Von Ausweis bis Widerspruch Fünf Fakten zur Organspende

In Deutschland werden vergleichsweise wenige Organe gespendet, Gesundheitsminister Spahn will das ändern. Was sind eigentlich die Ursachen? Und wie funktioniert der Spendeausweis? Ein Überblick.

Organspendeausweis
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Organspendeausweis


Mit einem Gesetzesvorstoß und einer öffentlichen Debatte will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die Bereitschaft der Deutschen zur Organspende steigern. Jeder sollte sich einmal im Leben der Thematik stellen und entscheiden, ob er im Todesfall Organe spenden würde, sagte Spahn bei einem Besuch des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein am Freitag in Kiel. Dies sei man den derzeit rund 10.000 Patienten schuldig, die in Deutschland auf den Wartelisten für eine Transplantation stünden.

Am Samstag ist der Tag der Organspende. Zeit, sich mit dem Ausweis, der Situation in Deutschland und der Widerspruchsregelung zu beschäftigten.

1. Organspendeausweis: Man kann zustimmen - oder widersprechen

Die Krankenkasse Barmer hat rund tausend ihrer Mitglieder zur Organspende befragt. Eine Frage lautete: "Wussten Sie, dass man sich mit einem Organspendeausweis nicht nur für, sondern auch konkret gegen eine Entnahme von Organen festlegen kann?" Knapp 40 Prozent der Teilnehmer war dies nicht bewusst.

Konkret erlaubt der Ausweis sogar noch mehr, er bietet folgende Optionen:

  • der Spende zuzustimmen,
  • sie abzulehnen,
  • nur die Spende bestimmter Organe zuzulassen beziehungsweise einzelne Organe von der Spende auszuklammern
  • oder eine Person zu bestimmen, die die Entscheidung dann treffen soll. Dies muss nicht zwingend ein Angehöriger sein.

Das Dokument gibt es gratis in Apotheken oder zum Beispiel hier zum Herunterladen.

2. Der Organspendeausweis gilt nicht erst ab 18 Jahren

Für Minderjährige können Eltern viele Entscheidungen treffen, aber nicht alle. Jugendliche ab 16 Jahren können mit dem Ausweis kundtun, dass sie ihre Organe spenden würden. Der Widerspruch kann sogar schon ab dem 14. Lebensjahr erklärt werden, schreibt die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO).

3. In Deutschland werden mehr Organe transplantiert als gespendet

Deutschland ist Mitglied in einem Verbund von acht Staaten, in denen die Organisation Eurotransplant die Vergabe von Spenderorganen regelt. Die weiteren Mitglieder sind Belgien, Kroatien, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Ungarn und Slowenien. "Deutschland gilt im Verbund seit Jahren als Importland", berichtet die DSO. Im Jahr 2017 etwa wurden in Deutschland 2595 Organe postmortal gespendet. 434 davon kamen Empfängern außerhalb des Landes zu. Im selben Jahr aber wurden hierzulande 609 Organe transplantiert, die von Spendern eines anderen Eurotransplant-Landes stammten.

4. Dass in Deutschland relativ wenige Organe gespendet werden, liegt auch an den Kliniken

Die Zahl der gespendeten Organe ist hierzulande niedriger als in den meisten anderen Eurotransplant-Ländern. Wer denkt, dies liege vor allem an der mangelnden Spendebereitschaft der Deutschen, irrt. Ein großes Problem sind die Strukturen an den Kliniken. "Bevor intensivmedizinische Maßnahmen eingestellt werden, sollte immer auch an Organspende gedacht und darüber gesprochen werden. Das ist im Klinikalltag nicht immer der Fall", sagt Axel Rahmel, medizinischer Vorstand der DSO. "Das bedeutet nicht, dass sich Kliniken bewusst der Organspende verweigern. Die Ursachen liegen vielmehr in den enormen Leistungsverdichtungen in den Krankenhäusern, am Druck auf den Intensivstationen und im Personalmangel."

Minister Spahn kündigte an, nach der Sommerpause im September einen Gesetzesentwurf vorzulegen, um eine bessere finanzielle Ausstattung der Kliniken zu erreichen. "Es soll kein Minusgeschäft sein", sagte Spahn über die seiner Meinung nach unzureichende Vergütung für Organentnahmen. Außerdem wolle er in dem Gesetz die Situation der Transplantationsbeauftragten an den Kliniken verbessern. Sie müssten genügend Zeit haben, um mit Angehörigen und Klinikleitung alle wichtigen Fragen zu erörtern.

5. Viele Deutsche könnten sich mit der Widerspruchsregelung anfreunden

Für die Organspende gibt es zwei Voraussetzungen:

  • Zwei speziell geschulte Ärzte müssen unabhängig voneinander den Hirntod des potenziellen Spenders feststellen, also den endgültigen und unumkehrbaren Ausfall der Gesamtfunktion von Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm.
  • Die Zustimmung des Verstorbenen muss etwa in Form eines Organspendeausweises vorliegen oder die Angehörigen müssen der Organspende zustimmen, falls es keine Willensbekundung gibt.

In vielen europäischen Ländern gilt dagegen die Widerspruchsregelung: Wer nicht widerspricht oder explizit die Entscheidung einer anderen Person überträgt, gilt automatisch als potenzieller Organspender. In der Umfrage der Barmer waren 58 Prozent der rund tausend Befragten dafür, diese Regelung auch in Deutschland einzuführen. 27 Prozent waren dagegen, 15 Prozent waren unentschlossen oder haben keine Angabe gemacht.

wbr/dpa



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