Angehörige und Organspende "Die letzte Last hat sie mir gelassen"

Wenn ein geliebter Mensch gestorben ist, müssen Angehörige manchmal eine schwere Entscheidung fällen: für oder gegen eine Organspende. Zwei Betroffene erzählen - und haben einen Appell an alle.

Getty Images/EyeEm

Von Eva Schläfer


Als es in einer Weihnachtsnacht an der Tür von Heiner Röschert klingelt, ist eines seiner Kinder tot, das andere liegt im Sterben. Die 27-jährige Pia und der 25-jährige Felix haben den Heiligabend bei ihrem Vater in der Nähe von Würzburg gefeiert. Auf dem Rückweg geraten die Grundschullehrerin und der Krankenpfleger auf der Bundesstraße in das Rennen zweier Männer Anfang 40. Mit mehr als 160 km/h rast der erste Wagen - der Fahrer hat mehr als zwei Promille - in Pias Auto. Es wird in den Straßengraben katapultiert, schleudert zurück, wird vom zweiten Wagen erfasst.

Pia ist sofort tot. Felix wird mit Schädelhirntrauma, Hirnschwellung und drei Brüchen des ersten Halswirbels in die Uniklinik Würzburg gebracht. Dort hat er seine Ausbildung absolviert, dort arbeitete er in reduzierter Stundenzahl. Er wollte sein Abitur nachholen und studieren.

Als Heiner Röschert auf der Intensivstation eintrifft, wird ihm gesagt, dass er sich keine großen Hoffnungen machen solle.

"Es war sein Wille"

"Nach ein paar Stunden fragte der Oberarzt der Klinik, ob Felix einen Organspendeausweis hat", erzählt Heiner Röschert heute, gut sechs Jahre nach dem Unglück. "Das habe ich bejaht. Mir wurde dann die Frage gestellt, ob das für mich infrage kommt. Das habe ich wiederum bejaht. Mein Sohn hat den Spenderausweis bewusst ausgefüllt. Es war sein Wille." Die Röscherts hatten zu Hause über Organspende gesprochen. Auch Pia hatte einen Spenderausweis. Weil sie bereits am Unfallort verstarb, kam sie als Spenderin nicht in Frage.

In Deutschland gibt es zwei Voraussetzungen für eine postmortale Organspende: Der Verstorbene oder die Angehörigen müssen der Organentnahme zugestimmt haben. Und zwei dafür qualifizierte Ärzte müssen unabhängig voneinander den Hirntod festgestellt haben, also den unumkehrbaren Ausfall der gesamten Hirnfunktionen.

Die Schaltzentrale des menschlichen Organismus, das Hirn, ist abgestorben. Die Atmung und damit auch der Herzschlag des Menschen werden nur noch durch Maschinen aufrechterhalten.

Heiner Röschert verständigt Angehörige und die Freundin von Felix. Sie studiert in Frankreich und braucht einen knappen Tag, bis sie in Würzburg eintrifft. Drei Stunden vor der Explantation, die 30 Stunden nach dem Unfall stattfindet, kommt sie auf der Intensivstation an und kann sich von ihrem Freund verabschieden.

"Du kannst ja auch Nein ankreuzen"

Wie er ohne Felix' Organspendeausweis entschieden hätte? Heiner Röschert ist sich nicht sicher. "Man ist in einer solchen Ausnahmesituation. Ich hatte das Glück, das Wissen zu haben." Er appelliert an alle, eine Entscheidung zu treffen. "Es ist eine einmalige Chance, das, was du möchtest, in einem Ausweis zu dokumentieren - nicht nur für dich, sondern auch für Deine Angehörigen. Du kannst ja auch Nein auf dem Ausweis ankreuzen."

Wie belastend diese Entscheidung sein kann, wenn der Wille des Verstorbenen unbekannt ist, das weiß Ina Igler. Im Sommer vor acht Jahren wird ihre langjährige Freundin Charlotte Bender (beide Namen geändert) bewusstlos in ein Krankenhaus in Thüringen eingeliefert.

Im Portemonnaie der 66-jährigen Rentnerin befindet sich eine Vollmacht, die Charlotte mehr als zehn Jahre zuvor verfasst hatte. Damals musste sie sich einer Operation unterziehen. Ihre Familie befand sich im Ausland, sie wollte vorsorgen. "Charlotte sagte zu mir: Es wäre mir lieb, wenn du eine Entscheidung triffst, wenn es etwas zu entscheiden gäbe." Sie tat ihrer Freundin den Gefallen gerne. "Damals habe ich gedacht: Es wird schon nichts passieren."

Bei der OP passierte nichts, doch nun nimmt die Vollmacht einen entscheidenden Einfluss auf Iglers Leben: Sie ist diejenige, die das Krankenhaus nach dem Zusammenbruch der Freundin kontaktiert. Dort angekommen, eröffnet ihr die Ärztin, dass ein Blutgerinnsel in Benders Halsschlagader steckengeblieben ist. Die nächsten Stunden würden über ihre Überlebenschancen entscheiden.

"Man schwankt wie ein Halm im Wind"

Nach einer durchwachten Nacht bekommt sie Unterstützung durch Benders Bruder und Tochter. "Am Morgen wurde uns mitgeteilt, dass Charlotte verstorben und der Hirntod eingetreten ist", sagt Igler. Sie alle hätten den Tod nicht fassen können: "Charlotte sah schön aus, die Hände waren warm, ich habe den Puls gefühlt." Die Ärztin habe nach dem Vermächtnis einer Organspende gefragt oder inwieweit die Familie bereit sei, eine Entscheidung zu treffen. Igler erinnert sich an diese Stunden: "Man schwankt wie ein Halm im Wind."

Sie wägen Für und Wider ab, immer wieder. Als sich die Gespräche nach Iglers Gefühl im Kreis drehen, trifft sie auf Basis der Vollmacht eine Entscheidung. "Das war für mich nicht einfach. Ich habe gedacht, dass Charlotte eine Frau war, die immer alles für die anderen gegeben hat. Sie wollte immer, dass es allen gut geht, dass alle gesund sind. Das hat mich geleitet." Ina Igler stimmt der Organspende zu. Charlotte Bender werden eine Niere, Leber und Herz entnommen. Die Organe werden drei Menschen implantiert. Die Familie akzeptiert die Entscheidung. Ina Igler hat heute noch Kontakt zu ihr.

Doch gemeinsame Freunde werfen ihr vor, Charlottes Körper ausgeschlachtet zu haben. Sie bricht den Kontakt zu manchen Leuten komplett ab, zieht sich zurück, arbeitet permanent. "Ich konnte die Reaktionen der Leute nicht verstehen, war auch erschrocken darüber." Trotzdem habe sie gezweifelt.

"Ich habe mich gefragt, ob die anderen doch recht hatten, ob ich einen Fehler gemacht habe", erzählt sie. Die Vorfälle hätten tiefe Wunden auf ihrer Seele hinterlassen. Sie habe zwar nie gegrollt mit ihrer Freundin, aber: "Charlotte hat sich immer die Last von allen aufgebürdet, aber die letzte Last hat sie mir gelassen."

Erst als sie Angehörige von anderen Organspendern kennenlernt, wird sie aufgefangen, öffnet sich wieder ihrer Umwelt.

Ina Igler und Heiner Röschert erhalten jährlich eine anonyme Mitteilung, wie es den Empfängern der gespendeten Organe geht. Felix wurden fünf Organe entnommen, die vier Menschen implantiert wurden. Alle sind wohlauf. Von Charlottes Organempfängern lebt noch einer.

Igler und Röschert engagieren sich heute pro Organspende und treten dafür ein, dass Organspender von der Gesellschaft stärker anerkannt und als Lebensretter wahrgenommen werden. Ein Patentrezept, wie das geschehen kann, haben sie nicht. Aber sie glauben daran, dass auch das eine Maßnahme sein könnte, die Zahl der Organspenden in Deutschland wieder steigen zu lassen. Und damit Leben zu retten.


Einen Organspendeausweis können Sie zum Beispiel hier herunterladen, ausdrucken und ausfüllen. Alternativ gibt es das Dokument auch gratis in Apotheken.



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