Öffentliche Toiletten Heikles Örtchen

Öffentliche Toiletten sind selten Orte der Freude. Kolumnist Jens Lubbadeh meidet den Hautkontakt, wo er nur kann, doch manchmal kommt man an der Klobrille einfach nicht vorbei. Ist das dann nur eklig oder auch gesundheitlich bedenklich?

Öffentliche Toilette in Hamburg: Unterschätzte Informationsquelle
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Öffentliche Toilette in Hamburg: Unterschätzte Informationsquelle


Der blaue Teppichboden fühlt sich angenehm an unter meinen nackten Füßen. Ich muss dringend aufs Klo und haste den Gang entlang. Plötzlich höre ich ein sattes Schmatzgeräusch, und verspüre kühle Feuchtigkeit unter meinem rechten Fuß: Eine große dunkle Lache hat sich vor der Tür zum WC ausgebreitet. Ich lege die Hand auf die Klinke, auf dem Metall fühle ich einen rauen Belag. Angewidert drücke ich runter. Ein schrecklicher Anblick bietet sich mir: Die metallene Kloschüssel ist voll bis an den Rand. Wasser schwappt über. Oben schwimmen Exkremente, mittendurch ziehen Stränge durchweichten, nicht mehr weißen Toilettenpapiers. Ein stechender Geruch zieht durch die Luft. Der Boden des ICE-Klos ist geflutet. Ich habe keine Wahl. Ich hebe meinen nackten Fuß, um das Klo zu betreten.

Schweißgebadet schrecke ich hoch. Gottseidank war es nur ein Traum. Aber die Realität in Zugtoiletten ist oft nicht weit davon entfernt und bringt mich immer wieder an meine Ekelgrenzen. Nicht mal für Geld würde ich mich im Zug auf eine Klobrille setzen. Ich kenne Leute, die schon keine Türklinken anfassen. Die müssen auf einer ICE-Toilette doch jedes Mal einen Nervenzusammenbruch haben! Oder Frauen: Anatomisch in dieser Hinsicht leider benachteiligt, stehen sie viel öfter vor der Herausforderung, irgendwie den Hautkontakt mit dem Ekelobjekt Klobrille zu meistern. Ich wüsste zu gerne, mit welchen Tricks sie das tun. Schreiben Sie mir gerne Ihre Erfahrungen.

Klobrillen-Schutztechnik Blättchenmethode

Die gängigste Klobrillen-Schutztechnik ist die Blättchenmethode. Stück für Stück belegt man die Brille mit einzelnen Klopapierfetzen, bevor man sich darauf niederlässt. Das aber erfordert viel Geduld, eine ruhige Hand und ein gewisses geometrisches Verständnis, um die richtige Krümmung hinzubekommen - all das fehlt mir in der Toilettensituation, in der es manchmal um Sekunden geht. Manchmal aber sitzt man ja doch in der Falle. Die wenigen Male, dich ich dann die Abdecktechnik ausprobiert habe, endeten im Desaster. Denn die Blättchen wehen schnell weg. Man darf also eigentlich nicht mehr aufstehen. Tue ich aber, denn mir auf einem öffentlichen Klo auch noch den Rücken zu verrenken, darauf kann ich wirklich verzichten. Spätestens nach zweimaligem Aufstehen kleben einem die Blättchen also an Hintern und Oberschenkel oder sind weggeweht - und mit ihnen dann auch das letzte Bisschen Würde. Ein heimliches NSA-Video von einer dieser Toiletten-Sessions - es wäre bei YouTube auf Jahrzehnte hin ein Klassiker.

Die Japaner haben das Klobrillen-Problem gelöst: In Japan findet man eigentlich nur noch Hightech-Toiletten, die alle möglichen Sperenzchen machen. Eine sinnvolle Funktion aber ist die vollautomatische Klobrillen-Reinigung. Manchmal findet man auch hierzulande etwas ansatzweise in diese Richtung: Auf öffentlichen Toiletten habe ich schon Spender mit passgenauem Klobrillenabdeckpapier gesehen. Das erspart einem wenigstens die Geometrieaufgabe mit den Blättchen. Meistens waren sie aber alle.

Infektionspotential überschätzt

Bleibt nur die Frage: Stelle ich mich vielleicht einfach nur an? In anderen Weltregionen wäre man vielleicht froh, überhaupt eine Klobrille zu haben. Klobrillen auf öffentlichen Toiletten sind meistens zwar eklig, aber sind sie auch gesundheitlich bedenklich?

So gerne ich hier meine Neurose rechtfertigen und Ihnen sagen würde, dass Klobrillen brandgefährlich sind - nach Ansicht von Medizinern sind sie von ihrem Infektionspotential her völlig überschätzt (siehe Interview). Wasserhahn-Griffe und Türklinken sind mikrobiell betrachtet wesentlich bedenklicher.

Unterschätzt sind Toiletten allerdings als Informationsquelle. Und die Rede ist nicht von den Höhlenmalereien der Mitmenschen. Wie viel Mühe kulinarische Dienstleistungseinrichtungen auf die Ausstattung ihrer Toiletten verwenden, korreliert meinen Erfahrungen nach mit der Mühe, die sie in das Essen investieren. Es gilt hier das Bibelwort: "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." Fast immer entspricht in Restaurants die Qualität des Essens dem der Toiletten. Kein Schnickschnack, einfach durchgefliest, sauber durchgewischt - hier erwartet einen bodenständige, aber nahrhafte Kost. Interessant sind diejenigen, die meinen, mit überkandidelten Sperenzchen wie verchromten, eckigen Wasserhähnen und undurchschaubaren Wassermechanismen von der billigen Seife und den ungewaschenen Handtüchern ablenken zu können. Genauso ist dann auch das Essen: reine Fassade. Und schmutzige, vernachlässigte Toiletten entsprechen fast immer lieblosem Fertigfraß.

Ob man diese Erkenntnis auch auf andere Dienstleister übertragen kann? Thank you for choosing Deutsche Bahn.



insgesamt 50 Beiträge
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jke 21.08.2013
1. Frauen
Viele Frauen setzen sich auf öffentlichen Toiletten nicht hin, sondern schweben nur darüber. Wir brauchen in Deutschland (und sicherlich auch anderswo) viel mehr öffentliche Toiletten, gerne auch privatwirtschaftlich ausgerichtet. In den Niederlanden gibt es das in Form von 2theloo, in Deutschland nur in den Einrichtungen der Tank & Rast GmbH (Sanifair). Leider dreht sich auch hier die Diskussion oft nur um die Benutzungsgebühr, und weniger um die Sauberkeit und den gebotenen Komfort.
ReneMeinhardt 21.08.2013
2. dieser artikel ist eine
wahre freude für jeden klo-fetischisten
specialsymbol 21.08.2013
3. Es gibt nur eine Lösung
Festhalten und nicht hinsetzen. Das geht natürlich nur gut solange der Türgriff hält, also vorher testen. Ein weiterer Vorteil ist, dass ein anderes Körperteil des Mannes nicht Gefahr läuft die Klobrille oder gar die Toilettenschüssel innen zu berühren, eine wahre Horrorvorstellung.
keksguru 21.08.2013
4. Hocktechnik hilft....
nach ca. 18 Monaten in Asien, hauptsächlich Mongolei und die Länder drumherum hab ich mir die Hockgechnik angewöhnt.... da dort in ländlichen Regionen (wenn überhaupt) Plumsklos verwendet werden oder man einfach irgendwo abseits hinmacht.... klappt auch im ICE noch bestens, wenn man die Brille hochgeklappt läßt. Denn spätestens im Zug zeigt es sich, daß der Mensch vom Affen abstammt und unsere biologischen Vorfahren haben das sogar ohne Klopapier geschafft... dementsprechend sieht es auch in einigen Zugtoiletten so aus. In dem EC von Stuttgart nach Hamburg sind dann (glücklicherweise) nach 8 Stunden Fahrt im Schnitt auch 50% aller Toiletten gesperrt.
Rickie 21.08.2013
5. Klobrillen eklig?
Klobrillen sind v.a. dann eklig, wenn sich die Leute (Frauen) NICHT hinsetzen. Weil dann garantiert etwas daneben geht. Leute, habt nicht so viel Angst. Verhaltet Euch vernünftig (HINSETZEN auf dem Klo!), dann passiert Euch nix. Und ja. Den schönen Spruch "Bitte hinterlassen Sie die Toilette so, wie Sie sie vorfinden möchten", über den sollten manche Zeitgenossen und -genossinnen nicht weglesen.
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