Erste-Hilfe-Kurse Tödliche Mängel

Eine Million Menschen muss jedes Jahr in Deutschland einen Erste-Hilfe-Lehrgang besuchen. Doch die Qualität der Kurse ist oft schlecht, wie eine Studie zeigt. Wichtiges wird weggelassen, dafür Unnützes erzählt.

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Reanimationsübung: Herzdruckmassage wichtigstes Lernziel der Ersthelferausbildung
Corbis

Reanimationsübung: Herzdruckmassage wichtigstes Lernziel der Ersthelferausbildung


Die Deutschen sind Wiederbelebungsmuffel. In kaum einem anderen westlichen Land ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Opfer mit plötzlichem Herzstillstand von Umstehenden reanimiert wird, so niedrig wie hier. Bei nur 15 Prozent liegt in Deutschland die Wiederbelebungsrate, für die USA wird sie je nach Studie bei zwischen 20 und 50 Prozent angegeben. Andere europäische Länder liegen bei 50 bis 70 Prozent.

Dabei gibt es wohl keinen medizinischen Notfall, bei dem dringender Sofortmaßnahmen notwendig sind als bei einem Herzstillstand. Bei den Betroffenen schwindet ohne Hilfe die Chance, zu überleben, mit jeder Minute um etwa zehn Prozent. Auf 100.000 Menschen kommen jedes Jahr 81 Fälle eines plötzliches Herztodes, wie eine aktuelle Studie zeigt. Demnach wird statistisch gesehen jedes Jahr eine ganze deutsche Stadt mit rund 100.000 Einwohnern durch den plötzlichen Herztod ausgelöscht.

Während die Qualität des Rettungsdienst-Systems in Deutschland auf einem hohen Standard ist und bei lebensbedrohlichen Notfällen außer dem Rettungswagen auch ein Notarzt ausrückt, versagen offenbar in vielen Fällen die Ersthelfer. Selbst wenn hierzulande wiederbelebt wird, ist die Qualität nur mäßig - sogar dann, wenn vorher die Herz-Lungen-Wiederbelebung trainiert wurde. Das könnte auch am schlechten Niveau der Erste-Hilfe-Kurse liegen.

Schon 2008 berichtete der SPIEGEL über massive Probleme bei der Ausbildung von Ersthelfern. Viel geändert hat sich seitdem offenbar nicht. Eine gerade veröffentlichte Analyse einer Gruppe der Charité um den Notfallmediziner Jan Breckwoldt hat in Berlin 20 Lehrgänge der großen Hilfsorganisationen wie DRK, ASB, MHD, JUH und DLRG besucht und wissenschaftlich ausgewertet. Die Mediziner bescheinigen erneut Qualitätsprobleme.

Gewichtung der Inhalte fragwürdig

Für rund eine Million Menschen pro Jahr ist die Ersthelferausbildung hierzulande Pflicht: Sie wollen einen Führerschein (wieder-)bekommen, einen Trainerschein machen, Medizin oder Lehramt studieren. Bei vielen fordert auch der Arbeitgeber den Kurs. Was und wie ausgebildet wird, kann nicht jeder Anbieter selbst entscheiden. Ein ausführliches Curriculum schreibt zum Beispiel vor, dass sie 240 Minuten den lebensrettenden Basismaßnahmen widmen müssen.

Doch darum scheren sich die Hilfsorganisationen offenbar wenig: Bei Breckwoldts Stichprobe waren es im Mittel gerade mal 101 Minuten bei eintägigen Kursen und 123 Minuten bei zweitägigen Seminaren, in denen sich die Teilnehmer mit den Grundlagen des Rettens von Menschenleben auseinandersetzten. Statt sich auf die wichtigste Maßnahme - die Brustkorbkompressionen - zu konzentrieren, wurden die Teilnehmer mit der stabilen Seitenlage getriezt, die die Autoren als weit weniger wichtig erachten.

Darüber hinaus wiesen die Ausbilder in den meisten Kursen nicht auf elementare Dinge hin. Etwa darauf, dass auch eine abnormale Atmung bei einem Bewusstlosen als ein Atemstillstand anzusehen ist, die Druckmassage nur so kurz wie möglich unterbrochen werden sollte oder der Disponent der Rettungsleitstelle telefonische Hilfestellung bei der Reanimation geben kann, was in Berlin schon seit 2005 praktiziert wird.

Stattdessen geben die Ausbilder Unnützes weiter, das die Teilnehmer eher verwirrt. Dazu zählt der Notruf. Ein Großteil der Ausbilder thematisierte den 112-Ruf nur theoretisch, statt die Teilnehmer üben zu lassen. In allen Kursen wurden zudem die fünf W-Fragen angesprochen, obwohl es bei einem Notruf nur eine wichtige Regel gibt: nicht auflegen! Der Disponent wird fragen, was er wissen muss.

Falsche Lobhudelei

Die Mängelliste der Studie geht noch weiter: Mancher Lehrgangsleiter wollte offenbar seine Teilnehmer motivieren und belobhudelte auch Wiederbelebungen an den Trainingspuppen, die in Wirklichkeit nicht wirklich effektiv gewesen wären.

In nur einem Fall wurden die Zeitvorgaben eingehalten, alle anderen Kurse endeten früher oder begannen später. Die Dauer der praktischen Wiederbelebungsübung war kürzer als die Hälfte der Zeit, die der Rettungsdienst im Ernstfall zum Einsatzort gebraucht hätte. Die mittlerweile in öffentlichen Gebäuden wie Flughäfen oder Behörden relativ weit verbreiteten Frühdefibrillatoren (AED) durften die Teilnehmer in keinem Kurs mithilfe von Attrappen ausprobieren - in drei Kursen wurden sie gar nicht erwähnt.

Die Charité-Autoren empfehlen eine Art Prüfung zum Abschluss des Lehrgangs. Neben dem sich dann einstellenden "Testeffekt" und einer damit verbundenen höheren Aufmerksamkeit würde der Ausbilder gezwungen werden, den Teilnehmern mindestens einmal im Kurs eine Rückmeldung zu geben. Auch könnte mithilfe der Ergebnisse die Qualität der Kurse kontrolliert werden. Die Ausbildungszeit für Lehrkräfte sei ausreichend lang, um zu verinnerlichen, wie wichtig eine Rückmeldung an die Teilnehmer sei, so die Autoren.

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insgesamt 67 Beiträge
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Seite 1
thomas.b 12.09.2014
1.
Die unterschiedliche Qualität der Kurse ist die eine Sache. Noch gravierender finde ich die Tatsache, dass der Kurs für den Verkehr nur einmal gemacht werden muss. Ersthelfer in den Betrieben dagegen frischen den alle paar Jahre wieder auf. Zumal sich auch Erkenntnisse und Techniken ändern...
Aha!11!eins 12.09.2014
2.
Schön wäre auch, wenn man Erste Hilfe-Kurse alle zwei Jahre wiederholen müsste um weiterhin ein KfZ. führen zu dürfen.
schmusel 12.09.2014
3. Normal
Unangenehmes und lästiges, wie zum Beispiel Leben retten, wird in Deutschland eben am liebsten verdrängt. Irgendwer hat schon den richtigen Kurs besucht und hilft dann. Und wenn nicht - Pech! Dann hab ich wenigstens nichts falsches gemacht, weil ich ja eh nicht mehr genau weiss was ich vor 100 Jahren mal beigebracht bekam... Neben zwingender Auffrischungskurse wäre auch die verschärfte strafrechtliche Verfolgung von unterlassener Hilfeleistung ein Mittel diese Mißstände zu beseitigen - auf guten Willen kann man sich bei der Mehrheit wohl nicht verlassen.
trevor1400 12.09.2014
4.
Und wieder werden zwei Sachen miteinander vermischt: Der Kurs Lebensrettende Sofortmaßnahmen am Unfallort, der für den "normalen" Führerschein benötigt wird, dauert nur 6 Zeitstunden. Ein Erste-Hilfe-Kurs 12 Zeitstunden. Wieso schafft man den ersten Kurs nicht einfach ab und verlangt dazu eine regelmäßige Auffrischung - muss ja nicht alle zwei Jahre, wie bei den Ersthelfern in Betrieben, sein.
Daniel Fleck 12.09.2014
5. Seitenlage ebenso wichtig
über 20% bei Unfällen Verstorbene ersticken infolge Bewußtlosigkeit. Da sehe ich mit der Seitenlage für den Laien leichte und schnelle Hilfe wo er wenig falsch machen kann, bei HLW ist viel mehr Fehlerpotential und einige Teilnehmer haben es trotz zigmal vormachen und erklären nicht begriffen. Das in Berlin kaum mit AED geübt wurde kann man nicht auf die ganze Republik ausdehnen. in NRW höre ich nur dass das seit 2 bis 3 Jahren geübt wird. Zum Thema abnorme Atmung kann ich nur sagen dass diese Feindiagnose dem Ersthelfer nicht zugemutet werden kann. Dazu ist er zu sehr im Stress des Einsatzes. Es soll ja gerade KEINE Medizinische Ausbildung werden. Die neue AV1 legt da besonders Wert drauf auch wenn die Leitinie da noch sehr dürftig und medizinlastig ist. Meiner Meinung nach mit heisser Nadel gestrickt aber das ist ein anderes Thema
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