Mythos oder Medizin Bekommt man vom Fußballspielen O-Beine?

Kicker haben häufig O-Beine - der Eindruck entsteht schnell beim Blick auf die Bolzplätze der Republik. Mediziner rätseln, ob es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Ballsport und Fehlstellung gibt.

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Als Fußballer getunnelt zu werden, gilt als Demütigung. Sicher lässt sich ein Schuss durch die Beine gelegentlich auf mangelnde Konzentration zurückführen. Bei einigen könnte ein erhöhtes Tunnelrisiko aber auch der Anatomie geschuldet sein: den O-Beinen, die Fußballer einem Volksglauben zufolge überdurchschnittlich häufig haben.

Tatsächlich gibt es einige eindrucksvolle Beispiele für nach außen verformte Kickerschenkel, allen voran der ehemalige Profi Pierre Littbarski, der für die krummsten Beine der Bundesligageschichte bekannt ist. Ein anderer bekannter ehemaliger Fußballspieler trägt seinen watscheligen O-Bein-Gang sogar im Namen: Willi "Ente" Lippens. Als aktueller Nachfolger der O-Bein-Könige gilt der Schalker Kevin-Prince Boateng. Und auch Ballkünstler Marko Marin, der derzeit für den AC Florenz spielt, hat O-Beine.

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Krumme Gräten in der Jugend

Tatsächlich weisen wissenschaftliche Studien darauf hin, dass O-Beine, zumindest unter jungen Fußballern, besonders verbreitet sind. 2002 untersuchte Erik Witvrouw von der Universität Gent in Belgien 550 jugendliche Fußballspieler auf Fehlstellungen. Demnach sind diese zehnmal so häufig von O-Beinen betroffen wie Jugendliche mit anderen Hobbys. Jeder vierte Kicker hat laut der Untersuchung die Lücke zwischen den Knien.

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"Der eindeutige wissenschaftliche Nachweis fehlt aber noch", sagt Carsten Raab, Chefarzt der Abteilung für Orthopädie, Unfallchirurgie und Sporttraumatologie an der Helios Klinik Duisburg. "Bisher hat nur diese eine Forschergruppe Anzeichen für eine Häufung gefunden." Dies gelang ihr aber gleich bei mehreren Anläufen.

2009 startete Witvrouw eine weitere O-Bein-Untersuchung. Diesmal schaute er sich die Beine von mehr als 300 männlichen belgischen Nachwuchsprofis im Alter von acht bis 18 Jahren an und verglich sie mit denen von knapp 500 Teenagern, die nicht Fußball spielten. In beiden Gruppen nahm die Zahl der O-Beinigen ab dem Alter von 14 zu - im Alter zwischen 16 und 18 jedoch stärker bei den Nachwuchsfußballern als bei den anderen Teenagern.

Im Körper eines Fußballers

Schädliche Schusstechnik

Die Wissenschaftler erklären sich das Phänomen mit der einseitigen Belastung beim Fußballspielen: Auf dem Feld müssen die Muskeln an der Innenseite der Oberschenkel verstärkt arbeiten. Diese verbinden Becken und Schenkel und ziehen das Schienbein beim Schießen mit der Innenseite nach oben. Sind sie übermäßig häufig angespannt, können sie sich verkürzen. Vor allem bei Jugendlichen, die noch in die Länge wachsen, kann das leicht zu O-Beinen führen.

"Jugendliche sind tatsächlich besonders anfällig für Fehlstellungen", sagt Raab. "Ihr Bewegungsapparat und ihre Koordinationsfähigkeit sind noch nicht ausgereift." Ob jemand O-Beine bekommt, hänge auch davon ab, ob er genetisch vorbelastet sei, also O-Beine in der Familie verbreitet sind. Dass Fußballspielen eine entscheidende Rolle spielt, bezweifelt Raab jedoch. "Zumindest in der Klinik haben wir keine übermäßige Häufung von Fußballspielern, die wegen Schäden durch Beinfehlstellungen zu uns kommen", sagt er.

Wann zum Arzt
    In manchen Phasen des Lebens sind schiefe Beine normal. Zu Beginn unseres Lebens etwa haben wir fast alle O-Beine. Diese verleihen Stabilität bei den ersten Gehversuchen. Im Kleinkindalter wird aus der O-Form ein X. Meistens verwachsen sich diese Krümmungen wieder. Einen Rat vom Arzt braucht es erst, wenn die Verformung extrem scheint oder über längere Zeit nicht zurückgeht.
Es gibt einen einfachen Trick, um O-Beine festzustellen: Steht man gerade mit geschlossenen Beinen, berühren sich normalerweise die Knie oder sie sind nur minimal voneinander entfernt, sodass man sie durch Muskelanspannung aneinanderdrücken kann. Dann ist alles in Ordnung. Passen allerdings mehrere Finger oder eine ganze Faust durch die Knielücke, sollte man einen Arzt um Rat fragen.

Gleichmäßiges Training mit Außenseitenzwang

Die Gelenke in den Beinen - allen voran das Kniegelenk - können durch O-Beine stark zusätzlich belastet und abgenutzt werden. Das kann zu verfrühtem Gelenkverschleiß führen. "Heute achten Vereine bereits deutlich stärker auf ein ausgewogenes Training als noch vor einigen Jahren", sagt Raab. Im Training würde dann verstärkt die Außenseite der Beine geschult. "Dehnübungen sind ein wichtiges Element." Hinzu kämen fußballerische Übungen, etwa Hütchen-Parcours, in denen nur mit dem Außenrist gespielt werden darf.

Dem fußballerischen Geschick schaden gerade Beine jedenfalls nicht, wie die überwiegende Zahl der O-Bein-losen Profis zeigt. Nur einen Nachteil könnten sie haben: Littbarski will seine krummen Gräten im Dribbling genutzt haben, um den Gegner zu verwirren.

Fazit: Ob Fußballspielen O-Beine verursacht, ist nicht abschließend geklärt - es gibt aber Hinweise darauf. Sich auf die Couch zu fläzen, ist trotzdem keine Alternative zum Sport. Ein sinnvolles Training und Dehnübungen können Fehlstellungen vorbeugen.

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
lady_amanda 25.08.2014
1. Eigennutzen
Also für mich kann ich sagen, dass ich als Kind leichte X-Beine hatte und auch, den typischen, der nach innen gedrehten Fußstellung, Watschelgang hatte. Nach 13 Jahren Fußball hatte ich diesen nicht mehr. Weitere 8 Jahre Basektball und ich watschele wieder. Für mich eine klare Entwicklung durch den Sport. Wenn es nicht so ist, auch recht.
Humboldt 25.08.2014
2. ja!
Pierre Littbarski hat definitiv zuviel Fußball gespielt - das aber ganz hervorragend! :-)
mfins 25.08.2014
3. Kicker haben immer krumme Beene
Wer keine O-Beine als Fußballer hat, war auch kein echter Kicker .... sondern hat vielleicht Billard in der Hosentasche gespielt :-) (sog. Taschenbillard), was nicht unbedingt zu krummen Beenen führen dürfte!
hermannheester 25.08.2014
4. Eine angemessene Körperhaltung
ist für die Sportart Bolzen unvermeidlich. Da diese auch schon im sehr frühen Alter ausgeübt wird, ist auch mit Verformungen der Gliedmassen zu rechnen! Bomber (Gerd) Müller war ein gutes Beispiel dafür.
lizard_of_oz 25.08.2014
5. Ein Blick in die Geschichte
verrät uns, dass beispielweise die mongolischen Reiterkrieger auch wegen ihrer extrem krummen Beine als unansehnlich empfunden wurden. O-Beine als Folge vom vielen Reiten. Oder manche Gerippe von antiken Diskuswerfern sehen beinah comicmäßig aus, man erkennt auch als Laie den Wurfarm und die vergrößerte Schulter sofort. Bei Wikingern erkennt man beispielsweise eindeutig den Schwertarm. Was damals ging, geht auch heute noch.
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