahme negativ war, muss man sagen, dass es Menschen mit trockener Haut gibt, denen die beiden Öle bei rein äußerlicher Anwendung zumindest teilweise helfen", so Ring. Auch Waltraud Anemüller, Oberärztin an der Lübecker Universitätshautklinik, hat mit der Beimischung von ungesättigten Fettsäuren etwa durch Nachtkerzenöl in Cremes oder Salben gute Erfahrungen gemacht.

Basistherapie hilft der Haut, sich zu schützen

Bei vielen anderen Therapieformen ist die Wirksamkeit klarer belegt. Dennoch gibt es nicht die "eine" Therapie für Neurodermitis, da sich die Krankheit von Fall zu Fall stark unterscheiden kann. So kommen etwasehr unterschiedliche Ursachen und Auslösefaktoren für die schubförmig verlaufende Hauterkrankung in Frage. Nur wer die Auslöser für seine Hautkrankheit kennt, kann sie auch meiden. Eine umfassende Diagnose ist äußerst wichtig. "Das hat den positiven Effekt, dass weniger antientzündliche Medikamente nötig sind", sagt Dermatologe Ring.

Grundlage aller Behandlungen ist eine Basistherapie, die auch in der beschwerdefreien Zeit angewendet wird und die trockene Haut mit Fett und Feuchtigkeit versorgt. Dadurch hilft sie unter anderem, die Schutzfunktion der Haut aufrechtzuerhalten und Bakterien, Viren, Pilze und Allergene abzuwehren. "Auch die Intensität der Schübe wird verringert", sagt Anemüller. Die Basispflege solle individuell auf den Patienten zugeschnitten werden, rät Ring. Außerdem ist laut Anemüller entscheidend, dass sie täglich erfolgt: "Dabei gibt es auch sehr gute preiswerte Produkte ohne Duft- und Konservierungsstoffe", sagt die Ärztin.

Anemüller rät außerdem zu feuchten Schlauchverbänden, die wie ein Strumpf übergezogen werden können. Sie können den Juckreiz stillen. "Auch Umschläge mit Schwarztee haben sich bewährt", sagt sie. Eine stärkere Wirkung entfalten Cremes und Salben mit Desinfektionsmitteln oder antibiotischen und antimykotischen Wirkstoffen.

Vor allem die Entzündung muss gestoppt werden

Bei akuten Schüben sollte außerdem die Entzündung gestoppt werden. Dabei sind niedrig dosierte entzündungshemmende Kortisonpräparate nach wie vor die Mittel der Wahl. "Sie sind sehr wirksam, begünstigen allerdings eine vorzeitige Hautalterung. Bei rein äußerlicher Anwendung bleiben aber alle anderen gefürchteten Kortisonnebenwirkungen wie zum Beispiel ein gestörter Zuckerstoffwechsel aus", sagt Ring. "Trotzdem sollte Kortison nicht dauerhaft, sondern nur bei akuten Schüben, nur in niedrigen Dosierungen und nicht im Gesicht verwendet werden." Im Gesicht helfen oft Umschläge mit schwarzem Tee und Kochsalz.

Eine Alternative zu Kortison sind für manche Patienten entzündungshemmende Calcineurin-Inhibitoren wie Tacrolimus-Salbe (Protopic) und Pimecrolimus-Creme (Elidel). Ihre Wirkung ist im Vergleich zu den Kortisonmitteln allerdings etwas schwächer. Dafür sind sie auch im Gesicht und bei einer langfristigen Therapie einsetzbar, allerdings nicht ununterbrochen. Beide Wirkstoffe hemmen die Aktivität des Immunsystems, schwächen dadurch die Reaktion auf Fremdstoffe und lindern den Juckreiz. Immungeschwächte und Hautkrebs-Patienten dürfen die Mittel nicht anwenden. Erkrankungsschübe werden hinausgezögert. "Langzeitnebenwirkungen sind in über 15-jährigen Nachbeobachtungsstudien nicht aufgetreten", sagt Dermatologe Ring.

Bei schwerer Neurodermitis eignen sich auch Wirkstoffe wie Ciclosporin und Azathioprin, die das Immunsystem unterdrücken. Antihistaminika sind dagegen bei der Hautkrankheit eher wirkungslos. Bei vielen Kleinkindern verschwindet die Krankheit in den ersten Lebensjahren auch wieder von selbst. Wer schwer erkrankt ist, sollte aber keine Scheu haben, sich zusätzlich psychologisch beraten zu lassen. Neurodermitis kann sehr belastend sein. Es ist erwiesen, dass verhaltenstherapeutische Ansätze beim Umgang mit der Krankheit helfen können.

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1. Eigene Erfahrung
PH-sauer 21.05.2013
Zitat von sysop24 Stunden am Tag quält der Juckreiz: Wer Neurodermitis hat, der leidet. Verschiedene Therapien können helfen, der Spirale aus Jucken und Kratzen zu entkommen. Dabei sollte die Behandlung individuell zugeschnitten sein. Denn nicht alles, was Hilfe verspricht, wirkt auch wirklich. Neurodermitis: Was man gegen das Jucken und Kratzen tun kann - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/neurodermitis-was-man-gegen-das-jucken-und-kratzen-tun-kann-a-900337.html)
Ich hatte selbst Neurodermitis, an den Gelenken, seit Jahren ist aber Schluss. Ich habe irgendwann sämtliche Behandlungsmaßnahmen am Ende abgebrochen und folgendes: - Licht und vor allem Luft sind gut für die Haut. Keine Kleidung tragen, die abschnürt und den Luftaustausch verhindert. Zuhause Jogginghosen tragen ist gut. - Im Winter Milchprodukte meiden (Frischmilch, Joghurt, Frischkäse, Quark). Nach Erfahrungsaustausch mit andreen Betroffenen, weiß ich das frische Milchprodukte Neurodermitis fördern, komischer Weise im Winter stärker! - Stressbewältigung und zwar nachhaltige Stressbewältigung ist unerlässlich. Dinge, die einen in der Seele quälen spiegeln sich auf der Haut wider. - Waschmittel bewußt überprüfen! Eher heiß Wäsche waschen. - Außerdem glaube ich fest, daß Milben, aufgrund der allergenen Wirkung der Ausscheidungen, bestehende Neurodermitisschübe anheizen. Eine Latexmatratze hilft weiter. Fragen Sie den schwedischen Möbelhändler Ihres Vertrauens nach einer preiswerten neuen Matratze.
2. Juckreiz-mindern
sponegy 21.05.2013
Mich hat es auch fast exakt 18 Jahre meines Lebens geplagt. Zynischer weise war es nach 17 jahren und 9 monaten dann schlagartig vorbei. Während ich circa 12 Jahre lang eine homöopathische Behandlung gemacht habe, in dem sich stetig das Ekzem verringert hat, kam mein Arzt mal auf den Gedanken das "MeineBase" von P. Jentschura aus zuprobieren, da ein Test ergeben hat, dass mein pH-Wert auf der Haut wohl zu gering/hoch war. Nach circa 3 Monaten intensiver Nutzung sah anschließend mein Hautbild vollkommen in Ordnung aus und auch ein erneutes Auftreten blieb aus. Jetzt reicht es in unregelmäßigen Zeiten/nach Bedarf darin zu baden. Was mir persönlich während der extremen Schreckenszeit geholfen hat, war neben den verbinden der Stellen auch einen Kühlakku nachts immer parat zu haben, um diesen dann auf die juckenden Stellen legen zu können. Das hat für mich auch sehr mindernd gewirkt. Das einzig "gute", das ich aus der Ekzemzeit mitgenommen habe, ist mich körperlich sehr unangenehmen Situationen aussetzen zu können, ohne dass es mich groß mehr stört. Ob das jetzt positiv oder negetiv ist, muss jeder für sich entscheiden. Aber wer Neurodermitis hat, wird wohl eh eine Masochistische Ader bekommen...
3. Heilen können Sie es nicht, aber
tomatosoup 21.05.2013
... aber deutlich lindern. Einmal im Jahr für sechs Wochen ans Tote Meer.
4.
markuser 21.05.2013
Zitat von PH-sauerIch hatte selbst Neurodermitis, an den Gelenken, seit Jahren ist aber Schluss. Ich habe irgendwann sämtliche Behandlungsmaßnahmen am Ende abgebrochen und folgendes: ... - Außerdem glaube ich fest, daß Milben, aufgrund der allergenen Wirkung der Ausscheidungen, bestehende Neurodermitisschübe anheizen. Eine Latexmatratze hilft weiter. Fragen Sie den schwedischen Möbelhändler Ihres Vertrauens nach einer preiswerten neuen Matratze.
Jeder Neurodermitiker reagiert anders. Seitdem ich jegliche Art von Dufstoffen und chem. Aerosolen (Waschmittel, Deo, neue Möbel) meide und immer das Fenster auf habe, habe ich weder Neurodermitis noch Asthma. Musste natürlich extra umziehen, weil meine Nachbarn beide Raucher waren und ich so selten lüften konnte. Dazu creme ich mich jeden Tag mit einer selbst hergestellten Basiscreme ein. Hat aber auch 24 Jahre gedauert und einige Kuren, Therapien und Ärzte gebraucht bis ich meine eigene Therapie zusammen hatte.
5. Wenn man erst mal merkt...
bully009 21.05.2013
..., dass die Auswirkungen auf der Haut nur ein Symptom sind und die Ursache eigentlich ganz woanders liegt, fällt es einem gleich leichter etwas dagegen zu unternehmen. Tatsächlich liegt die Ursache der Neurodermitis im Stoffwechsel der nicht vernünftig funktioniert. Ab dem Zeitpunkt wo ich meinen Stoffwechsel wieder auf die Reihe bekommen habe, war auch meine Neurodermitis (sowie größtenteils meine Pollenallergie) weg. Seit mittlerweile 8 Jahren lebe ich dank Aloe-Vera Trinkgel Beschwerdefrei.
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  • Gerlinde Gukelberger-Felix hatte bereits während ihres Physikstudiums in Karlsruhe und den USA mit Biologie und Medizin zu tun. Sie arbeitet als freie Wissenschafts- und Medizinjournalistin.

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Neurodermitis im Überlick
Kurz erklärt
Neurodermitis (atopische Dermatitis) ist eine der häufigsten Erkrankungen der Haut. Laut dem Deutschen Neurodermitis Bund (DNB) sind in Deutschland rund fünf Millionen Menschen betroffen. Oft tritt die Krankheit schon im Kleinkindalter auf. Sie äußert sich durch sehr trockene, empfindliche Haut, entzündliche Ekzeme und starken Juckreiz.

Neurodermitisschübe werden durch verschiedene Faktoren ausgelöst: Ungeeignete Hautreinigungs- und Pflegepräparate oder raue Kleidung reizen die empfindliche Haut ebenso wie Hitze oder Kälte. Auch Infekte oder emotionale Belastungen können einen Schub der Erkrankung auslösen.

Früh gezeichnet
Menschen mit Hauterkrankungen wie Neurodermitis leiden schon im Kindesalter häufiger unter psychischen Problemen. Das stellten Forscher fest, als sie rund 3000 Kinder über einen Zeitraum von zehn Jahren beobachteten. Wer schon als Kleinkind von Hautekzemen geplagt worden war, wies mit zehn Jahren vermehrt Verhaltensauffälligkeiten auf.

Quelle: Schmitt, J. et al.: Infant Eczema, Infant Sleeping Problems, and Mental Health at 10 Years of Age: The Prospective Birth Cohort Study LISAplus. In: Allergy 66, S. 404 - 411, 2011

Haut im Stress

Psychische Belastungen können Hauterkrankungen verschlimmern. Das wirkt sich wiederum negativ auf das Wohlbefinden aus.

Über ein kompliziertes Wechselspiel von Nerven- und Immunsystem begünstigt chronischer Stress die Entstehung von Entzündungen in der Haut.

Psychosomatische Behandlungsansätze können den Teufelskreis aus seelischer Belastung und Hautbeschwerden durchbrechen.

Entspannung für gestresste Haut

In speziellen Schulungsprogrammen lernen Neurodermitispatienten, wie sie ihre Haut schonen und den Juckreiz reduzieren können.

Reinigen und pflegen Sie die Haut besonders sanft.

Meiden Sie gerade in psychischen Belastungssituationen Reizungen durch Sonne, Hitze, Kälte und Schadstoffe.

Heftiges Kratzen schädigt die Haut zusätzlich. Versuchen Sie, quälenden Juckreiz durch Pusten oder mit einer kühlenden Lotion zu lindern. Massieren oder kneten Sie juckende Haut, statt zu kratzen.

Sport und Spaziergänge an der frischen Luft helfen, Spannungen abzubauen.

Versuchen Sie, überhöhten Leistungsdruck zu reduzieren, und entwickeln Sie Bewältigungsstrategien für psychische Belastungen.

Auch Entspannungsverfahren wie autogenes Training, Meditation oder Joga können sich günstig auswirken.