Plädoyer zur Organspende: Mehr Mut für ein hilfreiches Geschenk

Die Organspendereform hat den Bundesrat passiert - nun soll die Zahl der Spender steigen. Doch einige Menschen zweifeln am Hirntod, andere wollen nicht darüber nachdenken. Der Medizinethiker Urban Wiesing zeigt in einer Nutzen-Schaden-Abwägung, warum ein Geschenk fürs Leben nach dem Tod so wichtig ist.

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DSO/ Johannes Rey

Am heutigen Tag sterben in Deutschland drei Menschen, die vergeblich auf ein Spenderorgan gewartet haben. Morgen auch und ebenso jeden weiteren Tag, an dem sich nicht mehr Menschen dazu entscheiden, nach ihrem Tod Organe zu spenden.

Nur etwa jeder vierte Bundesbürger besitzt einen Spenderausweis. Sollten es nicht viel mehr sein? Oder - anders gefragt: Gibt es gute Gründe, die eine Spende nach dem Tod dringend nahelegen?

Für eine Antwort schaue man auf den Nutzen und den Schaden. Der Nutzen ist unbestritten: Eine Transplantation kann das Leben des Empfängers retten und ein Leben mit höherer Qualität ermöglichen. Die quälende Wartezeit auf ein Organ ließe sich durch mehr Spenden verkürzen.

Bliebe also die Frage nach dem Schaden für den Spender - und die zu beantworten ist komplizierter. Zunächst liegt das an der gefühlten Unklarheit, die mit dem Hirntod verbunden ist. Einige Bürger zweifeln, ob der Mensch mit dem Hirntod wirklich tot ist. Manche fürchten, sie könnten von Ärzten voreilig für hirntot erklärt werden. Die Diskussion um den Hirntod ist kontrovers und füllt zahlreiche gelehrte Bücher, doch zumindest einiges Unstrittiges lässt sich festhalten: Das Transplantationsgesetz erlaubt die Entnahme von Organen, sofern zwei Ärzte unabhängig voneinander den "endgültigen, nicht behebbaren Ausfall der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms" feststellen. Bei den Ärzten muss es sich um erfahrene Mediziner handeln, die nach dem Stand der Wissenschaft arbeiten, nicht zum Transplantationsteam gehören und keinerlei Weisungen aus diesem Team unterstehen. Die Anforderungen an die Hirntod-Diagnostik sind damit sehr hoch.

Hirntod
Definition
Der Hirntod bedeutet in Deutschland nach den Richtlinien der Bundesärztekammer, dass alle Funktionen des Großhirns, Kleinhirns und Hirnstamms irreversibel erloschen sind. Nur durch eine kontrollierte Beatmung werden die Herz- und Kreislauffunktionen künstlich aufrechterhalten.
Bestimmung
Bei der Diagnostik müssen zwei erfahrene - von einer etwaigen Transplantation unabhängige - Intensivmediziner den Hirntod bestimmen. Zunächst müssen sie sich versichern, dass eine schwere primäre oder sekundäre Hirnschädigung (Blutung, Verletzung, Infarkt) vorliegt und keine Vergiftung, Drogenwirkung, Schock oder Ähnliches zum Ausfall der Hirnfunktionen geführt haben. Dann testen sie innerhalb von 12, 24 oder 72 Stunden zweimal, ob alle Funktionen, die über den Hirnstamm koordiniert werden, erloschen sind. Dazu zählen etwa der Lidschlussreflex, der Würgereflex, lichtstarre, weite Pupillen und der Ausfall der Spontanatmung. Ergänzend weisen sie mit einem Null-Linien-EEG, der fehlenden Durchblutung der Hirnarterien und mit weiteren speziellen Hirnstrommessungen nach, dass der Hirntod irreversibel eingetreten ist.
Kritik
Die Definition des Hirntods stammt aus dem Jahr 1968, in dem sich in den USA das sogenannte Ad Hoc Committee an der Harvard Medical School gründete. Es befürwortete den irreversiblen Ausfall aller Hirnfunktionen als neue Todesdefinition. Bis dahin war ein Mensch definitionsgemäß tot, wenn sein Herz und Kreislauf unwiederbringlich stillstanden. Kritiker halten entgegen, dass Hirntote noch schwitzen, ausscheiden und unter Umständen sogar ein Kind austragen können. Demnach ist das Gehirn nur eines von mehreren für den Erhalt der Lebensfunktionen wichtigen Organe. Der Deutsche Ethikrat hat im März 2012 vor dem Hintergrund des Transplantationsgesetzes über die Frage "Wann ist ein Mensch tot?" debattiert.
"Herztod"
Im Gegensatz zu Deutschland gibt es in Ländern wie den USA, der Schweiz, den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Österreich, Tschechien, Slowenien, Italien, Spanien und Portugal die Möglichkeit, Menschen unter definierten Umständen nach einem Herzstillstand Organe zu entnehmen - ohne dass ein Hirntod eingetreten oder diagnostiziert wurde. In Deutschland wird diese Praxis der "Non-Heart-Beating-Donors" sowohl von Seiten der Bundesärztekammer also auch der Politik strikt abgelehnt.
Bei Hirntod findet keine Kommunikation mehr statt

Aufgrund des irreversiblen Ausfalls des ganzen Gehirns kann ein hirntoter Mensch niemals mehr mit seiner Umwelt in Kontakt treten und auch niemals mehr etwas für sich empfinden - weder Positives noch Negatives. Der Spender muss wegen seiner Spende weder auf Kommunikation mit der Umwelt noch irgendein Selbstverhältnis verzichten. Die Fähigkeiten, so etwas wahrzunehmen, sind beim Hirntod nicht mehr vorhanden und werden auch nicht wieder kommen. Dies gilt auch, wenn der Spender noch eine kurze Zeit künstlich beatmet wird, um den Hirntod festzustellen und die Entnahme der Organe zu organisieren.

Wenn also die Entnahme von Organen dem hirntoten Menschen für das irdische Dasein keinen Schaden zufügt, dann bliebe zu klären, ob die Organspende Nachteile für ein Leben jenseits des irdischen birgt. Dabei steht man vor der Schwierigkeit, dass wir als Menschen über ein jenseitiges Leben nichts Verlässliches aussagen können. Wir wissen nichts über ein Leben nach dem Tode, was uns jedoch nicht daran hindert, Mutmaßungen anzustellen.

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Dazu gehört die Überlegung, ob die körperliche Integrität, also der Verzicht auf eine Entnahme von Organen nach dem Hirntod, für ein jenseitiges Leben von irgendeinem Vorteil, ja vielleicht sogar notwendig sein könnte. Genau dies scheint höchst unwahrscheinlich: Der menschliche Körper wird sich nach dem Tod auflösen, seine Integrität wird allemal zerstört. Gibt es irgendwelche Hinweise, dass die Entnahme von Organen ganz zu Beginn dieses Prozesses einen Einfluss auf die Qualität eines jenseitigen Lebens hat - wie immer es auch aussehen mag? Wohl kaum! Ob man nun Organe nach dem Hirntod entnimmt oder nicht dürfte keinen Einfluss nehmen auf das, was dann kommen könnte. Freilich: Diese Aussage lässt sich nicht beweisen, sie scheint jedoch höchst plausibel.

Nutzen für den Empfänger - kein Nachteil für den Spender

Wenn also die Spende eines Organs nach dem Hirntod dem Spender keinerlei Nachteile zufügt - höchst wahrscheinlich auch nicht für ein jenseitiges Leben -, dem Empfänger aber gravierende Vorteile verschafft, dann ist das Verhältnis eindeutig: Hier der große Nutzen für den Empfänger, dort der nicht vorhandene Nachteil für den Spender. Insofern bedarf es keiner Uneigennützigkeit für eine Organspende nach dem Tode, da ein Mensch im Zustand des Hirntodes auf nichts verzichten kann.

Auch die Rede von einem selbstlosen Handeln ist irreführend, wenn kein Selbst mehr vorhanden ist. Man kann lange darüber streiten, ob bei einer Organspende nach dem Tod überhaupt noch von Altruismus gesprochen werden sollte. In jedem Fall ist es eine Handlung, die dem Spender nicht von Nachteil ist und dem Empfänger große Vorteile bietet.

Doch jenseits des Kalküls verbleibt bei nicht wenigen Bürgern eine emotionale Zurückhaltung: Sie möchten sich über die Zeit nach ihrem Tod keine Gedanken machen. Sie scheuen belastende Überlegungen zum Tod und zur Entnahme von Organen. Das ist zu respektieren, gleichwohl: Angesichts des erheblichen Nutzens für einen Empfänger sollten sich potentielle Spender darüber im Klaren sein, welch hilfreiches Geschenk ihre Weigerung zur Organspende vorenthält. Und sie dürfen eines nicht vergessen: Sollte bei ihnen ein Organ versagen, wollen auch sie möglichst schnell ein Transplantat bekommen. Insofern darf man in derart wichtigen Angelegenheiten durchaus an den Mut appellieren, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.

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insgesamt 183 Beiträge
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1.
glen13 15.06.2012
Zitat von sysopDie Organspendereform hat den Bundesrat passiert - nun soll die Zahl der Spender steigen. Doch einige Menschen zweifeln am Hirntod, andere wollen nicht darüber nachdenken. Der Medizinethiker Urban Wiesing zeigt in einer Nutzen-Schaden-Abwägung, warum ein Geschenk fürs Leben nach dem Tod so wichtig ist. Organspende: Ethiker plädiert für mehr Transplantationen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,835319,00.html)
Bisher war ich zu faul, bequem oder was auch immer. Jetzt habe ich den bequemen pdf - Download genutzt und meinen Spenderausweis ausgefüllt. Und ich muss sagen, ich fühle mich nicht schlechter.
2. Non sequitur
An-On 15.06.2012
Der Autor geht - wie koennte es auch anders sein, er will ja das Organbeschaffungsgesetz rechtfertigen - mal wieder dem eigentlichen Problem aus dem Weg, indem er "Mensch" und "Gehirn" gleichsetzt. Gehirn kaputt -> Mensch weg, so ist seine einfache Gleichung, und mit der kann er dann auch problemlos seine Behauptung "Organspende ist super" beweisen. Allein, was sagt er wohl zu Menschen, die den Rest ihres Koerpers nicht als ein blosses Anhaengsel, quasi als Lebenserhaltungssystem des Gehirns betrachten? Zu Menschen, die sagen: Solange mein Rueckenmark noch Reflexe zeigt, solange mein Herz noch schlagen und meine Leber noch arbeiten kann (ob mit oder ohne technische Hilfe), bin ich noch nicht tot? Vielleicht sterbend, vielleicht sogar unaufhaltsam sterbend, aber nicht tot? Fuer die hat der Autor wohl keine Antwort. Und die wird er - hoffentlich - auch nicht ueberzeugen.
3.
An-On 15.06.2012
Zitat von glen13Jetzt habe ich den bequemen pdf - Download genutzt und meinen Spenderausweis ausgefüllt. Und ich muss sagen, ich fühle mich nicht schlechter.
*Noch* nicht.
4. Organbeschaffungsgesetz
fragel 15.06.2012
Sehr guter Begriff. Voir wenigen Tagen wurde ein Mann zu einer Haftstrafe verurteilt , weil er seiner Mutter zu einen würdevollen Tod verholfen hat , indem er sebstständig die Künstliche Versorgung seiner Mutter abgebrochen hat. Sterbehilfe sei verboten. Doch hätte er seine Mutter zum Ausschlachten frei gegeben, wäre sie von den Ärzten ausgeschlachtet worden und es wäre billigend in Kauf genommen worden ,. das sie durch die Organentnahme regelrecht verreckt wäre. Es iust schon eigenartig , wie die deutsche Gesetzgebung ausgelegt wird.Der eine muss in den Knast, aber eben nur , weil er seiner Mutter beim Sterben helfen wollte , die Ärzte aber dürfen die Menschen ausschlachten , solange es Geld bringt.
5. Organspende!
flieder2 15.06.2012
Warum bekommen hirntote Menschen in der Schweiz vor der Organentnahme Schmerzmedikamente verabreicht und in Deutschland nicht. Ich habe eine Diskussionsrunde von deutschen Aerzten gehoert, da sgte ein Arzt, das man nach dem heutigen Stand der Medizin gar nicht weiss ob und wenn, wieviel Schmerzen ein hirntoter Mensch empfindet.Keiner der anderen Aerzte der Diskussionsrunde hat ihm wiedersprochen. Und ich soll mir im Falle des Hirntods Organe entnehmen lassen?
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Zur Person
  • Urban Wiesing
    Professor Urban Wiesing ist Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universität Tübingen. Der Arzt und Philosoph beschäftigt sich seit Jahren mit Ethikbedingungen in der Reproduktionsmedizin und Gentechnologie und ist Vorsitzender der "Zentralen Kommission zur Wahrung ethischer Grundsätze in der Medizin und ihren Grenzgebieten" bei der Bundesärztekammer.

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