Transplantations-Pionier Murray: Vom Lazarett zum Nobelpreis

Joseph E. Murray (rechts): Mit dem Spender der ersten erfolgreichen Nierentransplantation Ronald Herrick im Jahr 2004 Zur Großansicht
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Joseph E. Murray (rechts): Mit dem Spender der ersten erfolgreichen Nierentransplantation Ronald Herrick im Jahr 2004

Joseph Murray transplantierte 1954 erstmals eine Niere, seitdem wurde Tausenden Patienten so das Leben gerettet. Die Idee zu der Behandlung kam dem Mediziner im Zweiten Weltkrieg - bei der Beobachtung von Brandopfern. Nun ist der Vater der Transplantationsmedizin mit 93 Jahren gestorben.

Die fünfziger Jahre waren die Sturm-und-Drang-Zeit der Chirurgie: Erstmals wurde bei einem Patienten das Herz gestoppt und wieder angeworfen (1952), erstmals übernahm eine Herz-Lungen-Maschine Atmung und Kreislauf eines Patienten (1953), und schließlich versuchte sich eine Reihe von Ärzten daran, erfolgreich Organe von einem Menschen in den anderen zu transplantieren.

Allerdings gab es dabei ein großes, lange Zeit unlösbares Problem: Das körpereigene Abwehrsystem des Empfängers erkennt das Spenderorgan als fremd und bekämpft es. Ohne wirksames Gegenmittel stößt der Körper das Organ ab, schlimmstenfalls stirbt der Patient sofort.

Dem jetzt im Alter von 93 Jahren gestorbenen Bostoner Chirurgen Joseph Murray gelang es 1954 erstmals erfolgreich, ein Organ zu transplantieren, das nicht abgestoßen wurde. Im Gegenteil: Der bei der Operation 23-jährige Richard Herrick, dem Murray die Niere seines Zwillingsbruders Ronald einpflanzte, lebte noch acht Jahre lang mit seinem neuen Organ weiter. Ein großer Erfolg vor dem Hintergrund, dass die Lebenserwartung von Patienten mit versagenden Nieren ohne Ersatzorgan dramatisch kurz ist.

"Nierentransplantationen wirken heute so normal"

"Nierentransplantationen wirken heute so normal", sagte Murray der New York Times. "Doch die erste war wie Lindberghs Flug über den Ozean."

Gemeinsam mit Kollegen experimentierte Murray in den frühen fünfziger Jahren zunächst mit Hundenieren und übertrug das Wissen auf den Menschen. Im Dezember 1954 schließlich fanden sie in dem 23-jährigen Richard Herrick den richtigen Patienten für einen erneuten Versuch. Der junge Mann litt unter Nierenversagen im Endstadium - und hatte einen eineiigen Zwillingsbruder, Ronald Herrick. Damit fiel das größte Hindernis einer erfolgreichen Transplantation weg: Die Abstoßungsreaktion des Immunsystems. Weil eineiige Zwillinge sich genetisch gleichen, stuft das körpereigene Abwehrsystem ein Zwillingsorgan nicht als fremd ein.

Tatsächlich lebte Richard Herrick dank der Transplantation noch acht Jahre lang, heiratete eine Krankenschwester, die er im Peter Bent Brigham Hospital kennengelernt hatte, das Paar bekam zwei Kinder. "Nach der Operation funktionierte die transplantierte Niere sofort, Nieren- und Herz-Kreislauf-Zustand des Patienten besserten sich dramatisch", sagte Operateur Murray in der Dankesrede für seinen Nobelpreis. "Dieser spektakuläre Erfolg war ein klarer Beweis, dass die Organtransplantation Leben retten konnte."

Kritik: Unzulässige Eingriffe in die Natur

Murray selbst operierte in den Jahren darauf mehrere eineiige Zwillinge und versuchte sich auch an Nierentransplantationen enger Verwandter, darunter zweieiige Zwillinge. Dabei sammelte er Erfahrungen, wie sich das Immunsystem so unterdrücken lässt, dass es auch fremde Organe nicht abstößt. Bereits 1959 gelang ihm die erfolgreiche Transplantation einer Niere des zweieiigen Zwillingsbruders eines Patienten mit Hilfe einer Bestrahlung und einer Knochenmarktransplantation - der Empfänger lebte 29 Jahre weiter.

Um Anerkennung musste Murray lange kämpfen: In den fünfziger Jahren kritisierten Ethiker und Theologen noch die Versuche, Menschen durch die Transplantation von Organen zu retten: Die Mediziner würden unzulässig in die Natur eingreifen. Manche sagten, "wir würden Gott spielen und wir sollten keine solchen, Zitat, Experimente an Menschen durchführen", erzählte Murray 2004 in einem Interview. Im hohen Alter sprach sich der Mediziner konsequenterweise für die bis heute umstrittene Stammzellforschung aus.

Schließlich kam allerdings doch die Ehrung, im Jahr 1990 erhielt Murray den Medizin-Nobelpreis für seine Pionierarbeit, er teilte sich die Auszeichnung mit Edward Donnall Thomas, der für seine Leistungen bei Knochenmarktransplantation gegen Leukämie ausgezeichnet wurde. Jetzt ist er am Montag, wenige Tage nach einem Schlaganfall in dem Bostoner Krankenhaus, dem heutigen Brigham and Women's Hospital, gestorben, in dem er 1954 die Nierentransplanation durchgeführt hatte.

Die Lösung: Idee im Kriegs-Krankenlager

Sein Interesse an der Transplantationsmedizin entdeckte Joseph Murray während seiner Zeit in der US-Armee im zweiten Weltkrieg. Der junge Chirurg leistete seinen Dienst im Valley Forge General Hospital in Pennsylvania, wo viele Soldaten operiert wurden, die im Kampfeinsatz verletzt worden waren. Murray war eigentlich Plastischer Chirurg und behandelte Verbrennungsopfer, die häufig Hauttransplantate von Spendern erhielten.

"Die langsame Abstoßungsreaktion der fremden Hauttransplantate faszinierte mich", schrieb Murray in seiner Autobiographie für die Nobelpreiszeremonie. "Wie konnte der Körper zwischen fremder und eigener Haut unterscheiden?" Der damalige Chefarzt der Plastischen Chirurgie hatte mit Hauttransplantationen experimentiert und herausgefunden, dass die Transplantate umso langsamer abgestoßen wurden, je enger Spender und Empfänger verwandt waren - und dass die Transplantate eineiiger Zwillinge gar nicht abgestoßen wurden.

Schlussendlich waren es allerdings Medikamente, die bis heute eingesetzt werden, die den Durchbruch für die Transplantationsmedizin brachten. Die Arzneimittel haben weniger Nebenwirkungen als die zunächst eingesetzte Bestrahlung. 1962 gelang es Murray und seinem Team erstmals erfolgreich, das Organ eines nicht verwandten Spenders in einen Patienten zu transplantieren. Die 23-jährige Empfängerin erhielt die Niere eines verstorbenen Mannes.

Betroffen von chronischer Niereninsuffizienz sind vor allem Patienten mit chronischen Krankheiten, zum Beispiel Diabetiker. Fallen die Nieren aus, helfen nur die Blutwäsche, die so genannte Dialyse, oder eine Nierentransplantation.

dba/AP

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1.
Andre83 28.11.2012
Zitat von sysopAPJoseph Murray transplantierte 1954 erstmals eine Niere, seitdem wurde Tausenden Patienten so das Leben gerettet. Die Idee zu der Behandlung kam dem Mediziner im Zweiten Weltkrieg - bei der Beobachtung von Brandopfern. Nun ist der Vater der Transplantationsmedizin mit 93 Jahren gestorben. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/nobelpreistraeger-joseph-murray-chirurgie-pionier-stirbt-in-boston-a-869489.html
RIP ein man der viel geleistet hat für die Menschheit.
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Medizin-Nobelpreisträger seit 1999
2014
Wird am 06.10. 2014 vergeben
2013
2012
John Gurdon (Großbritannien) und Shinya Yamanaka (Japan) für die Entdeckung, dass sich reife Zellen in pluripotente Stammzellen umprogrammierenlassen.
2011
Bruce Beutler (USA) und Jules Hoffmann (Frankreich) für Arbeiten zur Alarmierung des angeborenen Abwehrsystems. Ralph Steinman aus Kanada entdeckte Zellen, die das erworbene Immunsystem aktivieren. Er war kurz vor der Verkündung gestorben und bekam den Preis posthum.
2010
Robert Edwards (Großbritannien) erhält die Auszeichnung für die Entwicklung der künstlichen Befruchtung.
2009
Elizabeth Blackburn , Carol Greider und Jack Szostak (alle USA) für die Erforschung der Zellalterung. Die Wissenschaftler entdeckten und charakterisierten das Enzym Telomerase, das für die Stabilität des menschlichen Erbguts wichtig ist.
2008
Harald zur Hausen (Deutschland) für die Entdeckung der Papillomaviren , die Gebärmutterhalskrebs auslösen, sowie die Franzosen Françoise Barré-Sinoussi und Luc Montagnier für die Entdeckung des Aids-Erregers HIV.
2007
Mario R. Capecchi , Oliver Smithies (beide USA) und Sir Martin J. Evans (Großbritannien) für eine genetische Technik, um Versuchsmäuse mit menschlichen Krankheiten zu schaffen.
2006
Die US-Forscher Andrew Z. Fire und Craig C. Mello für eine Technik, mit der sich Gene gezielt stumm schalten lassen.
2005
Barry J. Marshall und J. Robin Warren (beide Australien) für die Entdeckung des Magenkeims Helicobacter pylori und dessen Rolle bei der Entstehung von Magengeschwüren.
2004
Richard Axel und Linda Buck (beide USA) für die detailgenaue Enträtselung des Geruchssinns.
2003
Paul C. Lauterbur (USA) und Sir Peter Mansfield (Großbritannien) für ihre wesentlichen Beiträge zur Anwendung der Kernspintomografie in der Medizin als neuartiges und schonendes Diagnoseverfahren.
2002
Sydney Brenner (Großbritannien), H. Robert Horvitz (USA) und John E. Sulston (Großbritannien) für die Erforschung des programmierten Zelltods (Apoptose) als Grundlage zum Verständnis von Krebs, Aids und anderen Krankheiten.
2001
Leland H. Hartwell (USA), Sir Paul M. Nurse (Großbritannien) und R. Timothy Hunt (Großbritannien) für Erkenntnisse über die Zellteilung, die neue Wege in der Krebstherapie ermöglichen.
2000
Arvid Carlsson (Schweden), Paul Greengard (USA) und Eric Kandel (USA) für ihre Entdeckungen zur Signalübertragung im Nervensystem.
1999
Günter Blobel (USA) für seine Arbeiten über den Transport von Proteinen in der Zelle.