Deutschlands größte Notaufnahme Leben retten rund um die Uhr

Ob kleine Brandwunde oder schwere Unfallverletzung: Mehr als 20 Millionen Menschen werden jährlich in deutschen Notaufnahmen behandelt. Wie arbeiten Ärzte und Pfleger, um 24 Stunden am Tag helfen zu können? Eine Multimedia-Reportage über die Rettungsstelle am Unfallkrankenhaus Berlin.

Von Cinthia Briseño, , und



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Notaufnahme mit System: Jeder Patient, der in die Rettungsstelle kommt, bekommt eine Ampelfarbe zugewiesen. Sie zeigt dem Personal, wie dringend die Behandlung ist.
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Manchester Triage System: Blutende Schnittwunde, fieberndes Kind, nicht ansprechbarer Erwachsener: Bei der Einschätzung der Dringlichkeit hilft Pflegern und Ärzten ein spezielles System.
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Der Weg einer Keim-Probe: Die Bakterien, die Patienten mit in die Notaufnahme bringen, können zum lebensbedrohlichen Problem werden. Ein Schnelltest sorgt für Klarheit.
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Krankenhaus-Hygiene: Multiresistente Bakterien werden in Krankenhäusern zu einem immer größeren Problem. Ein Schnelltest zeigt, ob ein Patient möglicherweise infiziert ist.
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Raumkonzept: Im Zentrum der Notaufnahme liegt ein offener Raum. Das bedeutet für Patienten und Pfleger: weniger Privatsphäre aber mehr Effizienz.
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24-Stunden-Dienst: Immer wieder muss sich Chirurgin Eva Bobrich in ihrer 24-Stunden-Schicht auf neue Patienten einstellen. Sie tut es mit professioneller Ruhe, auch nach vielen Stunden Dienst.
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Der gute Putzgeist: Fred Mindach hat schon viel Blut gesehen in seinem Berufsleben - denn er ist in der Notaufnahme derjenige, der saubermacht.
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Schockraum: Aus dem Rettungshubschrauber direkt in den Schockraum. Hier werden die schwer verletzten Patienten behandelt - und im Extremfall auch gleich operiert.
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Warten, warten, warten: Per Hub-
schrauber, Rettungswagen, oder mit dem eigenen Wagen: Viele Wege führen in die Notaufnahme. Patienten mit harmloseren Verletzungen müssen oft Geduld haben.
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Bildgebung: Um bei Schwerstverletzten die geschädigten Organe und Körperteile zu identifizieren, hilft den Ärzten meist nur noch eine Ganzkörper-Aufnahme.
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Herzkatheterversorgung: Heftiges Drücken im Brustkorb - ein Herzinfarkt? Eine Untersuchung per Herzkatheter zeigt, welche Gefäße verengt oder gar verschlossen sind.
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Leben retten im Schockraum Video abspielen...

Aus dem Rettungshubschrauber direkt in den Schockraum, das Herz der Notaufnahme. Hier werden die schwer verletzten Patienten behandelt - und im Extremfall auch gleich operiert.

Um sich ein Bild zu verschaffen, ist die Computertomografie des ganzen Körpers meistens die Methode der Wahl. Wenn dabei jede Sekunde oder Minute lebensentscheidend ist, müssen die Wege zu den Diagnose-Apparaten kurz sein.

In der Rettungsstelle des Unfallkrankenhauses Berlin (UKB) hat man sich wie bei Häusern der Maximalversorgung üblich dafür entschieden, das Röntgengerät sowie den Computertomografen direkt neben dem Schockraum zu installieren. Zwar sind Ganzkörper-Computertomografen in vielen Notaufnahmen inzwischen Standard: bis zu 80 Prozent der Schwerverletzten werden damit untersucht. Analysen zeigen, dass die Methode die Überlebenschancen der Betroffenen erhöht.

Machester Triage System: Die "Patienten-Ampel" Video abspielen...

Etwa 200 der rund 1000 Rettungsstellen der Krankenhäuser in Deutschland arbeiten nach dem Manchester Triage System, kurz MTS. Dieses wurde 1995 in England eingeführt, seit 2004 wird es auch hierzulande praktiziert: Die Methode dient dazu, jedem Beschwerdebild eines Notfallpatienten eine Dringlichkeitsstufe zuzuordnen. Auch am Unfallkrankenhaus Berlin (UKB) setzt man auf das MTS. Patienten mit der höchsten Stufe Rot müssen sofort von einem Arzt versorgt werden. Bei Orange muss er innerhalb von zehn, bei Gelb von 30, bei Grün von 90 und bei Blau innerhalb von 120 Minuten beim Kranken oder Verletzten sein.

Neben dem MTS gibt es weitere Triage-Systeme, die weltweit im Einsatz sind. Studien zeigen, dass Systeme mit fünf Dringlichkeitsstufen am besten funktionieren. Neben dem MTS zählen die Australasian Triage Scale (ATS), die Canadian Triage and Acuity Scale (CTAS) sowie der Emergency Severity Index (ESI) zu den wichtigsten fünf-stufigen-Systemen. In Deutschland kommt an Notaufnahmen auch das ESI und in einigen Kliniken auch das ATS zum Einsatz, am häufigsten aber gibt es das MTS.

Das sogenannte Triagieren wird von geschulten Pflegekräften übernommen. Diese fragen die Symptome des Patienten nach einem vorgegebenen Entscheidungspfad ab. Läuft es nach Lehrbuch, sollte die Einschätzung nicht länger als zwei Minuten dauern. Hat der Patient beispielsweise keine oder nur eine unzureichende Atmung, landet er in MTS-Stufe Rot und muss sofort behandelt werden. Ein hochfiebernder Säugling etwa, oder ein unterkühlter Erwachsener bekommen die Stufe Orange. Blau sind harmlosere Fälle wie etwa eine kleine, nicht mehr blutende Schnittwunde am Finger.

Notfallchirurgin im 24-Stunden-Dienst Video abspielen...

Knochenbrüche, Schnittwunden, Herzpatienten - immer wieder muss sich Chirurgin Eva Bobrich in ihrer 24-Stunden-Schicht in der Notaufnahme auf neue Patienten einstellen. Sie tut es mit professioneller Ruhe, auch wenn sie schon viele Stunden Dienst hinter sich hat.

Kampf gegen Krankenhauskeime Video abspielen...

Tausende Menschen sterben jährlich an den Folgen einer Infektion, die sie während eines Klinikaufenthaltes erworben haben: Nosokomiale Infekte, so der Fachbegriff, sind ein drängendes Problem. Experten streiten darüber, wie groß das Ausmaß solcher Infektionen in Deutschland ist – manche Schätzungen gehen sogar von jährlich 900.000 nosokomialen Infektionen aus, in 30.000 Fällen mit Todesfolge. Auch wenn die Schätzungen nicht gesichert sind, fest steht, dass viele solcher Infektionen vermeidbar wären.

Besonders gefährlich wird es, wenn ein Patient Bakterien in die Notaufnahme einschleppt, die resistent gegen mehrere Antibiotika sind. Darunter fällt vor allem der auch in Deutschland weit verbreitete Erreger MRSA (das Kürzel steht für Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus), der hierzulande jährlich zu Tausenden Infektionen führt. Im Unfallkrankenhaus Berlin (UKB) werden deshalb sogenannte Risikopatienten routinemäßig auf MRSA hin untersucht. Neben Personen, die direkten Kontakt zu Tieren in der landwirtschaftlichen Tiermast haben, oder Menschen, die Kontakt zu MRSA-Trägern hatten, gehören zu dieser Patientengruppe auch Menschen, die beispielsweise aus einem Land mit hohem MRSA-Aufkommen stammen, oder auch solche, die im Jahr zuvor mehr als drei Tage im Krankenhaus verbracht hatten.

Für die MRSA-Analyse streicht eine Pflegekraft dem Patienten mit einem Wattestäbchen eine Probe etwa von der Mundschleimhaut oder an der Leiste ab. Per Rohrpost wird diese auf schnellstem Weg in das benachbarte Analyselabor geschickt. Dort bereiten Labor-Mitarbeiter die Probe auf: Aus den Schleimhautzellen wird Erbgutmaterial isoliert und die DNA mithilfe eines speziellen gentechnischen Verfahrens auf MRSA-Erbgut hin untersucht. Fällt dieser Schnelltest positiv aus, wird ein zweiter Test durchgeführt, um das Resultat zu bestätigen. Dieser dauert weitere zwei Tage. Bis dahin wird der betroffene Patient in einem speziellen Einzelzimmer behandelt. Zudem müssen die behandelnden Pfleger und Ärzte zusätzliche hygienische Maßnahmen ergreifen und beispielsweise einen Schutzkittel und Mund-Nasenschutz tragen.

Transparentes Raumkonzept Video abspielen...

Im Unfallkrankenhaus Berlin (UKB) landen jährlich mehr als 50.000 Patienten in der Rettungsstelle. Jene, die nicht im Hubschrauber, Rettungswagen, oder Notarztwagen zur Klinik transportiert werden, kommen im Fachjargon per Selbsteinweisung. Nach der Anmeldung an der Rezeption heißt es für die meisten von ihnen: warten.

Für harmlosere Leiden, die unkompliziert und schnell behandelt werden können, gibt es am UKB neben der Rezeption ein kleines Behandlungszimmer. Eine Besonderheit der Notaufnahme: Jene Patienten, die im Wartezimmer sitzen, können durch Glastüren ins Innere der Rettungsstelle blicken. So sehen sie, wie die Ärzte und Pfleger beschäftigt sind und sich um die vielen Patienten kümmern. In der Regel steigert das die eigene Geduld.

Der gute Putzgeist Video abspielen...

Fred Mindach hat schon viel Blut gesehen in seinem Berufsleben - denn er ist in der Notaufnahme derjenige, der saubermacht. Schmutz und Keime bekämpft der gute Putzgeist mit einem ausgeklügelten System.


Videos: Thies Schnack und Martin Sümening; Texte: Cinthia Briseño; Grafik / Layout: Anna van Hove; Programmierung: Chris Kurt, Aida Marquez Gonzales; Fotos: dpa, Corbis, Reuters, SPIEGEL ONLINE, UKB

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