Ein rätselhafter Patient Der Cola-Notfall

Nach einem Glas Cola bekommt eine junge Frau Quaddeln auf der Haut, sie verliert das Bewusstsein. Die Ärzte stehen zunächst vor einem Rätsel - dann stellen sie eine einzigartige Diagnose.

Glas mit Cola
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Glas mit Cola

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Die 20-Jährige hatte bisher keinerlei Allergien. Ihr Essen hat sie immer vertragen, auch bei Pollen oder Medikamenten gab es nie Probleme. Dann aber bildet sich auf ihrer Haut ein juckender Ausschlag, und sie verliert das Bewusstsein - kurz nachdem sie ein Glas Cola getrunken hat. Um die Ursache zu ergründen, sucht die Frau Hilfe im Ajou University Hospital in Südkorea.

Den Ärzten erzählt sie von einigen seltsamen Situationen im vergangenen Jahr. Schon einmal bildeten sich Quaddeln auf ihrer Haut, nachdem sie Cola getrunken und Brot gegessen hatte. Ähnliches passierte ihr auch kurz nach dem Verzehr von Honig, Erdbeermarmelade, Eiscreme, Äpfeln und Pfirsichen.

Die Ärzte nehmen der Patientin Blut ab und schicken es ins Labor. Die Werte liegen alle im Normalbereich, die Anzahl ihrer Blutkörperchen ist genauso durchschnittlich wie Funktionstests von Schilddrüse und Leber. Daneben prüfen die Mediziner ihr Blut auf bestimmte Antikörper, sogenannte Immunglobuline E (IgE), wie sie im "Journal of Clinical Allergy and Clinical Immunology" berichten. Diese Antikörper spielen bei Allergien eine wichtige Rolle.

Parasitenabwehr fehlgeleitet

Eigentlich sind die Antikörper dafür da, Eindringlinge wie etwa parasitäre Würmer zu erkennen und das Immunsystem zu aktivieren. Bei Allergien allerdings irren die Antikörper und reagieren auf eigentlich harmlose Stoffe wie Birkenpollen oder Nussbestandteile. Die spürbaren Folgen reichen von einer laufenden Nase über Ausschlag bis hin zur Atemnot und Lebensgefahr.

Das Sonderbare bei der Patientin in Südkorea: Trotz der deutlichen allergischen Reaktionen finden die Ärzte keine auffällig erhöhten Mengen von Antikörpern im Blut.

Die Ärzte können auch keine speziellen Antikörper gegen typische Allergene nachweisen. Weder mit Hausstaubmilben, Gluten, Birken, Pfirsich, Eichen, Ambrosia noch mit Beifuß scheint ihr Körper Probleme zu haben. Trotzdem trauen die Ärzte dem Ergebnis noch nicht. Eine Cola-Reaktion wäre so ungewöhnlich, dass es wahrscheinlicher erscheint, eine gewöhnliche Allergie übersehen zu haben. Sie träufeln ihrer Patientin bei einem weiteren Test häufige Allergene auf die Haut, ritzen diese an, doch alles bleibt unauffällig.

Steckt doch die Cola hinter den Beschwerden?

200 Milliliter Cola, unter medizinischer Beobachtung

Um diese Frage zu beantworten, entscheiden sich die Ärzte für eine simple Methode: Sie lassen ihre Patientin ein Glas Cola (0,2 Liter) trinken - und müssen nicht lange warten. Eine Viertelstunde später sprießt ein Ausschlag auf ihren Händen, den Beinen und dem Rücken, die Haut schwillt an. Die Limonade ist der Auslöser, das ist nun klar. Nur auf welche Zutat reagiert ihr Körper? Aufgrund der Erzählungen der Patientin liegt vor allem ein Verdächtiger nahe: der Zucker.

Allein in dem einen Glas Cola steckten mehr als 20 Gramm Saccharose, der typische Haushaltszucker. Am nächsten Tag überprüfen die Ärzte den Verdacht und lassen ihre Patientin knapp 20 Gramm Saccharose schlucken, dieses Mal ohne Cola. Wieder zeigen sich die allergischen Beschwerden.

Noch ist den Medizinern das Ergebnis nicht exakt genug. Denn Haushaltszucker ist eine Verbindung aus zwei Stoffen. Zur einen Hälfte besteht er aus Glukose, also Traubenzucker, zur anderen aus Fruktose, auch bekannt als Fruchtzucker. Im Darm spaltet der Körper den Zucker in die beiden Bestandteile auf, um sie weiter zu verdauen.

Welcher ist der Auslöser? Noch einmal muss die 20-Jährige Zucker zu sich nehmen, wobei sie nicht weiß, was sie gerade konsumiert. Neben Glukose und Fruktose setzen die Mediziner der Patientin zwei weitere Zuckerarten sowie Mehl vor. Auch dieses Ergebnis ist eindeutig.

Einzigartige Allergie

Nachdem die Frau rund 20 Gramm Fruktose geschluckt hat, dauert es nur sieben Minuten, bis ein Ausschlag ihren Körper übersät, und sie um Luft ringt. Auf die anderen Zucker reagiert sie nicht.

Die Fruktose war also für die Ohnmacht nach der Cola verantwortlich. Noch nie zuvor wurde ein solcher Fall beschrieben, heißt es im Fachartikel. Die Allergie scheint auch ungewöhnlich zu verlaufen. Trotz der starken Reaktionen finden die Mediziner keine Antikörper gegen Fruktose. Bei weiteren Tests beobachten sie jedoch, wie die Fruktose bestimmte Abwehrzellen direkt aktiviert.

Sie lassen offen, mit welchen Ratschlägen sie ihre Patientin nach Hause schicken. Sehr wahrscheinlich ist jedoch, dass die Frau größere Mengen Fruktose und damit auch größere Mengen Haushaltszucker meiden soll.

Kleinere Mengen scheinen ihrem Körper keine spürbaren Probleme zu bereiten, sonst hätten sich die Beschwerden deutlich häufiger gezeigt.

Fruktose steckt in sehr vielen Lebensmitteln, vor allem in mit Haushaltszucker gesüßten Speisen und Obst, aber in kleineren Mengen auch in einigen Gemüse- und Getreidesorten.

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insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
territrades 06.05.2018
1. Frage
Die Ärzte haben mindestens dreimal den allergischen Schock der Patientin bewusst herbeigeführt. Sicherlich war die damit einverstanden und die Diagnose wird ihr helfen solche Schocks in der Zukunft zu vermeiden. Aber hätte man das auch so in Deutschland tun dürfen?
manatiseekuh 06.05.2018
2. Keine Allergien?
Wenn man seit einem Jahr Quaddeln bei süßen Lebensmittel hat, ist eine Allergie doch naheliegend.
varlex 06.05.2018
3.
Zitat von territradesDie Ärzte haben mindestens dreimal den allergischen Schock der Patientin bewusst herbeigeführt. Sicherlich war die damit einverstanden und die Diagnose wird ihr helfen solche Schocks in der Zukunft zu vermeiden. Aber hätte man das auch so in Deutschland tun dürfen?
Ja. Anders verlaufen doch Allergietest bei uns auch nicht. Man löst den allergischen Schock unter kontrollierten Bedingungen aus, um herauszufinden, welcher Stoff genau dafür zuständig ist.
edinger 06.05.2018
4. Der Artikel enthält grob fehlerhafte Informationen-
Haushaltzucker enthält (wenigstens in der EU) weder Glukose noch Fructose sondern ausschliesslich Saccharose aus Rüben und Rohrzucker. Soll mit solch einem schlecht recherchierten Artikel der Feldzug gegen den Zucker unterstützt werden? Ich erwarte eine Richtigstellung!
lathea 06.05.2018
5. Fruktose dockt auch an den......
......Alkoholrezeptoren an. Das ist jedem Arzt bekannt. Ebenso ist jedem Arzt der Zusammenhang zwischen Fruktose und Zuckeralkoholen (z.B. Sorbit/Sorbitol) bekannt. Es ist auch jedem Arzt bekannt, wie einige Patienten auf Alkohol und auch auf Zuckeralkohole reagieren. Daher frage ich mich, ob die Ärzte bei diesem Fall eine von der Pharma- und Lebensmittelindustrie induzierte Volksverdummung betreiben oder wirklich so naiv sind. In der Homöopathie gibt es übrigens Medikamente, die lediglich kleine Mengen Sorbitol enthalten: danach werden die Patienten zwar nicht ohnmächtig, aber sie können sehr gut einschlafen, da es sich um homöopathische Schlafmittel handelt. Natürlich gilt das nicht für alle Patienten, sondern hauptsächlich für solche mit einem gestörten Stoffwechsel, der oft eine Adipositas verursacht. Diesen Ausschlag kann man dann manchmal auch beobachten - oft kurz vor einem kleinen Schlaganfall bzw. Exitus. Wie bei anderen Alkoholen auch.
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