Medizin-Nobelpreis 2017 US-Forscher entschlüsseln unsere innere Uhr

Sie haben Mechanismen zum Tag-Nacht-Rhythmus ergründet und gelernt, unsere innere Uhr zu lesen: Drei US-Wissenschaftler werden mit dem Nobelpreis für Medizin oder Physiologie 2017 geehrt.

Jeffrey C. Hall, Michael Rosbash and Michael W. Young (von links nach rechts) im September 2013
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Jeffrey C. Hall, Michael Rosbash and Michael W. Young (von links nach rechts) im September 2013


Es ist die höchste Auszeichnung für Wissenschaftler: Die drei US-Forscher Jeffrey C. Hall, Michael Rosbash und Michael W. Young erhalten den diesjährigen Nobelpreis für Medizin oder Physiologie. Sie werden für die Erforschung der inneren Uhr geehrt. Diese hilft nicht nur Menschen, sondern auch Tieren und Pflanzen, ihr Leben auf der Erde zu steuern.

Alles Leben auf der Erde sei an die Rotationen unseres Planeten angepasst, heißt es in der Pressemitteilung des Nobelpreiskomitees. Die Entdeckung der drei Forscher erkläre, wie Lebewesen ihr Dasein mit der Drehung der Erde synchronisieren. Dabei lernten die Wissenschaftler vor allem von einem winzigen Lebewesen, das für die Forschung extrem wichtig ist: die Fruchtfliege.

In einem ersten Schritt isolierten sie ein Gen der Insekten, das den Tag-Nacht-Rhythmus steuert. Dabei stießen die Forscher auf ein Protein, das die Zellen der Fliegen während der Nacht anhäufen - und das im Laufe des Tages wieder schwindet. Anschließend entdeckten sie weitere Komponenten dieses Systems. "Heute wissen wir, dass biologische Uhren bei Organismen mit mehreren Zellen immer nach diesem gleichen Prinzip funktionieren - auch beim Menschen", heißt es in der Pressemitteilung.

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Nobelpreis für Medizin 2017: Freude im Morgenmantel

Steuerung von Schlaf, Hormonen, Körpertemperatur

Die innere Uhr ist extrem wichtig fürs Überleben. Sie steuert unser Verhalten, indem sie uns abends müde macht und das Bett herbeisehnen lässt. Daneben hat sie Einfluss auf die Ausschüttung von Hormonen, den Schlaf, die Körpertemperatur und den Stoffwechsel. Am schnellsten lässt sich ihre Bedeutung spüren, wenn der Rhythmus bei einer Reise durch die Zeitzonen aus dem Takt gerät. Dann passen die Umgebung und der innere Rhythmus nicht mehr zusammen, es kommt zum Jetlag.

Kommt die innere Uhr aufgrund unseres Lebensstils - etwa bei Schichtarbeitern - dauerhaft aus dem Takt, steigt das Risiko für verschiedene Krankheiten. So werden unter anderem Zusammenhänge mit Brustkrebs, Herz-Kreislauf-Leiden und einer verminderten Fruchtbarkeit diskutiert.

Oft warten Wissenschaftler Jahrzehnte, bis ihre Forschung mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wird. Auch die Arbeiten, die zu der diesjährigen Ehrung führten, fanden vor allem in den Achtziger- und Neunzigerjahren statt. Dafür können sich die Gewinner auch Jahre nach ihren Entdeckungen über ein hohes Preisgeld freuen: In der Kategorie Medizin oder Physiologie erhalten sie insgesamt neun Millionen schwedische Kronen, das entspricht fast 940.000 Euro.

Hall wurde 1945 in New York geboren, Rosbash 1944 in Kansas City und Young 1949 in Miami. Hall ist mittlerweile emeritierter Professor der Brandeis University in Waltham, Massachusetts und der University of Maine bei Bangor. Rosbash hingegen arbeitet noch als Professor an der Brandeis University. Auch Young übt noch einen Professoren-Job aus, er ist an der Rockefeller University in New York City angestellt.

Geheimes Treffen am Morgen

Die Verkündung des Nobelpreises wird auch von Experten mit Spannung erwartet, vorhersehbar ist die Auszeichnung fast nie. Erst am Morgen vor der Verkündung setzen sich 50 Professoren der Nobelpreis-Gruppe am Karolinska Institut zusammen, um über den Preisträger zu entscheiden. Als Grundlage dient ihnen eine Liste von Vorschlägen. Es gebe sehr viele tolle Entdeckungen - und sei deshalb oft schwer, zwischen den Vorschlägen zu wählen, erklärt Göran Hansson, ehemaliger Sekretär des Nobelpreiskomitees für Physiologie oder Medizin.

In der Diskussion aber zeichne sich oft ab, wer den Preis dieses Jahr besonders verdient habe. Fast unmittelbar, nachdem das Komitee den Preisträger gewählt hat, folgt die Pressekonferenz. So besteht keine Gefahr, dass die Neuigkeit schon vor der offiziellen Verkündung bekannt wird. Nur für eine Sache muss vorher noch Zeit sein: den Anruf bei den Preisträgern. Dieses Jahr hatte der Leiter des Nobelpreiskomitees nur bei zwei der Ausgezeichneten Glück, Young ging nicht ans Telefon.

Vergangenes Jahr wurde der Zellbiologe Yoshinori Ohsumi vom Tokyo Institute of Technology mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet. Der 71-Jährige erforscht Abbau- und Recyclingprozesse im menschlichen Körper. Bei der von ihm entschlüsselten sogenannten Autophagie zerlegt die Zelle eigene Bestandteile und verwertet sie. Diese Vorgänge sind lebensnotwendig und finden ständig statt, um etwa geschädigte oder funktionslose Proteine aus dem Verkehr zu ziehen.

Hinweis: Die Höhe des Preisgeldes wurde auf den richtigen Wert korrigiert.

irb



insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
carinanavis 02.10.2017
1. typical bias
for us scientists. I bet that at least Germans French or Japanese had similar resukts that were not considered for the prize.
Mr T 02.10.2017
2.
Was wussten die Chinesen? die physiolischen Grundlagen der Chronobiologie? Das waere mir neu...
whoispaul 02.10.2017
3. deshalb
Schluss mit der Zeitumstellung! Boykottiert den Scheiß!
Qual 02.10.2017
4. Weit weg
Seit wenigstens 25 Jahren versuche ich so etwas wie einen Tag- Nacht-Rhythmus hinzubekommen. Ohne Erfolg. Meine innere Uhr hat einen 24h und etwa 30Minuten Tag(Das ist nicht wirklich zu präzisieren.). Schon in meiner Kindheit viel das auf wurde aber nicht beachtet. Es sah sogar aus als ob ich dumm wäre. Wer müde ist, lernt gewöhnlich schlecht. Bis ich mein Leben an diesen Rhythmus angepasst habe. Das ist in unserer Welt ein Absurdum, denken Sie nur mal an Ihre Termine! Jedenfalls habe ich meinen Schulabschluss fast nebenbei von 3,5(und da war viel Gutwill bei) auf 1,5 verbessert. Aber die Lebensgestaltung ist immer noch absurd aufwendig. Also wofür genau haben diese Leute nochmal den Nobelpreis bekommen?!
kalif1978 02.10.2017
5. Merkwürdig
Nicht selten habe ich davon gelesen, das der Mensch keinen 24std. Rythmus hat sondern einen 26-28 std Tag-Nacht Zyklus. Es variiert da schon ein wenig. Z.b gab es da mal einen Versuch, wo Leute in einer Umgebung waren, wo man nicht wusste ob es Tag oder Nacht ist. Und es soll sich bei ihnen ein ungefährer 26 std zyklus entwickelt haben. Hab den Link jetzt nicht auf die schnelle gefunden, aber selber suchen hält die grauen Zellen auf trab.
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