Öffentliche Toiletten: "Wasserhähne sind viel gefährlicher als die Klobrillen"

Wer auf öffentlichen Toiletten Papier auf den Sitz legt, ist nicht allein: Hygieneforscher Michael Pietsch von der Uni Mainz hält es genauso. Allerdings eher aus ästhetischen Gründen. Denn unhygienisch sind die meisten Klobrillen nicht.

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Öffentliche Toilette: Ekel ist normal

SPIEGEL ONLINE: Herr Pietsch, wie halten Sie es? Setzen Sie sich in einer öffentlichen Toilette ganz locker hin?

Pietsch: Nein, ich lege immer vorher Papier auf die Klobrille. Aber ich tue das rein aus ästhetischen Gründen.

SPIEGEL ONLINE: Aus ästhetischen Gründen?

Pietsch: Öffentliche Toilettenanlagen sehen meistens nicht besonders schön aus, viele Menschen ekelt das, das ist auch normal und verständlich. Aber wenn etwas unästhetisch aussieht, muss es nicht zwingend unhygienisch, also infektiös sein - und genauso kann es auch umgekehrt sein.

ZUR PERSON

Michael Pietsch ist stellvertretender Leiter der Abteilung Hygiene und Umweltmedizin an der Uni Mainz.

SPIEGEL ONLINE: Dann kann einem auf einer Klobrille also nichts passieren?

Pietsch: In der Regel gehen Infektionen nicht von der Toilette selbst aus. Um eine Krankheit zu übertragen, müsste jemand die Pathogene auf die Klobrille aufbringen. Denkbar wären zum Beispiel Durchfall erzeugende Salmonellen, da kann es natürlich zu einer Verschmutzung der Brille kommen. Aber über die Haut können die Erreger nicht eindringen, die ist - wenn sie unverletzt ist - eine natürliche Barriere. Die Erreger müssten dann irgendwie in den Mund des nächsten Toilettennutzers gelangen, was aber ziemlich unwahrscheinlich ist. Nein, auf den Toiletten hat man in Deutschland die geringsten Infektionsprobleme. Die Wasserhähne sind viel gefährlicher als die Klobrillen

SPIEGEL ONLINE: Wieso das?

Pietsch: Überall wo Sie mit den Händen dran kommen, ist die Wahrscheinlichkeit einer Infektion viel höher. Der Durchfallkranke hat sich womöglich bei dem Toilettengang die Hände verschmutzt, fasst dann den Wasserhahn an, um sich zu waschen und überträgt dadurch die Keime darauf. Beim nächsten Nutzer gelangen sie dann auf dessen Hände. Dann braucht es nur noch einen Griff an den Mund und schon hat man sich infiziert. Am besten sind berührungslose Waschanlagen. Oder solche mit Desinfektionsmittel-Spendern.

SPIEGEL ONLINE: Dieses dauernde Hände-Desinfizieren ist also nicht nur was für Neurotiker?

Pietsch: Neurotisch ist das nur, wenn man meint, man müsse das auch dauernd zuhause machen. Bei öffentlichen Einrichtungen aber ist das äußerst sinnvoll. Vorausgesetzt, die Desinfektionsmittel werden regelmäßig erneuert und sind nicht uralt.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt ja Leute, die panische Angst vor Türklinken haben und Türen nur noch mit den Ellbogen öffnen. Diese Angst ist dann also nicht unbegründet?

Pietsch: Türklinken und Geländergriffe sind dann ein Problem, wenn infizierte Menschen mit einer Durchfallerkrankung, zum Beispiel aufgrund von Salmonellen oder Noroviren, sich nicht richtig die Hände gewaschen haben und sie kontaminieren. Aber solche Leute sind ja krank und laufen nicht in der Öffentlichkeit rum. Sie sind entweder zuhause oder im Krankenhaus. Dort sind Türklinken und Treppengeländer ein Risiko, aber nicht in der Öffentlichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Nochmal zurück zur Klobrille. Es sind ja vor allem Frauen, die häufiger Kontakt damit haben. Frauen haben auch häufiger Blasenentzündungen. Gibt es da einen Zusammenhang?

Pietsch: Ich kenne keinerlei Daten, die einen solchen Zusammenhang zeigen. Das kann ich mir auch nicht vorstellen, denn dafür müsste die Harnröhre in Kontakt mit der Klobrille kommen, was aber aufgrund der Anatomie so gut wie unmöglich ist.

SPIEGEL ONLINE: Kann man sich eventuell Pilze holen?

Pietsch: Halte ich anatomisch bedingt genauso für unmöglich.

SPIEGEL ONLINE: Manche Leute bevorzugen feuchtes Toilettenpapier. Da man auf öffentlichen Toiletten meistens kein Waschbecken in Reichweite hat, befeuchten sie dann das Toilettenpapier mit Wasser aus der Toilettenschüssel. Was halten Sie davon?

Pietsch: Davon würde ich dringend abraten! Denn in einer Toilettenschüssel sind natürlich viel mehr Keime als auf der Klobrille, auch pathogene. Und das ist dann eine andere Geschichte, denn die gelangen über das Papier auf die Schleimhaut, die wesentlich durchlässiger für Keime ist als die normale Haut. Nein, nehmen Sie lieber immer abgepackte feuchte Toilettentücher mit.

Interview: Jens Lubbadeh

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insgesamt 61 Beiträge
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1. toiletten
sawatzkirainer 21.08.2013
Die meisten Toiletten sind eine Katastrophe.
2. Wasser aus der Schüssel...?
_micka_ 21.08.2013
Die Anmerkung des Interviewers, dass manche Leute das Papier mit dem Wasser aus der Toilettenschüssel anfeuchten, befremdet mich sehr... Ich hoffe, dass dies nur eine Test-Frage war, um die Reaktion des Wissenschaftlers abzuwarten.
3. Waschbecken in der Kabine
Henry II 21.08.2013
In Schweden hat es in den meisten WC-Kabinen auch ein Waschbecken, dies hat immerhin den Vorteil, dass - vorausgesetzt die Hände werden auch gewaschen - die Klinke mit sauberen Händen angefasst wird.
4. Was
juttakristina 21.08.2013
nützt die desinfizierende Seife, wenn es leider genügend Leute gibt, die sich gar nicht die Hände waschen? Als ich in der Gastronomie arbeitete, stellte ich auch häufiger fest, dass das Papier alle war, als ich selbst mal einem Bedürfnis nachkommen musste. Da ich an einer Hand abzählen kann, wie oft man mich vorher informierte, schließe ich mal aus, dass das ausgerechnet bei der Frau vor mir ausgegangen sein sollte. Ich weiß nicht, ob die Frauen davor alle mit Tempos ausgestattet waren, um sich zu behelfen...
5.
salmo-nelli 21.08.2013
Zitat von juttakristinanützt die desinfizierende Seife, wenn es leider genügend Leute gibt, die sich gar nicht die Hände waschen? Als ich in der Gastronomie arbeitete, stellte ich auch häufiger fest, dass das Papier alle war, als ich selbst mal einem Bedürfnis nachkommen musste. Da ich an einer Hand abzählen kann, wie oft man mich vorher informierte, schließe ich mal aus, dass das ausgerechnet bei der Frau vor mir ausgegangen sein sollte. Ich weiß nicht, ob die Frauen davor alle mit Tempos ausgestattet waren, um sich zu behelfen...
Die gehören doch zur Grundausstattung jeder fremdkloerfahrenen Frau, ebenso wie Feuchttücher in Handtasche oder Rucksack. Im Notfall ziehe ich zum Händeabtrocknen meine Jeans diffus dreckig aussehenden Handtüchern oder Gebläsetrocknern vor. Aber bei nichtvorhandenem Klopapier würde die natürlich auch nicht helfen....
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