Mysteriöse Krankheit in Ostafrika: Das Rätsel der nickenden Kinder

Von Laura Höflinger

Ein mysteriöses Epilepsie-Leiden breitet sich in Ostafrika aus: Jungen und Mädchen fangen plötzlich an zu nicken. Die Krankheit verläuft dramatisch - am Ende starren die Kinder apathisch ins Leere. Seuchenexperten stehen vor einem Rätsel.

Kinder mit "Nodding Syndrome": Viele sind verwirrt und halluzinieren Zur Großansicht
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Kinder mit "Nodding Syndrome": Viele sind verwirrt und halluzinieren

Immer wieder sackt der Kopf auf die Brust - manchmal bis zu 20-mal in der Minute. Dann folgen starke Krämpfe. Die Betroffenen fallen zu Boden, winden sich und schlagen um sich.

Die rätselhafte Krankheit grassiert schon seit einiger Zeit unter Kindern in Ostafrika. Vermutlich tauchte sie Ende der neunziger Jahre zum ersten Mal an der Grenze zwischen Uganda und Südsudan auf. Forscher aus aller Welt untersuchen die Epidemie, doch je mehr sie darüber herausfinden, desto mysteriöser wird sie. Warum etwa beginnt das Nicken immer dann, wenn es kalt wird, oder wenn die Kinder Essen sehen? Für Aufsehen sorgte ein Erlebnis des Toxikologen Peter Spencer: Ein Mädchen, das beim Anblick von traditionellem Essen stets Anfälle erlitt, blieb ruhig, als er ihm einen Schokoriegel gab.

Auch die Seuchenexperten von den US-Amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) sind alarmiert. Sie haben nun eine Studie vorgelegt, die im Fachjournal "PLoS One" erschienen ist, und in der sie nach Ursachen für die Krankheit fahnden. Seit 2000, schreiben die Autoren, nehme die Zahl der Fälle zu.

Die CDC-Experten untersuchten 224 Betroffene und verglichen sie mit gesunden Kindern. Sie alle stammten aus Kitgum, einem Distrikt im Norden Ugandas. Dort entdeckten die Mediziner Gemeinden, die kaum betroffen waren. In anderen häufte sich das "Nodding Syndrome": Von 1000 Kindern waren 46 erkrankt.

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DER SPIEGEL

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Aus den Daten erhofften sich die Forscher, einen gemeinsamen Nenner zu finden, einen Hinweis auf den möglichen Auslöser für das rätselhafte Kopfnicken. Masern, Malaria, Pilze, Gifte, posttraumatische Störungen - vieles kam in Frage. Doch alles stellte sich als falsch heraus.

Nur ein Verdächtiger tauchte immer wieder auf: Ein Fadenwurm namens "Onchocerca volvulus", der die Flussblindheit auslöst. Am Nick-Syndrom erkrankte Kinder sind sehr häufig von dem Parasiten befallen, wie das CDC zeigte. Erhärten ließ sich der Verdacht jedoch nicht. Wie die Forscher schreiben, könnte das auch eine andere Ursache haben: Die geschwächten Kinder, erzählten ihre Familien, schafften es kaum noch, die Fliegen zu verjagen, die den Parasiten übertragen.

Neue Form von Epilepsie

Zudem können die Wissenschaftler noch immer nicht erklären, warum die Krankheit plötzlich auftrat. Der Fadenwurm ist in Afrika weit verbreitet. Es gibt keine Hinweise, dass er eine Krankheit im Gehirn auslösen kann. Weiter fiel auf, wie viele kranke Kinder zerriebene Wurzeln gegessen hatten. Aber auch hier können die Ärzte nur schwer auseinanderhalten, was Ursache und was Folge ist: Die Wurzeln werden als Medizin gegeben.

Und so tappen die Mediziner auch nach der Studie weiter im Dunkeln, fest steht bisher nur: Es handelt sich um eine neue Form von Epilepsie, bei der für einen Moment die Muskelspannung im Nacken nachlässt, wodurch der Kopf nach vorne fällt. Wie viele Kinder bereits erkrankt sind, weiß niemand genau. 2009 waren es aber wohl bereits mehrere tausend. Bei allen begannen die Symptome im Alter zwischen fünf und fünfzehn Jahren.

Anfang des Jahres hatte der ugandische Arzt Richard Idro im "British Medical Journal" erstmals berichtet, dass das Nicken nur der Beginn einer Gehirnerkrankung ist, die dramatisch verläuft: Nach dem ersten Symptom folgen in den kommenden drei Jahren schwere Krämpfe. Zu dem Zeitpunkt hören viele Kinder auf zur Schule zu gehen. Danach bauen sie rasant ab: Sie hören auf zu sprechen, werden taub. Ihr Körper versteift sich, die Gelenke sind verdreht, die Beine verwachsen. In der letzten Phase verfallen sie in eine tiefe Apathie, sitzen nur am Boden, starren ins Leere, die Augen glasig.

Die Krankheit gilt als nicht ansteckend. Unklar ist noch, ob sie tödlich endet. Schon jetzt sterben erkrankte Kinder - meistens allerdings, weil sie während eines Anfalls in offene Feuerstellen fallen oder in einen Fluss. Viele der Jungen und Mädchen sind verwirrt und halluzinieren. Sie laufen fort und werden von Tieren angefallen. Manche Eltern sind so verzweifelt, dass sie in ihrer Not die Kinder fesseln, bevor sie zur Arbeit auf die Felder gehen.

Schon 1962 tauchten erste Berichte über nickende Kinder auf, damals in Tansania. Doch viele bezweifeln, dass es sich um das gleiche Leiden handelt. Im Norden Ugandas und im Südsudan trifft es nun vom Krieg traumatisierte und zerrüttete Familien. Atiak etwa, einer der Orte, die für die Studie untersucht wurden, gilt als Symbol für die Grausamkeit des Rebellenführers Joseph Kony. An einem Flussufer erschoss die Lord's Resistance Army 1995 laut Augenzeugenberichten 300 Männer. Frauen und Kinder mussten zusehen. Wer übrig blieb, wurde entführt, endete als Kindersoldat oder wurde vergewaltigt.

Heute, wenige Jahre nach Kriegsende, fehlt es den Menschen noch immer am Nötigsten - etwa so einfachen Dingen wie einem Bus. Zu Fuß laufen die Eltern viele Stunden bis in die nächste Klinik, in denen sie Epilepsie-Medikamente abholen, die, so zeigte sich, die Krämpfe zumindest lindern können.

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insgesamt 41 Beiträge
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1. biologischer erreger?
hans_olo_ 01.07.2013
ich musste sofort an diesen Artikel denken und an einige weitere. http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/23556/lachen_bis_die_aerzte_kamen.html in jedem fall wirklich unheimlich, was dort vor sich geht, ein schreckliches Schicksal. Ich hoffe die Ursache findet sich biologischer Natur, ansonsten wird es sehr schwer!
2. mikroskopische Untersuchung
plagiatejäger 01.07.2013
da es ja genügend bereits mit oder an der Krankheit verstorbene gibt, kann man annehmen, daß viele der Wissenschaftler, Ärzte, Pathologen schon lange "die" Ursache gefunden hätten, wenn es ein üblicher Erreger wäre, egal ob Wurm, Bakterium, Virus - oder gar eine neue Form von Scrapie - das hätte man alles auf mikroskopischen Veränderungen im Hirn erkennen müssen. Aber auch übliche Vergiftungen oder unbekannte Auslöser von Schädigungen müssten in höherem Ausmaß leicht erkennbar sein - oder zeitgleich bei vielen auftreten. All das scheint ausgeschlossen, und v.a. der Unterschied zwischen bekannter Nahrung und Schokolade läßt auf sehr kleine, bisher nicht morphologisch nachweisbare Ursachen schließen - mit einem evtl. großen Anteil der Psyche. Natürlich könnte es auch genetisch sein.
3. Nicht unbedingt...
wdiwdi 01.07.2013
Zitat von plagiatejägerda es ja genügend bereits mit oder an der Krankheit verstorbene gibt, kann man annehmen, daß viele der Wissenschaftler, Ärzte, Pathologen schon lange "die" Ursache gefunden hätten, wenn es ein üblicher Erreger wäre, egal ob Wurm, Bakterium, Virus - oder gar eine neue Form von Scrapie - das hätte man alles auf mikroskopischen Veränderungen im Hirn erkennen müssen.
Diese Untersuchungsmethode würde eine Autopsie erfordern, und das ist in Zentralafrika aus kulturellen Gründen ein riesiges Problem. Es ist dort sehr unwahrscheinlich, dass die Angehörigen zustimmen. Ich kenne die Situation in Uganda nicht, aber in Nigeria verweigern über 90% der Angehörigen die Zustimmung zu einer von Ärzten nahegelegten Obduktion. Auf dem Land beträgt die Quote nahezu 100%.
4.
Tiananmen 01.07.2013
Zitat von plagiatejägerda es ja genügend bereits mit oder an der Krankheit verstorbene gibt, kann man annehmen, daß viele der Wissenschaftler, Ärzte, Pathologen schon lange "die" Ursache gefunden hätten, wenn es ein üblicher Erreger wäre, egal ob Wurm, Bakterium, Virus - oder gar eine neue Form von Scrapie - das hätte man alles auf mikroskopischen Veränderungen im Hirn erkennen müssen. Aber auch übliche Vergiftungen oder unbekannte Auslöser von Schädigungen müssten in höherem Ausmaß leicht erkennbar sein - oder zeitgleich bei vielen auftreten. All das scheint ausgeschlossen, und v.a. der Unterschied zwischen bekannter Nahrung und Schokolade läßt auf sehr kleine, bisher nicht morphologisch nachweisbare Ursachen schließen - mit einem evtl. großen Anteil der Psyche. Natürlich könnte es auch genetisch sein.
Ich kann natürlich nicht beurteilen, wie weit europäische Maßstäbe bei der Diagnostik dort in Ansatz gebracht werden können. In einem zentralafrikanischen Land nach verheerenden Kriegszeiten erwarte ich wenig. Ob wirklich mikrobiologische und virologische Untersuchungen dort (technisch) möglich sind und gemacht werden, bezweifle ich. Denken Sie daran, dass Zoonosen in diesen Gebieten häufig sind und ggf. neu und oft nicht erkannt werden. Sie hängen oft auch von der Ernährung ab. Vielleicht kommt daher die (unbewußte) Scheu vor traditiioneller Nahrung. Denken Sie an Marburg-Virus und Ebola, die ebenfalls "aus dem Wald kamen", zum Teil in der gleichen Region.
5. Vermutung
finderin 01.07.2013
Hallo, ich vermute einen kleinen Parasiten, den die Kinder mit Schleim von Wildtieren aufnehmen und der sich im ganzen Körper ausbreitet. Ich denke, da von Erwachsenen nicht berichtet wird, die diese Symptome haben, dass ein bestimmtes Entwicklungsstadium der Kinder ausschlaggebend für die Einnistung des Parasiten ist.
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