Transplantations-Prüfbericht Das Organversagen

Zu langsam, mit zu wenigen Befugnissen ausgestattet, nicht weit genug in die Vergangenheit reichend: Die Untersuchung der Unregelmäßigkeiten bei Lebertransplantationen geht nicht tief genug.

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Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP): Nicht für jeden Arzt einen Kontrolleur
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Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP): Nicht für jeden Arzt einen Kontrolleur


Als Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) die Pressekonferenz verlässt, murmelt er: "Wollen wir hoffen, dass wir jetzt mal einen Schritt weitergekommen sind." Er meint die Aufarbeitung der Transplantationsskandale, die Deutschland im vergangenen Jahr erschüttert haben. Experten haben heute in Berlin ihre Arbeit des vergangenen Jahres vorgestellt, in dem sie in allen 24 deutschen Lebertransplantationsprogrammen überprüft haben, was dort in den Jahren 2010 und 2011 passiert ist.

Ja, die Aufarbeitung ist einen Schritt weitergekommen, es liegen Ergebnisse auf dem Tisch: Für jede einzelne Klinik haben die Prüfer in einem dicken Manuskript aufgelistet, was sie kontrolliert, welche Fragen sie gestellt und welche Antworten sie bekommen haben. Rund 1200 Akten haben sie überprüft, in ihrem Bericht stellen sie die Einzelfälle mit zahlreichen medizinischen Details vor. Der Weg zu einem transparenten System in Deutschland bleibt indes noch weit.

Neu ist, dass neben Göttingen, Leipzig und am Münchner Klinikum rechts der Isar auch an der Uni-Klinik Münster systematisch gemauschelt wurde. Von 67 geprüften Fällen gab es dort 25 schwere Richtlinienverstöße. In fünf von 30 Fällen hatten die in der Dokumentation angegebenen Dialysen gar nicht stattgefunden. Wird ein Patient dialysepflichtig, katapultiert ihn das schnell nach oben auf der Warteliste. Auch bei drei alkoholkranken Patienten wurde offenbar gegen die Richtlinien verstoßen.

Ehrenamtliche Prüfer, angewiesen auf Hilfe der Kliniken

In den anderen 20 Lebertransplantationszentren gab es gar keine oder nur solche Verstöße gegen die Richtlinien, die keinen Verdacht auf systematische oder bewusste Falschangaben lieferten. Es seien Bewertungs-, Dokumentations- und Flüchtigkeitsfehler gewesen, berichtet Anne-Gret Rinder, Vorsitzende der Überwachungskommission der Ständigen Kommission Organtransplantation (Stäko) der Bundesärztekammer (Bäk).

Die Beschränkung auf die Jahre 2010 und 2011 offenbart sich jedoch als deutlicher Schwachpunkt der Analysen, wie das Beispiel Regensburg zeigt: Bereits seit 2012 ist bekannt, dass es dort zu Manipulationen kam. Allerdings fanden die vor 2010 statt - und damit fiel die Klinik durch das Prüfungsraster. "Wir gehen wieder nach Regensburg und prüfen auch die weiter zurückliegenden Jahren", so Rinder zu SPIEGEL ONLINE. Andere Kliniken bleiben jedoch von einer weiter zurückgehenden Kontrolle verschont.

Es hat ein ganzes Jahr gedauert, bis die Experten ihre Ergebnisse vorlegen konnten. Das liegt nicht etwa am Willen der Prüfer. Die Juristen und Ärzte haben ihre Arbeit ehrenamtlich getan und sich mit viel Engagement für die Aufklärung eingesetzt. Doch sie waren auf die Hilfe die Kliniken angewiesen. Im Bericht von der Überprüfung in Münster etwa steht: "Die Vorlage der erforderlichen Unterlagen verlief bei der ersten Visitation äußerst schleppend und war zum Teil gar nicht möglich." Erst bei den nachfolgenden Visitationen sei dieser Mangel behoben worden.

Interaktive Karte: Transplantationszentren
Quelle: Deutsche Stiftung Organtransplantation

Das deutsche System hat ein wichtiges Manko: Es liegt nicht in staatlicher Hand. Private Stiftungen wie die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) sind für die Organspenden zuständig, Eurotransplant für die Verteilung der Organe. Die Stäko wiederum erstellt die Richtlinien, nach denen Organe verteilt und Transplantationen zu erfolgen haben.

Zwar mischen in den verschiedenen Gremien mittlerweile Staats- und Landesvertreter, Ethiker und Juristen mit. Die volle Verantwortung für die Frage über Leben und Tod - denn die stellt sich aufgrund des Organmangels bei der Auswahl der Empfänger - will das Gesundheitsministerium indes nicht übernehmen: "Ich glaube nicht, dass eine Behörde es besser machen würde als die Selbstverwaltung der Ärzte", so Bahr. "Sie können nicht jedem Arzt einen Staatsbeauftragten an die Seite stellen." Kontrollen bleiben dadurch aber schwierig.

In vielen weiteren Punkten gibt es Überarbeitungsbedarf:

  • In Deutschland wird an zu vielen Standorten transplantiert. Johann-Magnus von Stackelberg vom Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherungen sagte: "Wir haben ein Zuviel an Transplantationszentren. Von 24 Zentren unterschreiten 18 die Mindestfallzahlen." Auch Bahr meint: "Wir brauchen nicht 24 Lebertransplantationszentren in Deutschland."
  • Noch fehlt ein Register, das Aussagen darüber zulässt, wie erfolgreich welche Transplantation verläuft und wie gut die verschiedenen Kliniken arbeiten. Zwar ist ein solches Register mittlerweile im Aufbau, doch bis Ergebnisse zu erwarten sind, werden vermutlich noch Jahre vergehen.
  • Ärzte und Juristen diskutieren immer wieder darüber, ob die Richtlinien der Stäko gerecht sind, nach denen die Organe vergeben werden. Lebern werden hierzulande seit Jahren nach dem sogenannten Meld-Score verteilt. Danach bekommen besonders dringende Patienten schnell ein Organ, die Erfolgschancen bleiben aber schlicht unberücksichtigt. Das deutsche Transplantationsgesetz wiederum besagt, dass sowohl Erfolgsaussichten als auch die Dringlichkeit berücksichtigt werden müssten, was einen Widerspruch in sich bedeutet. Ärztepräsident Montgomery meint dazu ausweichend: "Die Richtlinien sind nicht statisch, sie werden von uns immer weiter entwickelt."

Der Schritt, den die Prüf- und Überwachungskommission heute getan hat, ist wichtig. Aber er wirft neue Fragen auf. Unter anderem die, ob die Menschen dem Organspendesystem wieder vertrauen wollen. Der Schaden, den einzelne angerichtet haben - das zeigt sich nicht zuletzt an den ständig sinkenden Zahlen der Organspender - bleibt immens.

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
Anton 100 04.09.2013
1. Selbstkontrolle = Selbstbegünstigung
Solange es nicht ein unabhängiges und zugleich staatliches "Bundesamt für Medizin- und Transplantationsrecht" gibt, mit kompetenter personeller Ausstattung in juristischer und medizinischer Hinsicht und mit Einblicks- und Überprüfungsrechten analog einer Staatsanwaltschaft oder einem Gericht, wird man in die Seriosität von "Organspenden" und deren Nutzung durch die Ärzte (es sind ja die Ärzte die treibenden Kräfte, nicht die relativ ahnungs- und hilflosen Patienten) kein Zutrauen haben dürfen.
Gerdd 04.09.2013
2. Der Arzt, nicht der Patient ...
Zitat von Anton 100Solange es nicht ein unabhängiges und zugleich staatliches "Bundesamt für Medizin- und Transplantationsrecht" gibt, mit kompetenter personeller Ausstattung in juristischer und medizinischer Hinsicht und mit Einblicks- und Überprüfungsrechten analog einer Staatsanwaltschaft oder einem Gericht, wird man in die Seriosität von "Organspenden" und deren Nutzung durch die Ärzte (es sind ja die Ärzte die treibenden Kräfte, nicht die relativ ahnungs- und hilflosen Patienten) kein Zutrauen haben dürfen.
... ist die treibende Kraft. Beide gehen hier eine Allianz ein - dem Patienten winkt ein längeres oder beschwerdefreieres Leben. Aber dem Arzt winkt ein erhöhter Umsatz. Um einen Blinddarm zu entfernen, braucht es nur einen Patienten, der seinen noch hat. Um ein Organ zu transplantieren, braucht es en Spenderorgan, und die sind nicht beliebig zu vermehren. So ist es verständlich - wenn auch nicht moralisch vertretbar - daß es um jedes Prgan einen harten Wettbewerb gibt. Da wäre es schon zu begrüßen, wenn letztlich eine neutrale Stelle die Vergabe nach sachlich nachzuvollziehenden Kriterien vornimmt und beteiligte Mediziner möglichst wenig Einfluß darauf haben. Wenn erst einmal ein solches Verfahren eingeführt und öffentlich bekannt wird, kann man wieder anfangen, die potenziellen Spender um ihr Vertrauen zu bitten. Es ist vielleicht der kritischste Aspekt der Transplantationsmedizin, daß zwar der Spender seinen Beitrag unentgeltlich leistet, aber der medizinische Betrieb dabei versucht, sich eine goldene Nase zu verdienen. Es wäre auch hilfreich, wenn man zum Beispiel nicht hören müßte, daß es Prämien für Chefärzte gibt, die ihren Kliniken über eine Quote hinaus zusätzlichen Umsatz bescheren.
spielzeugland 04.09.2013
3.
Zitat von Anton 100Solange es nicht ein unabhängiges und zugleich staatliches "Bundesamt für Medizin- und Transplantationsrecht" gibt, mit kompetenter personeller Ausstattung in juristischer und medizinischer Hinsicht und mit Einblicks- und Überprüfungsrechten analog einer Staatsanwaltschaft oder einem Gericht, wird man in die Seriosität von "Organspenden" und deren Nutzung durch die Ärzte (es sind ja die Ärzte die treibenden Kräfte, nicht die relativ ahnungs- und hilflosen Patienten) kein Zutrauen haben dürfen.
Es wird langsam echt langweilig. Die Ärzte haben mehr Geld wenn KEINE Transplantationen durchgeführt werden.
joblack 04.09.2013
4. optional
Das kommt mir immer noch nach Filz und mangelhafter Kontrolle vor. Ich habe in meinem Geldbeutel extra einen Zettel der Organspende ausschliesst. Wer mich so hinters Licht führt bekommt von mir keinerlei Unterstützung.
stefan.p1 04.09.2013
5. gesunder Menschenverstandt
mal ganz ohne Detail-wissen. da kommt eine Person von hoher Wichtigkeit oder mit viel Geld mit einem ernsten gesundheitlichen Problem- Leberschaden, Nieren kaputt oder ähnlichem. Und da will uns dieser Clown von der Klientel Partei FDP ernsthaft verkaufen , das diese Person in Zukunft genauso lange auf ein Spenderorgan warten muss wie Peter Schmitz von der XY-Tiefbau AG! Für wie blöd hält diese Rozznase eigentlich den Wähler?
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