Urteil: Bei Verschreibungsfehler haftet Apotheker wie Arzt

Ein Arzt macht Fehler beim Ausstellen eines Rezepts, der Apotheker bemerkt das nicht - der Patient wird schwer geschädigt. Jetzt hat ein Oberlandesgericht entschieden: Sowohl der Apotheker als auch der Mediziner haften dafür.

Rezepteinwurf: Apotheker müssen Verschreibungen sorgfältig prüfen Zur Großansicht
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Rezepteinwurf: Apotheker müssen Verschreibungen sorgfältig prüfen

Düsseldorf - Es war eine bisher ungeklärte Frage: Wer haftet, wenn ein ärztliches Rezept falsch ausgestellt wurde? Das Oberlandesgericht (OLG) Köln hat jetzt eine grundsätzliche Entscheidung dazu getroffen: Gibt ein Apotheker ein vom Arzt falsch verschriebenes Medikament aus und der Patient erleidet gesundheitlichen Schaden, muss der Pharmazeut beweisen, dass daran nicht die Fehlmedikation schuld ist. Das hat das OLG in einem am Mittwoch veröffentlichten Beschluss entschieden.

Die Kölner Richter haben damit erstmals die Beweislast, die bereits bei den Ärzten gilt, auch auf Apotheker übertragen. Der Zivilsenat ließ aber wegen der grundsätzlichen Bedeutung eine Revision beim Bundesgerichtshof zu.

Der Sachverhalt: Ein Arzt hatte einem Säugling mit Down-Syndrom, der vor einer Herzoperation stand, 2006 ein herzstärkendes Medikament versehentlich in achtfach überhöhter Dosierung verschrieben. Der Apotheker erkannte den Fehler nicht - und gab die Arznei aus.

Wenige Tage nach der Einnahme erlitt das Baby einen Herzstillstand und musste über 50 Minuten reanimiert werden. Es erlitt eine Hirnschädigung, einen Darmschaden und trug erhebliche Entwicklungsstörungen davon. Die Eltern forderten von dem Arzt und dem Apotheker Schadenersatz und Schmerzensgeld in Höhe von mindestens 200.000 Euro.

Höhe des Schmerzensgeld noch offen

Nachdem das Kölner Landgericht der Klage überwiegend stattgegeben hatte, bestätigte jetzt das OLG die Verurteilung der Beklagten, ließ aber die Höhe des Schmerzensgeldes noch offen.

Ein solcher Fehler dürfe einem Apotheker nicht unterlaufen, urteilte der Senat. Angesichts des hochgefährlichen Medikaments hätte der Apotheker in besonderer Weise Sorgfalt walten lassen müssen. Es handle sich daher um einen großen Fehler. Die Überdosierung sei aus dem Alter des Patienten zu erschließen gewesen.

Bei Ärzten gilt schon seit langem: Liegt nur ein einfacher Behandlungsfehler vor, muss der Patient beweisen, dass ein Schaden auf fehlerhafter Behandlung beruht. Bei einem groben Behandlungsfehler wird dagegen angenommen, dass er die Ursache für den Schaden ist.

Der Kölner Senat hat dies nun übertragen: Arzt und Apotheker müssten beweisen, dass die Entwicklung des Kindes nicht auf die überhöhte Dosierung, sondern auf das Down-Syndrom zurückzuführen ist. Dies sei ihnen nicht gelungen.


Aktenzeichen: 5 U 92/12

cib/dpa

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insgesamt 45 Beiträge
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1. Jetzt erklären Sie mir einmal,
lukapp 28.08.2013
wie ein Apotheker ohne Kontakt mit dem Patienten eine solche Verantwortung übernehmen soll?
2. Unglaublich und unakzeptabel das Urteil
annibertazeh 28.08.2013
Weder die Apotheker, noch die Heilmittelerbringer sind berechtigt zu diagnostizieren. Trotzdem wird von ihnen (höchst-richterlich) gefordert, die Ärzte zu kontrollieren. Es ist unglaublich, wie sich die Schwarz- und Rotkittel schützend vor die Weißkittel stellen. Zum Schaden der diesen vermeintlichen Göttern zugeordneten Berufsgruppen und der Patienten.
3.
Stäffelesrutscher 28.08.2013
Wie soll der Apotheker denn das beim Aufziehen der Schublade feststellen?
4.
inci2 28.08.2013
Zitat von lukappwie ein Apotheker ohne Kontakt mit dem Patienten eine solche Verantwortung übernehmen soll?
Auf den Rezepten steht das Geburtsdatum des Betreffenden. Das hätte ein Hinweis sein können. Wenn jetzt aber der Apotheker von der Krankheit des Kindes und der bevorstehenden OP gewusst hat, hätte er durchaus denken können, daß die Dosis der Medikation ihre Richtigkeit gehabt habe.
5.
Stäffelesrutscher 28.08.2013
Zitat von lukappwie ein Apotheker ohne Kontakt mit dem Patienten eine solche Verantwortung übernehmen soll?
Ganz einfach: Wer seine Profitraten immer damit begründet, er ziehe nicht nur Schubladen auf, sondern berate, dem fällt das irgendwann auf die Füße ...
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