Neue BZgA-Kampagne Der verzweifelte Kampf um Organspender

Jeden Tag sterben drei Menschen in Deutschland, weil sie vergeblich auf ein Organ warten. Doch die Zahl der Spender sinkt und sinkt. Mit einer neuen Kampagne kämpft die BZgA um Vertrauen nach dem Transplantationsskandal. Prominente und Aufklärung sollen es richten.

BZgA

Das Sterben ihres Mannes musste einen Sinn haben. Neun Tage lang hatten die Ärzte nach einer Hirnblutung um sein Leben gekämpft, seine Frau und seine beiden Söhne flehten ihn an: "Bitte mach doch deine Augen auf!" Doch sie blieben für immer geschlossen. Dann erfuhr Marilen Feichtinger von der Möglichkeit einer Organspende, sie brauchte nur eine Stunde Bedenkzeit. Am 14. August 2007 wurde ihr Mann zum Spender. Bis heute hat Marilen Feichtinger ihre Entscheidung nicht bereut.

Die Geschichte ist nur eine von vielen, die das Blog Organspende-Geschichten erzählt. Es ist Teil einer neuen Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG), die nach den Organspendeskandalen an den deutschen Uni-Kliniken das verloren gegangene Vertrauen der Bürger zurückgewinnen soll. Jeder sollte die Chance nutzen, für sich eine Entscheidung "entweder für oder gegen eine Organspende" zu treffen, erklärte Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) am Donnerstag zum Start der Kampagne in Berlin.

Unterstützt wird die neue Organspendekampagne von Prominenten wie dem Schauspieler und "Tatort"-Kommissar Klaus J. Behrendt, Biathlon-Olympiasiegerin Kati Wilhelm, Fernsehmoderator Markus Lanz und dem Olympiasieger im Gewichtheben, Matthias Steiner. Die Aktion unter dem Motto "Das trägt man heute: den Organspendeausweis" soll mehr Menschen als bisher dazu bewegen, sich mit dem Thema Organspende auseinanderzusetzen. "Das schafft Klarheit, auch für die Angehörigen, die dadurch im Ernstfall entlastet werden", erklärte Bahr.

Deutsche sind nicht abgeneigt - doch der Ausweis fehlt

Dabei sind die Deutschen der Organspende gegenüber grundsätzlich nicht abgeneigt. Problematisch sei jedoch die Diskrepanz zwischen grundsätzlicher Organspendebereitschaft und der Zahl derjenigen, die einen Organspendeausweis besitzen, sagte die Direktorin der BZgA Elisabeth Pott. Zwar stünden 70 Prozent der Bürger der Organspende positiv gegenüber, doch nur 22 Prozent habe dies in einem Spenderausweis dokumentiert.

Wegen der vor zehn Monaten bekanntgewordenen Manipulationsvorwürfe im Zusammenhang mit Lebertransplantationen an mehreren deutschen Organspendezentren waren die Spenderzahlen in Deutschland dramatisch eingebrochen. Im Vergleich zum Vorjahr sank die Zahl der Organspenden 2012 um knapp 13 Prozent auf den niedrigsten Stand seit 2002. Auch Anfang 2013 setzte sich der Abwärtstrend fort.

An den Universitätskliniken Göttingen, Regensburg und Leipzig sowie am Münchner Klinikum rechts der Isar waren Manipulationen im Zusammenhang mit Lebertransplantationen aufgedeckt worden. In vielen Fällen sollen Daten gefälscht und Krankenakten verändert worden sein, um Patienten auf der Liste für eine Spenderleber nach oben zu schieben. Ein zuletzt in Göttingen tätiger Transplantationsmediziner sitzt in Untersuchungshaft. In Bayern müssen als Konsequenz zwei Lebertransplantationszentren schließen.

Bahr: "Das passiert nicht noch einmal"

Seit September kontrolliert die unabhängige Prüf- und Überwachungskommission der Bundesärztekammer (BÄK) alle 25 Leber-Transplantationsprogramme in Deutschland. Die Prüfung steht kurz vor dem Abschluss. Später sollen auch die Herz- und Nierenprogramme übeprüft werden.

"Wir haben mehrere Regeln gesetzt und Kriterien vorgegeben, dass so etwas nicht noch mal passiert", zeigte sich Gesundheitsminister Bahr im rbb-Inforadio optimistisch, dass Manipulationen der Vergangenheit angehören. Es gebe "jetzt immer unangemeldete Kontrollen" und eine bessere staatliche Aufsicht. Zudem könne kein Arzt mehr alleine über die Kriterien für die Aufnahme eines Patienten auf die Warteliste für ein Spenderorgan entscheiden, es gelte nun ein Sechs-Augen-Prinzip.

Bundesweit stehen rund 12.000 schwerkranke Menschen auf der Warteliste für eine Transplantation. Laut Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) sterben täglich drei der Patienten, weil sie nicht rechtzeitig ein passendes Spenderorgan erhalten.

Sieben Gründe für einen Organspendeausweis
Lesen Sie hier sieben Argumente, wieso jeder Versicherte einen Organspendeausweis ausfüllen sollte, wenn er von seiner Krankenkasse das Informationsschreiben erhält.

irb/AFP/dpa



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insgesamt 266 Beiträge
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Seite 1
whaleryda 30.05.2013
1. Ich muss gestehen, dass
ich schon die vorangegangene Kampagne irrwitzig fand. Alle Verantwortlichen führen immer wieder das fadenscheinige Argument einer freien Entscheidung an. Wer bitte kann in einem Land, dass in dieser Hinsicht an altchristlicher Umnachtung leidet, eine solche Entscheidung frei treffen?
christiananonymous 30.05.2013
2. Organspende
Nur weil unsere Politiker nichts auf die Reihe bringen... Hätte man wie in vielen Ländern üblich, jeden zum Organspender gemacht, der nicht dagegen ist, sähe es ganz anderst aus. Niemand würde gezwungen, die Organspenderanzahl wäre aber um einiges höher. Wo ist das Problem?
mathmag 30.05.2013
3. Aufklärung
Zitat von sysopBZgAJeden Tag sterben drei Menschen in Deutschland, weil sie vergeblich auf ein Organ warten. Doch die Zahl der Spender sinkt und sinkt. Mit einer neuen Kampagne kämpft die BZgA um Vertrauen nach dem Transplantationsskandal. Prominente und Aufklärung sollen es richten. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/organspende-bzga-startet-neue-kampagne-nach-transplantationsskandal-a-902821.html
Mmmh, ist mit Aufklärung mal eine offene Diskussion über die Definition von "Hirntod", Feststellung desselben und ähnliches gemeint? Ein ehrliches Auseinandersetzen mit den Ängsten, die auch vor dem Spenden abschrecken? Oder nur Imagekampagne und Trommeln mit emotionalen rührenden Geschichten?
nichtsowichtig 30.05.2013
4.
Ob Organspende oder DKMS, reagiert wird erst wenn im direkten Umfeld ein Fall eintritt. Und diejenigen die auf ein Organ warten und selbst nicht bereit sind zu spenden, wäre es da nicht richtig diese ganz hinten auf die Liste zu setzen und die die nen Ausweis haben nach vorne. Wahrscheinlich gehts nicht ohne einen gewissen Druck.
ralf_si 30.05.2013
5.
Da ich bestimmte Bevölkerungsgruppen von meiner Organspende nicht ausschließen kann, gibt's grundsätzlich keine Einwilligung.
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