50 Jahre Notarztwagen Wenn jede Minute zählt

Nach einem Notfall sind die ersten Minuten oft die kritischsten. Vor 50 Jahren sausten in Heidelberg zum ersten Mal Notärzte direkt zur Unfallstelle - damals noch mit einem VW-Käfer. Bis heute wissen die Mediziner nie, was sie bei einem Einsatz erwartet.

DPA

Die Nacht hat gerade erst begonnen, doch der Magen knurrt. Der Heidelberger Notarzt Lutz Frankenstein beißt in seinen Döner, da meldet sich der Alarm-Piepser. Das Essen muss warten. Der 40-Jährige und ein Rettungssanitäter springen in den Notarztwagen. Es ist jedes Mal dem Zufall überlassen, was für eine Nacht vor ihnen liegt - und wie emotional die Einsätze werden.

"Kindernotfälle sind zum Beispiel immer schwierig", erzählt der Notarzt. "Ich bin dann innerlich sehr angespannt". Umso glücklicher ist er, wenn er Leben retten kann: "Ein kleines Mädchen erstickte nachts einmal fast an den Folgen einer schweren Nachblutung nach einer Mandelentfernung", erinnert sich Frankenstein. "Als ich in die Wohnung kam, sah es zuerst so aus, als ob das Mädchen demnächst tot sei." Er habe sie aber stabil ins Krankenhaus bringen können: "Sie hat überlebt."

Seit 50 Jahren fahren in Heidelberg Notärzte rund um die Uhr zu Unfallorten oder zu Notfallpatienten nach Hause. In der Stadt in Baden-Württemberg startete im April 1964 der erste Notarzteinsatzwagen Deutschlands in den Dienst - ein VW Käfer. Der Wagen mit dem Polizeifunknamen "Heidelberg 10" war nicht nur in Medizinerkreisen legendär. Er wurde bundesweit zum Vorbild für die ärztliche Erstversorgung von Notfallpatienten am Unfallort.

Lebensgefahr in den ersten Minuten nach dem Notfall am größten

Mit Blaulicht rauscht Frankensteins Notarztwagen durch die Universitätsstadt, dann geht es mit 180 Kilometern pro Stunde über die Autobahn zu einer Gemeinde im Umland. Dunkelheit umhüllt den Wagen, Fahrer und Notarzt schweigen. Wenige Minuten später treffen sie vor dem Haus einer 80-jährigen Frau ein. Die Tochter wartet vor der Tür, ein Krankenwagen ist schon da. Wegen Herzproblemen wird die Patientin in ein Heidelberger Krankenhaus gebracht. Der Notarzt begleitet sie im Krankenwagen bis in die Notaufnahme.

"Die Notarztwagen waren zuerst für die Unfallopfer im Straßenverkehr gedacht", sagt der Leiter der Notfallmedizin am Universitätsklinikum Heidelberg, Erik Popp. "Das hat sich später geändert. Wir versuchen, jedes Ziel in zehn bis 15 Minuten mit dem Auto zu erreichen. In Stoßzeiten ist das aber immer eine Herausforderung und sehr gefährlich." Einmal pro Woche fliegt er mit einem in Mannheim stationierten Rettungshubschrauber mit. Von dort werden auch entlegene Gebiete wie der angrenzende Odenwald angeflogen. "Mit dem Auto würden wir hier zu spät kommen."

"Man muss immer mit dem Schlimmsten rechnen"

Heidelberger Mediziner führten mit dem Notarztwagen auch das sogenannte Rendezvous-System zwischen Arzt, Patient und Krankenwagen ein. Die Idee dahinter: Der Notarzt kommt direkt zum Patienten - nicht umgekehrt. Damit soll Patienten so schnell wie möglich geholfen werden, da die Lebensgefahr häufig in den ersten Minuten nach einem Notfall am größten ist.

Vorher waren Schwerverletzte oft ohne sofortige ärztliche Versorgung noch vom Rettungswagen in Krankenhäuser transportiert worden, nur in Ausnahmefällen war schon ein Notarzt an Bord. Im Juni 1957 etwa nahm in Köln ein Kleintransporter vom Typ Ford FK 2500 den Dienst auf, der mit einem Mediziner sowie zwei Rettungssanitätern besetzt war. "Der Vorteil des Rendezvous-Systems ist die höhere Flexibilität des Notarztes im Einsatz", sagt Peter Sefrin von der Bundesvereinigung der Notärzte.

Nach vier Einsätzen in seiner 24-Stunden-Schicht kommt Notarzt Frankenstein nach Mitternacht für einige Minuten zur Ruhe. Viele Einsätze gehen ihm später nicht mehr aus dem Kopf. "Man ist immer emotional eingebunden und muss mit dem Schlimmsten rechnen", sagt er. Die Leitzentrale informiere ihn zwar grob darüber, was ihn erwarte - aber die Realität sehe dann meist doch ganz anders aus.

von Christian Jung, dpa/irb



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insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
xylitol 20.04.2014
1. Gratulation
Hier wäre vielleicht noch das unterschiedliche Konzept der anglikanischen Ländern gegenüber den franko-germanischen Ländern zu nennen. Bei uns wird erst stabilisiert, dann transportiert, in England, USA, etc. wird erst transportiert, dann stabilisiert.
ahhcrap 20.04.2014
2.
Der Notarztwagen nennt sich NEF (Notarzt Einsatz Fahrzeug ) der Krankenwagen ist ein RTW ( Rettungswagen ) und der Rettungsanitäter 'mit dem der Dr.Frankenstein Nachts mit 180 km !!!! ! über die Autobahn rast ' müsste wenn es nach dem Gesetz geht eigentlich ein Rettungsassistent sein . Das das Rettungsteam zum Fahrzeug rennt (wenn nicht grad RTL oder Spiegel TV im Haus sind ) möchte ich dann auch noch mal sehen.
hans gruber 20.04.2014
3.
Deswegen müssen Notärzte neuerdings auch Schutzwesten und Pfefferspray tragen. Oder wie in Berlin erst auf Polizeischutz warten.
2255 20.04.2014
4. @ahhcrap
wenn Sie gerne Rettungsteams zum Fahrzeug rennen sehen möchten, ohne dass Reporter in der Nähe sind: Kein Problem! Besuchen Sie uns auf der Feuerwache! Frohe Ostern ;-)
plagiatejäger 20.04.2014
5. Notfallmedizin: reine Symptombehandlung
Leider wird nicht auf einen grundlegenden Unterschied hingewiesen: während im Notfall kaum Diagnostik betrieben wird, sondern reine Stabilisierung und Überwachung von Symptomen betrieben wird, geht es bei der weiteren Therapie um genaue Diagnosen, um Mittel- und langfristig die besten Optionen anzubieten. Gerade Notfallmediziner am Wochenende verdienen gut, was der im Krankenhaus ausgenutzte Assistenzarzt nicht sagen kann. Seine oft pausenlosen 24-Stundendienste werden als Bereitschaft gewertet und die Klinikchefs honorieren es nicht, wenn man zu gut die Patienten versorgt, weil nur die schlechteste Diagnose abgerechnet wird. Ideal für das Krankenhaus sind also unerfahrene, kaum deutsch sprechende Assistenzärzte und wenn sich der Zustand der eingelieferten Patienten erst noch verschlechtert.
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