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Lehrbuchmeinung überholt: Urin ist doch nicht steril

Urinprobe (zur Dopingkontrolle, Archivbild): "Ärzte haben gelernt zu glauben, dass Urin normalerweise keimfrei ist" Zur Großansicht
picture-alliance / dpa/dpaweb

Urinprobe (zur Dopingkontrolle, Archivbild): "Ärzte haben gelernt zu glauben, dass Urin normalerweise keimfrei ist"

Urin von Gesunden ist steril: So heißt es zwar, doch das scheint laut aktuellen Untersuchungen nicht zu stimmen. Aber was bedeutet es, wenn sich in der Flüssigkeit häufiger Bakterien finden als gedacht?

"Normalerweise ist der ausgeschiedene Urin keimfrei" - das lässt sich beispielsweise auf der Webseite von Berufsverband und Gesellschaft der deutschen Urologen nachlesen. "Wenn sich Bakterien in den Harnwegen befinden, nennt man das Harnwegsinfekt", heißt es dort.

Ein Team von US-Forschern berichtet jedoch anderes: Auch im Urin gesunder Frauen finden sich Bakterien, erklärten die Wissenschaftler kürzlich auf einem Kongress der US-amerikanischen Mikrobiologen.

Bereits 2012 vermeldete das Team um Linda Brubaker von der Loyola University in Chicago, Illinois, dass sie im Urin von Frauen Bakterien entdeckt hätten, die in Standardtests unbemerkt bleiben. Sie wiesen die Mikroorganismen unter anderem durch Erbgutanalysen nach. Im Gegensatz zu den bekannten Keimen, die sich etwa bei Blasenentzündungen im Urin finden, würden diese Bakterien im Labor unter den üblichen Bedingungen nicht wachsen - was erklärt, warum man sie bisher bei Urinanalysen übersehen hat.

"Ärzte haben gelernt zu glauben, dass Urin normalerweise keimfrei ist. Unsere Ergebnisse widersprechen dieser Aussage", sagt Brubaker. "Damit eröffnen sich neue Möglichkeiten, Patienten zu behandeln."

"In der Praxis egal"

Die Wissenschaftler vermuten, dass die bisher unerkannten Mikroorganismen dazu beitragen, dass manche Frauen eine überaktive Blase entwickeln. Hinreichend belegt haben Brubaker und Kollegen diese These allerdings noch nicht.

Dass der Urin von Gesunden Keime enthält, ist im Prinzip nicht überraschend: Bakterien finden sich unter anderem im Mund, auf der Haut, in Magen und Darm - warum also nicht auch in der Blase?

Wolfgang Bühmann, Pressesprecher des Berufsverbands der Deutschen Urologen, ordnet das Ergebnis pragmatisch ein, auch wenn es aus wissenschaftlicher Sicht interessant sei: "Ob der Urin nun steril ist oder nicht, ist mir in der Praxis egal. Ich würde ja niemanden behandeln, der keine Symptome hat, sondern nur Bakterien im Urin." Das wichtigste Symptom bei einer Blasenentzündung sei der Schmerz beim Wasserlassen. Anwesenheit und Anzahl bestimmter Keime sei lediglich eine ergänzende Diagnostik.

Er weist jedoch auf etwas hin, das die US-Forscher ebenfalls thematisiert haben: Dass es bei Frauen besser ist, eine Urinprobe per Einmalkatheter direkt aus der Blase zu nehmen, damit der Urin nicht durch harmlose Scheidenbakterien verunreinigt wird und der Arzt eine falsche Diagnose stellt. "Würde das regelhaft beherzigt, könnten eine Menge Antibiotika und die damit verbundenen Nachteile eingespart werden", sagt der Urologe.

Wird eine Blasenentzündung diagnostiziert, verschreiben Ärzte meist ein Antibiotikum. "Da unkomplizierte Blasenentzündungen in gut 80 Prozent der Fälle innerhalb von fünf bis sieben Tagen von selbst abklingen, muss man aber nicht sofort zum Antibiotikum greifen", sagt Bühmann. "Auch pflanzliche Mittel können den Heilungsprozess fördern." Antibiotika verkürzen allerdings die Leidensdauer am stärksten - die Schmerzen verschwinden nach der Einnahme normalerweise innerhalb von ein bis drei Tagen.

Wie akute Blasenentzündungen behandelt werden und welche Möglichkeiten der Vorsorge es gibt, fasst gesundheitsinformation.de zusammen.

wbr

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1. Wie schnell man sich auch als Fachmann
zeitmax 26.05.2014
...irren kann: " SPIEGEL ONLINE: Es gibt Leute, die regelmäßig ihren Urin trinken, weil sie sich davon heilende Wirkung erhoffen. Wie ist das aus ärztlicher Sicht zu bewerten? Bickel: Über den Urin scheidet der Körper Produkte aus, die er nicht mehr benötigt. Es ergibt daher aus meiner Sicht wenig Sinn, diese dem Körper wieder zuzuführen. Meines Wissens gibt es keine einzige Studie, die einen heilenden Effekt dieser sogenannten Urintherapie belegt. SPIEGEL ONLINE: Ist das dann bestenfalls harmloser Blödsinn? Oder kann man sich damit auch schaden? Bickel: Sofern kein Infekt vorliegt, ist Urin normalerweise steril. Wenn er aber länger irgendwo steht, besteht die Möglichkeit einer bakteriellen Kontamination. " (aus dem Nachbarthread "Urintherapie")
2. Evidenzbasierte Medizin und wisschenschaftliche Methode
D.Fronath 26.05.2014
Medizin ist im Vergleich mit anderen Fachrichtungen noch nicht all zu lange eine Wissenschaft sondern (auch heute noch häufig) eine Kunst. Da ist es nicht verwunderlich, dass sich eine Mythen als "gesicherte Erkenntnisse" noch immer hartnäckig halten. Trotzdem hat die Medizin großartige Fortschritte gemacht. Zum Glück sind Aussagen wie "Urin ist steril" und "Zahnseide verringert Karriesrisiko und Plaqubildung" relativ harmlos. Homöopathie und Narungmittelergänzungen sind da schon eher grenzwertig, aber verwässern das allgemeine Bewusstsein dafür, was Medizin und Menscheit weiterbringt und was einfach nur nicht massiv schädlich ist. Und bei "alternative Krebsheilverfahren" u.ä. muss man genau hinsehen und handeln. Nur draufschreiben, dass man wissenschaftlich arbeitet alleine hilft allerdings wenig. Systematische Übersichtsarbeiten in den Bereichen Medizin und Psychologie zeigen häufig eine viel zu hohe "nutzlos"-Rate bei Versuchen und Studien. Da muss bei der medizinischen Ausbildung mehr drauf geachtet werden und Fehlverhalten stärker geahndet vielleicht auch geächet werden. Jedem einzelnen Mediziner, gerade den eingesessenen praktischen Medizinern kann man kaum einen Vorwurf machen. Pauschale Aussagen wie "Das haben wir schon immer so gemacht" und "Wer heilt hat recht" greifen aber zu kurz, ebenso wie der Rückzug auf Positionen wie "ja genau, der Placeboeffekt, genau um den geht es doch" bei Methoden, die sich allermindestens in der beschriebenen Form als wirkungslos erwiesen haben. Genauso sind Angriffe wie "die wollen doch nur ihre Mittelchen verschreiben" und "die Pharmalobby unterdrückt alternative Methoden" kein Argument gegen die Forderung nach rigorosen, wissenschaftlich stichhaltigen Tests und Metaanalysen. Ja, dabei bleiben einige heilige Kühe auf der Strecke, aber eben auch genauso unwirksame neue Methoden und Medikamente. Mehr wissenschaftliche Methode, etwas mehr Bayes, mehr Evidenz.
3. Sorry...
fatherted98 26.05.2014
...aber mir erschließt sich der tiefere Sinn dieses Artikels nicht. Bakterien im Urin...ok...aber nur schwer nachweisbar...nicht gefährlich....Bakterien die im Urin nachweisbar sind machen Harnweginfekte....die dann mit Antibiotika behandelt werden oder auf herkömmliche Art mit viel trinken und Wärme...hmm....nur was hat das denn mit den neu endeckten Bakterien zu tun? - Neue Behandlungsmethoden...bei was, für was, wie?
4. Zahlenwert entscheidet
karl_wulff 26.05.2014
Wenn die Keimzahl im Urin unterhalb eines bestimmten Wertes liegt, ist er "steril" oder gesund. Eine Keimzahl von Null gibt es in einer natürlichen Probe aus Lebewesen nicht. Menschlicher Speichel kann bis zu 500 verschiedene Mikroben enthalten. Er ist im höchsten Grade infektiös. Plakativ gesagt, Zahnarzt sein ist gefährlicher als Proktologe, zumal der Zahnarzt beim Bohren Aerosole erzeugt.
5. zu D.Fronath
katerpudy 26.05.2014
Letzter Satz: "Mehr wissenschaftliche Methode, etwas mehr Bayes, mehr Evidenz". Was, bitte schoen, meinen Sie mit "Bayes"?
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